Bettler-Mafia in der Bahn

Wieso man Menschen, die vorgeben Hilfe zu brauchen, kein Geld geben sollte.

Vorgestern bin ich berufsbedingt mit der Bahn von Hamburg nach Frankfurt gefahren. Ich habe an einer Veranstaltung zum Thema Migration und weltwärts, dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst, in den Räumlichkeiten des Landessportbunds Hessen in Frankfurt teilgenommen. Bei der Hinfahrt hat mich am Hauptbahnhof ein Fall sehr mitgenommen und belastet. Ein junger deutscher Mann kam ins Abteil und erzählte, mit bebender und den Tränen naher Stimme, von einem folgenreichen Diebstahl für ihn selbst.

„Entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich weiß, dass klingt jetzt unglaubwürdig, aber ich bin kein Bettler! Mir wurde aus meiner Hosentasche meine Brieftasche geklaut. Ich bin berufstätig in Celle und muss unbedingt dahin kommen. Ich war auch schon bei der Bahnhofsmission, aber man konnte mir nicht helfen. Ich bitte Sie, wenn Sie mir helfen können, dann wäre ich ihnen zu Dank verpflichtet. Ich kann Ihnen auch meinen Arbeitgeber nennen, ich muss unbedingt zurück nach Celle. Ein Ticket dahin kostet im günstigsten Tarif nach Ansage der Bahn 40 €. Bitte, wenn Sie mir helfen können, ich wäre ihnen sehr dankbar“, sagte der junge Mann.

Bettler bekommen nichts von mir

Ich saß an einem Tisch mit drei weiteren Personen, wir schauten uns alle etwas bedrückt an. Ich bin grundsätzlich ein hilfsbereiter Mensch, aber bei solchen Anliegen bleibe ich skeptisch. Ich habe so oft viel Falsches erlebt. Auf der anderen Seite: Mir ist schon mal eine solche Situation passiert. Ich habe mich damals an die Bundespolizei gewandt. Mir wurde weitergeholfen – so, dass ich wenigstens nach Hause konnte. Das ist mir wieder in dem Moment eingefallen. Ich habe ihn dann darauf aufmerksam gemacht, er solle sich unbedingt bei der Polizei am Bahnhof melden. Der junge Mann wirkte dennoch ziemlich verwirrt. Er sah auch wirklich nicht aus, wie ein Bettler. Er stieg aus dem Wagen und ging mit gesenktem Kopf weg.

Einer der Personen mir gegenüber  sagte: „Da kann man halt nix machen.“ Mir war die Situation sehr unangenehm. Eigentlich bin ich ziemlich streng was Bettelei angeht. Ich finde das nicht nur unpassend, ich weiß, dass die meisten Leute nicht betteln müssen und müssten. Gerade erst kürzlich im Ramadan, saßen ein enger Freund und ich in der Nacht am belebten Steindamm in Hamburg draußen vor einem Lokal. Er war für ein paar wichtige Termine kurz nach Hamburg gekommen. Fast alle zehn bis zwanzig Minuten kam ein Bettler vorbei. Mein harsches Abwimmeln und Verscheuchen hatten ihn sichtlich überrascht und verwundert.

Das Schicksal von Menschen in Not berührt einen direkt

Ich erklärte ihm damals, auch etwas rechtfertigend für meinen barschen und harten Ton, dass für die grundlegenden Dinge eigentlich gesorgt ist und selbst muslimische Gemeinschaften diesen Leuten helfen. Sie selbst aber immer noch versuchen, sich über die Bettelei weitere Gelder zu erhaschen. Er zeigte Verständnis, aber meine harte Art hatte ihn überrascht. Ich war nicht immer so. Ich bin so geworden, weil die Menschen einfach die Gutgläubigkeit anderer Menschen ausnutzen und ich immer wieder – bis auf ein einziges Mal – Zeuge davon geworden bin.

Die Geschichte mit dem jungen Mann in der Bahn hat mich dennoch berührt. Das wirkte nicht gespielt und ein Mann der den Tränen nahe ist, belastet mich immer wieder gedanklich. Da kommt Verzweiflung und Hilflosigkeit zum Ausdruck. Ich bin dann zwar nach Frankfurt weitergefahren, aber ich habe mir die Frage gestellt, ob ich doch hätte anders handeln können oder sollen. Es war ja kein großes Geld gewesen. Vermutlich hätte ich zu anderen Zeiten sogar das Geld einfach so rausgezückt und dem jungen Mann geholfen. Die Zeiten aber sind absurd und auch hart. Man spart wo man kann. Selbst beim Thema Spenden für einen guten Zweck. Reisenden zu helfen, gehört jedoch zu den Dingen, für die man die Zakat ausgeben kann. [1] Es ist eine segensreiche Tat.

Bedürftigkeit ist auch eine Frage des Respekts

Mir war einfach übel bei dem Gedanken. Auf der anderen Seite: Heutzutage bleibt Niemand mit einem Job wirklich auf der Strecke. Im schlimmsten Fall, hilft ihm schon sein Chef. Jedenfalls waren das meine Gedanken auf der Hinfahrt nach Frankfurt. Angekommen habe ich mich auf der Münchener Straße im Hotel Union – einen lieben Gruß an den freundlichen Besitzer – eingenistet. Es war ein einfaches Zimmer, aber es hat mir völlig gereicht. Ich erkundete die Straße und habe, nach einer schnellen Empfehlung, gut gegessen. Ich war auf einer Ebene dankbar, für die Möglichkeiten, die mir zuteil werden. Ich war gerade noch am Essen, als ein Bettler die Straße entlang ging. Er machte keine Anstalten die Menschen um sich herum anzusprechen. Ich rief ihn zu mir. Er hatte ein Schild um seinen Hals, auf dem Stand: „Jeder Euro hilft. Danke.“

