#freedeniz

Gemeinsam mit rund 50 jungen Menschen war ich im vergangenen Jahr unterwegs zu einer Veranstaltung. Während der Busfahrt wurden, wie üblich, viele verschiedenen Themen angesprochen. Irgendwann kamen wir auf das Thema Deniz Yücel. Der ehemalige taz-Kolumnist und spätere WELT-Korrespondent saß zu dem Zeitpunkt bereits mehrere Wochen im türkischen Knast. Eine Anklageschrift gab es nicht und es war nicht klar, was genau Yücel überhaupt vorgeworfen wurde. Wir diskutierten ziemlich kontrovers. Ich machte aus meiner Haltung keinen Hehl: Deniz Yücel saß für mich zu Unrecht im Gefängnis.

Yücel war für mich schon immer ein streitbarer Autor, Kolumnist und Journalist. Ich bin sogar mal mit ihm auf Twitter – wegen eines Missverständnisses – aneinandergeraten. Auf seine typische Art hat er mich öffentlich als „kleines mieses Arschloch“ bezeichnet. Ich nahm es ihm nicht krumm, es war mir klar, dass er mich missverstanden haben musste. Den Knast hatte Yücel aus meiner Sicht auf jeden Fall nicht verdient: Journalismus ist kein Verbrechen. Ich erregte mit meiner Meinung jedoch die Gemüter.

Yücel war für viele ein Terrorist und Spion

Meine Gegenüber behaupteten vehement, der Yücel sei in Wirklichkeit ein Terrorist und Spion der Deutschen Regierung oder des Bundesnachrichtendienstes. Er habe den Knast verdient und die Türkei müsse sich gegen solche Spione und Verräter wehren. Die Diskussion brachte am Ende nur die Einsicht, dass wir uns in der Sache Yücel nicht einig werden konnten. Es war erschreckend und zugleich auch ein neuer Moment auf meinem persönlichen Weg. Denn es war eine Fahrt zu einer Veranstaltung einer muslimischen Organisation in Deutschland.

Meine Mitdiskutanten bestanden aus jungen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund – teilweise auch in führenden Positionen innerhalb der Community. Sie haben sich später öffentlich gegen eine Freilassung von Yücel gestellt. Diese Menschen betrübten mich bereits auf der Busfahrt. Sie sitzen in wichtigen und eigentlich verantwortungsvollen Positionen. Sie müssten am besten wissen, dass man nicht die Gedankenwelt junger Menschen vergiften darf. Sie tun es, wider besseres Wissen, dennoch – aus Machtinteressen und um der türkischen Regierung zu gefallen. Es gibt in diesem Milieu fast nur noch Ja-Sager und wer nicht auf Linie ist, wird als Verräter gebrandmarkt. Und das schadet am Ende der Entwicklung einer ganzen Generation, weil sie nur noch in Schwarz und Weiß denkt. Sie opfern dafür ihre Integrität und vor allem ihre angeblich islamischen Ideale.

Bei Deniz Yücel lag man von Anfang an falsch

Mich hatte diese Diskussion damals sehr erschrocken. Ohne wirklich zu überlegen, ohne sich wirklich mit den Fakten vertraut zu machen, wurde einfach eine Position der türkischen Regierung unkritisch und unhinterfragt übernommen. Dabei hatten wir als Kinder immer gelernt, niemals blind – weder den Gelehrten noch den Anführern – zu folgen. Treu sein, der Ummah dienen und den Weiseren in der Gesellschaft zuhören und ihnen folgen – all das war immer mit dem Vorbehalt verbunden: Nur, wenn man nicht im offenkundigen Irrtum ist. Beim Thema Deniz Yücel war man in einem solchen Irrtum. Und heute ist ein deutlicher Beweis dafür geliefert worden.

Deniz Yücel wurde heute in die Freiheit entlassen. Just, nachdem der türkische Ministerpräsident Yildirim (AKP) gestern bei seinem Deutschlandbesuch sagte, er hoffe Yücel komme bald frei. Das ist ein Eingeständnis, sowohl von der türkischen Regierung als auch von der „unabhängigen“ türkischen Justiz. Viel bleibt von der Anklage, die laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu weiterhin 18 Jahre Haft für Yücel fordert, ohnehin nicht übrig. Yücel ist jetzt erst einmal frei und es gibt anscheinend auch keine Auflagen, dass er das Land nicht verlassen darf.

Mich freut es, dass Deniz Yücel jetzt erst einmal wieder frei ist. Ihm wurde Ungerechtigkeit zu teil und man kann ihm nur das Beste für die Zukunft wünschen. Gleichzeitig hofft man aber auch darauf, dass er sich von dieser Erfahrung schnell erholt und mit seiner unvergleichlichen Bissigkeit seinem Job nachgeht: Journalismus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.