Daesh und Hizb-i Islami (Hekmetyar)

Um einen besseren Blick auf Bewegungen wie Daesh zu erhalten, muss man sich auch die Strategien anderer Gruppen und Organisationen vor Augen führen, die man durchaus als Vorläufer betrachten könnte. In den 80er und 90er Jahren war – auch aus Deutschland heraus – die Hizb-i Islami (Hekmetyar) ziemlich stark aktiv. Diese „Islamische Partei“ für Afghanistan widmete sich dem Kampf gegen die sowjet-nahe Regierung in Afghanistan und dem sowjetischen Reich. Auch wenn die Hizb-i Islami ein Verbündeter des Westens im Kampf gegen die russischen Invasoren war, muss ihre Ideologie kritisch betrachtet werden.

In den mir vorliegenden und analysierten Publikationen der Organisation (übrigens in türkischer Sprache) wird immer wieder theologisch begründet, warum man beispielsweise den Krieg gegen die Regierung in Afghanistan aufrechterhalten müsse und ein Friedensvertrag mit den sowjetischen Schoßhunden nicht in Frage komme. Die Aufzeichnungen zeigen, wie mit ideologischem Eifer gezielt Personen aus der muslimischen Community für den Krieg in Afghanistan in Deutschland angeworben wurden. So wurden neue Personen für den Kampf gegen die Russen rekrutiert, gleichzeitig aber auch Gelder für die Unterstützung der Mudschaheddin gesammelt.

Eine fast identische Auslegung von Koran-Versen, die Krieg befürworten

Beim Lesen der Propaganda-Materialen der Hizb-i Islami (Hekmetyar) wird deutlich, dass die Auslegung bestimmter Koran-Verse von damals ziemlich identisch mit der Auslegung der Daesh von heute waren. Es sind sehr starke Parallelen vorhanden, die bei der Lektüre der Auslegungen sehr nachdenklich machen – auch weil man heute Antworten gegen eine solche Auslegung finden muss, die nicht nur kritisiert und abwiegelt, sondern den Adressaten mit seinen Informationen überzeugt. Tatsächlich sind theologische Auseinandersetzungen mit solchen Positionen nur wenig vorhanden – auch weil es an guten Gelehrten und Theologen in Deutschland mangelt. [1]

Interessant ist aber, dass diese Bewegung aus Bonn (damals Regierungssitz und Hauptstadt des Bundes) heraus bis zum endgültigen Sieg über die Sowjetunion frei operieren und sogar Gelder für den bewaffneten Kampf in Afghanistan sammeln konnte, ohne dass die Behörden aktiv werden konnten oder wurden. Die Hizb-i Islami verlor später, nach der Machtübernahme und dem Sieg der Mudschaheddin, stark an Einfluss und Bedeutung. Auch, weil die Taliban (ideologisch durchaus gemäßigter) die Machtansprüche und Regierung stellten und die Hizb-i Islami mit ihrem Eifer für Attentate und Angriffe ihre Unterstützer verprellte. Der Anführer, Hekmetyar, wurde zu einem Warlord und schloss sich offiziell den Taliban und später Osama Bin Laden (Al Qaida) an. Seine Bewegung genießt heute höchstens bei Paschtunen ein gewisses Ansehen.

Prediger und Netzwerke noch immer in Deutschland vorhanden

Interessant ist aber auch, dass es immer wieder durch die deutschen Sicherheitsbehörden, wie den Verfassungsschutz, Hinweise auf radikale Prediger dieser Strömung gab. Noch im Jahr 2011 ist beispielsweise die Ausweisung eines bekannten Predigers dieser Strömung in Frankfurt gescheitert. Dieser kam 1991 als politischer Flüchtling nach Deutschland und predigte seit 2001 in Frankfurt. Sieben Jahre lang hat man versucht ihn abzuschieben, was aber schließlich vor Gericht nicht standhielt. Dank des Internets konnte der Prediger seine Meinung und Thesen jedoch weiter verbreiten, obwohl er in seiner Reisefreiheit beschränkt wurde. [2]

Die meisten Mitglieder der Hizb-i Islami in Deutschland sollen, anders als dieser Prediger, später nach Afghanistan zurückgekehrt sein. Andere wiederum sollen Gerüchten zufolge in wahhabitischen Kreisen in Bonn (im Umfeld der von Saudi-Arabien finanzierten und unterstützten König Fahd-Akademie) aktiv geworden sein. Von Bonn aus ging später auch eine Welle der “dschihadistisch”-salafistischen Bewegung aus, die heute in ganz Deutschland operiert und die Daesh (ideologisch, finanziell und logistisch) unterstützt. Vermutlich funktioniert das auch deshalb so gut, weil Teile in dieser Bewegung bereits Erfahrungen auf diesem Gebiet haben und wissen, wie man solche Bewegungen unter dem Radar von Sicherheitsbehörden unterstützt.

Es fehlt an Expertisen und Nachforschungen zum Thema

Insgesamt findet man zu diesen wichtigen Informationen jedoch nur sehr schwer Zugang, auch weil sie kaum auf deutsch vorliegen und in deutscher Sprache kaum wissenschaftlich behandelt wurden. Ein weiterer Grund für das Fehlen von Informationen ist aber auch, dass die Sicherheitsbehörden schnell nach dem Sturz der Sowjetunion dazu übergegangen sind, solche Gruppierungen unter dem Sammelbegriff “Taliban” zu behandeln. Dabei hätte man am Beispiel dieser Bewegung sehr gut verstehen können, wie der Prozess von Radikalisierung durch ideologische Verblendung funktioniert.

Ein paar wenige Informationen zur Hizb-i Islami und dem Gründer Hekmetyar finden sich in deutscher Sprache in der Online-Enzyklopädie Wikipedia. [3]

Fußnoten

[1] Eine Ausnahme bildet hier ein offener Brief verschiedener Gelehrten an die Daesh. Allerdings fällt sofort auf, dass kein deutschsprachiger Theologe zu den Unterzeichnern gehört. Der Brief kann in einer Übersetzung hier gelesen werden: Offener Brief an al-Baghdadi und ISIS

[2] Daniel Majic: Der Ausweisung entgangen in Frankfurter Rundschau vom 17. November 2011

[3] Hizb-i Islami (Hekmetyar) in Wikipedia

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