Der Mann hatte ein unscheinbares, aber wirklich unschuldiges Gesicht. Er zierte sich anzunehmen. Ich drückte ihm dennoch fünf Euro in die Hand. Ich bat ihn eindringlich: „Kein Alkohol! Keine Drogen!“ Er nickte und bedankte sich. Irgendwie wollte ich mit der Handlung auch mein Gewissen erleichtern denke ich. Alles in unserem Leben hat eben auch eine Konsequenz. Dinge, die wir tun und Dinge, die wir nicht tun. Der junge Mann ging und ich sah ihn direkt im Imbiss gegenüber eingehen und mit einem Dürüm in der Hand rausgehen. Es war vermutlich doch Weise und richtig, gerade diesem Mann geholfen zu haben.

Hannover – wie du mich immer wieder auffrisst

Auf meiner gestrigen Rückfahrt von Frankfurt nach Hamburg hat sich dann jedoch etwas Interessantes ereignet. Wir waren gerade mit der Bahn im Hauptbahnhof Hannover eingefahren und wie immer, wenn ich in der Nähe dieser Stadt bin, versank ich zuerst in Gedanken über eine unerfüllte und immer noch nicht vergessene Liebe. Hannover, das ist Teil meines Lebens, bevor ich so wurde, wie ich bin. Ich hatte mich komplett wieder in einer Stimmung verloren, die ich hasse, die aber einfach so kommt, wenn ich in der Nähe der Stadt bin. Ich brauche auch immer etwas Zeit, um da herauszubrechen. Ich will in dieser Stimmung kaum Jemandem begegnen, geschweige denn mit anderen Personen sprechen. So blickte ich aus dem Fenster, blickte zurück in die Vergangenheit und nahm nichts mehr in meiner Umgebung richtig wahr. Doch dann hebte ich meinen Kopf doch noch hoch.

„Entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich weiß, dass klingt jetzt unglaubwürdig, aber ich bin kein Bettler. Mir wurde aus meiner Hosentasche meine Brieftasche geklaut. Ich bin berufstätig in Hamburg und muss unbedingt dahin kommen. Der Schaffner hat mich zwar bis hierher mitgenommen, aber ich bräuchte 20 € für die Weiterfahrt. Ich war auch schon bei der Bahnhofsmission, aber man konnte mir nicht helfen. Ich bitte Sie, wenn Sie mir helfen können, dann wäre ich ihnen zu Dank verpflichtet. Ich kann Ihnen auch meinen Arbeitgeber nennen, ich muss unbedingt zurück nach Hamburg.Bitte, wenn Sie mir helfen können, ich wäre ihnen sehr dankbar“, sagte ein junger Mann mit bebender und bemitleidenswerter Stimme.

Mein Gewissen ist wieder rein

Es war der gleiche junge Mann wie von Vorgestern. Er hatte heute andere Kleidung an, die Ansprache war die gleiche und auch die gespielte Not war gleich. Ein paar Leute waren gerade dabei sich zu überlegen, ob sie ihm helfen wollen. Zwanzig Euro sind nicht die Welt. Da erhob ich meine Stimme: „Weißt du was ich genial finde? Die gleiche Story hast du gestern am Hamburger Hauptbahnhof erzählt und ich habe dir gesagt: Geh zur Bahnhofspolizei.“ Der junge Mann schaute mich an, keine Regung von Scham oder Bedauern. Er ging einfach Richtung Ausgang. Ich rief noch hinterher: „Es ist super, dass ich das noch gesehen habe. Du Vollpfosten!“ Und er verschwand wie der Blitz. Im Abteil gab es ein Raunen: „Also, das ist ja wirklich unglaublich.“ und „Vor so was muss man echt Angst haben.“

Mein Gewissen ist seither wieder Rein. Ich glaube aber nicht mehr, dass ich irgendwelchen Leuten helfen werde, die mir eine solche Story in der Bahn versuchen aufzutischen. Ich war nah dran, ich hab mich und mein Gewissen sogar damit belastet. Aber wirkliche Menschen, die Hilfe brauchen, die erkennt man daran, dass sie nicht auf einen Zugehen, sondern sich zurückhalten. Wir erkennen sie auch daran, wie sie ihre Schlafsäcke unter Brücken und Eingängen von Läden platzieren. Glaubwürdigkeit in der Not: Wer laut schreit, um zu betteln, ist nicht glaubwürdig.

Masche der Bettler-Mafia scheint zu funktionieren

Das der junge Mann an zwei Tagen zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten verschiedenen Menschen die gleiche Story aufgetischt hat, auch in dieser Diktion und Tonlage, zeigt jedoch eines: Die Masche ist erfolgreich. Wir sollten uns daher auch gegenseitig vor solchen Dingen warnen. Denn tatsächlich: Es gibt viele Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Viele Menschen aber nutzen gerade diese Gutmütigkeit von uns allen aus.

Fußnoten

[1] Koran, Sura 9, Vers 60 – In ungefährer Übersetzung auf islam.de: „Die Almosen sind nur für die Armen, die Bedürftigen, diejenigen, die damit beschäftigt sind, diejenigen, deren Herzen vertraut gemacht werden sollen, (den Loskauf von) Sklaven, die Verschuldeten, auf Allahs Weg und (für) den Sohn des Weges, als Verpflichtung von Allah. Allah ist Allwissend und Allweise.“

 

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