Ein Teil meiner Kindheit

Mein Vater ist nach Deutschland gekommen und hat als Matrose angeheuert. Auf seinen Reisen hatte er immer zwei Begleiter. Der eine, war sein älterer Bruder. Mehmet und Abdullah Sahin waren am Anfang unzertrennlich und erlebten das Abenteuer Deutschland gemeinsam. Ihr dritter Begleiter war Yakup. Yakup war erst später dazu gekommen, aber auch er war aus dem gleichen Dorf wie mein Vater und Onkel. Es gab auch familiäre Verbindungen – ein entfernter Cousin. Yakup war ein engagierter Matrose, erhielt sogar mehrfach Belobigungen wegen überragender Leistungen im Dienst. Sie alle drei wollten das schnelle Geld machen und zurück in die Heimat. Doch sie kamen mit den Dingen, die das neue Leben und Land für sie bot, nicht immer gut zurecht.

Während mein Vater sich in die Religion verliebte, verliebte sich mein Onkel in das Geld. Es kam, wie so oft in türkischen Familien, zum Streit. Ein gemeinsamer Hausbau in der Heimat war der offensichtliche Auslöser für eine längere familiäre Krise – die sogar bis heute noch anhält. Mein Vater und mein Onkel sprachen ganze 15 Jahre nicht miteinander – und aktuell auch nicht. Yakup hingegen entwickelte eine andere Leidenschaft. Er genoss den Wein und den Alkohol. Es gab Tage, wo er völlig betrunken versuchte das Schiff in einer neuen Farbe komplett neu zu streichen. Man ließ ihm dies durchgehen – auch weil er sonst sehr gute Arbeit leistete und in einem etwas nüchternen Zustand immer wichtig für die gesamte Besatzung auf dem Schiff war.

Ein Teil meiner Kindheit

Nachdem mein Vater meine älteren Geschwister und meine Mutter, im Rahmen des Familiennachzugs, zu sich geholt hatte, hatte er einen schweren Unfall. In der Folge lag er mehrere Wochen im Krankenhaus. Es war die einzige Zeit, in der mein Vater in seinem ganzen Leben nicht gearbeitet hatte. Er kündigte seinen Job als Matrose und ging nach einem Monat beim Arbeitsamt zur Deutschen Bahn. Dort arbeitete er bis zu seiner Rente. In der Zeit hatte er gerade eine neue Wohnung angemietet, in Wilhelmsburg. Kurze Zeit später kam ich – als erstes Kind unserer großen Familie überhaupt – in Deutschland auf die Welt.

Ich habe Yakup stets als Onkel kennengelernt. Wir nannten ihn Yakup Dayi (Onkel Yakup). Er war ein freundlicher und vor allem korrekter Typ. Ein ruhiger Mensch, der sich nie beklagte oder beschwerte und sein Lächeln hielt selbst den schlimmsten Beschimpfungen stand. Er hat bei seinen Besuchen immer Spielzeug und Süßigkeiten dabei gehabt und erzählte uns Geschichten von seinen Abenteuern auf dem Meer. Natürlich war vieles erfunden – doch einiges war nicht nur interessant, sondern auch faszinierend. Er war ein Teil meiner Kindheit und mein Vater öffnete ihm in dieser Zeit immer die Tür – egal, ob in der Nacht oder am Tag. Yakup sollte nicht auf der Straße bleiben müssen, er gehörte zur Familie. Es gab nur zwei Bedingungen: Kein Alkohol und keine Zigaretten. Onkel Yakup hielt sich immer dran.

Rückkehr oder nicht?

Irgendwann hatte er jedoch so viel Geld zusammen, dass er sich entschloss wieder für immer zurück zu kehren. Es waren da schon gut zwanzig Jahre vergangen. Onkel Yakup besuchte uns ein letztes Mal. Sein letzter Besuch prägte leider das Bild für die Zukunft. Er war angetrunken und wollte bei uns übernachten. Meine Mutter ließ ihn in diesem Zustand nicht herein. Er beschwerte sich bei meinem Vater. Dieser bügelte ihn ab und machte ihm klar, dass er so nicht auftauchen könne und dürfe. Es war eine Zeit, in der man davon sprach, einen Ruf zu verlieren. Onkel Yakup verlor maßgeblich sein Gesicht vor uns. Aber auch darüber beschwerte er sich kaum. Es sprach sich nur leider rum, dass mein Vater den Kontakt mit ihm mied. Viele fragten nach dem Grund, er wurde nicht offenbart.

Yakup kehrte damals zurück. Doch auch vor Ort konnte er sich nicht integrieren. Die Türkei, sein Vaterland und sein Heimatort, waren ihm fremd geworden. Der Kulturschock saß tief, da sich das Land verändert, er jedoch auf der Stelle geblieben war. Seine Kinder, widersprachen ihm, allesamt kostete es ihn immer mehr Überwindung in dieser Atmosphäre zu leben. Er kehrte zurück zu den Schiffen und dem Meer. Er verbrachte sein weiteres halbes Leben auf dem Meer, bis zur Rente. Zwischendurch versuchte er seine Söhne in Brot und Arbeit zu stecken. Es gelang ihm. Nach der Rente fand er die Gelassenheit mit der Situation umzugehen. Seine Kinder waren da schon längst erwachsen. Familie – das funktionierte.

Streit unter Älteren hat die Jüngeren nicht zu interessieren

Der eine wurde Spediteur, der andere Lehrer und der andere ein einfacher Busfahrer. Es sind allesamt super Jungs, die auch für das Gemeinwohl in ihrer Freizeit arbeiten und die einen nicht im Stich lassen. Der Zusammenhalt unter Geschwistern ist noch einmal etwas anderes. Aber – auch weil Onkel Yakup nie wirklich da war – hatten sie das beste aus ihrer Situation gemacht. Einer der Jungs war zwischenzeitlich sogar als Unternehmen in Deutschland. Es war alles selbst erarbeitet.

Selbst während der Phase, wo meine Eltern nicht mehr mit ihm Sprachen, hat Onkel Yakup uns immer dazu angestoßen, den Streit der älteren nicht zu übernehmen. Er sagte immer: „Heute leben wir, morgen werdet ihr leben. Lasst es nicht an euch heran.“ Onkel Yakup hat sich nie negativ über meine Eltern geäußert. Er war immer der Meinung, meine Eltern hätten alles Recht der Welt gehabt ihn so zusammenzustutzen. Es war auch für ihn ein Wendepunkt. Es wollte ihm in dieser Zeit nichts mehr gelingen. Er änderte einiges in seinem Leben.

Letzte Erinnerungen

Auch nach der Erfahrung in der Türkei, war ihm bewusst geworden, wie viel er verpasst hatte. Er hatte sich immer erträumt als alter Großvater für seine Enkel da zu sein. Er ließ sich diese Zeit nicht nehmen. Bei unseren letzten Begegnungen sagte er mir: „Was auch immer passiert: Ich bin dankbar für all die Zeit.“ und mit Blick auf die Freundschaft zu seinen Söhnen und uns sagte er: „Sie sind Familie. Ihr seid Familie. Das vergeht nicht. Mit all seinen Fehlern.“

Es war eine schwierige Zeit und die Familien wurden wieder auf die Probe gestellt. Doch es hielt zusammen, was zusammen gehört. Onkel Yakup war stolz auf seine Jungs. Und für sie war er zuletzt das Dach, das über sie gebaut und errichtet wurde. Seine Rolle als Großvater füllte er völlig aus. In der letzten Zeit hatte er sich wieder stärker seinem Glauben zugewandt. Er bereute vieles. Einige Dinge wollte er vergessen machen. Auch die Niyya auf eine Pilgerfahrt war bekannt.

Tod und Geduld

Er rechnete – wie ich auch – immer damit, irgendwann wegen seiner Leber mit viel Leid sterben zu müssen. Doch, wie so oft im Leben, kam es anders als gedacht. Es war ein unerwarteter Herzinfarkt. Zuhause, mitten im Kreise seiner Familie und Liebsten. Die Wiederbelebungsmaßnahmen vor Ort funktionierten zwar aber auf dem Weg ins Krankenhaus konnten die Sanitäter nichts mehr für ihn tun. Im Krankenhaus konnte nur noch der Tod festgestellt werden. Er verstarb, ohne viel leiden zu müssen. Auch das ist eine Gnade, die er sich obgleich seiner Vergangenheit gewünscht hätte.

Ich telefonierte heute mit seinen Söhnen und kondolierte ihnen. Man konnte förmlich hören, wie die Welt über ihnen zusammengebrochen war. Das hätte ihr Vater niemals so gewollt. Ich machte es nochmal klar und sprach Mut und Geduld zu. Er war ein lebensfroher Mensch – mit seinen Fehlern und Schwächen. Dafür haben wir ihn geliebt. Deshalb werden wir ihn vermissen.

Und auch deshalb, weil wir wissen, wie sich Menschen ändern können, bitten wir Allah um Vergebung für seine Sünden und um Gnade. Inna lillahi wa inna ilayhi radschiuun. Wir kommen vom Geliebten und zu Ihm ist unsere Heimkehr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.