Beitrag

Agentur für Arbeit: Bürokraten und Nichtskönner

Jeden Monat stellt die (Bundes-) Agentur für Arbeit ihre aktuellen Zahlen zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit vor. Der Termin ist sowohl für den Chef der Agentur für Arbeit, Herrn Frank Weise, als auch für Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) oft ein willkommener Anlass sich selbst positiv ins Licht zu drücken.

Ständig wird anhand vorliegender Zahlen erklärt, die Arbeitslosigkeit sinke oder sei stabil geblieben. Es wird beschönigt und sich selbst gelobt. Hin und wieder heißt es dann auch noch die Mitarbeiter in den Jobcentern und die Berater in den Agenturen für Arbeit würden eine hervorragende Arbeit leisten.

Persönlicher Eindruck über „hervorragende Arbeit“

Über diese „hervorragende Arbeit“ konnte ich mir bereits Anfang November vergangenen Jahres einen eigenen Eindruck verschaffen. Denn da hatte ich meinen Job als Redakteur bei einem Kölner Verlag gekündigt und mich zeitnah online arbeitssuchend und arbeitslos gemeldet. Erst nach einer Woche erhielt ich dann einen dicken Umschlag in der auch eine Einladung für ein Gespräch über meine berufliche Zukunft drin war. Der Termin war für Mitte Januar vorgesehen.

Ich sollte also etwa drei Monate warten, um überhaupt über meine berufliche Zukunft zu sprechen? Ich nahm Kontakt auf mit der zuständigen Agentur für Arbeit auf. Dies ging allerdings nur über eine 0800er Nummer in der mir irgendwelche Call-Center Leute Fragen beantworten konnten. Ich habe allerdings um einen Rückruf meiner zuständigen Sachbearbeiterin gebeten.

Die rief dann auch an – etwa zwei Tage später – allerdings nur einmal und mit einer anonymisierten Nummer. Sie erreichte mich entsprechend nicht auf meinem Handy. Ich gehe bei anonymisierten Nummern nicht mehr ran. Doch das Resultat dieses nicht erreichens war interessant. In der Online-Jobbörse hatte ich meine Daten hinterlegt. Die Dame strich einfach meine Handynummer aus dem Datensatz – ohne Rücksprache oder Warnung darüber. Ich stellte dies erst am Abend des gleichen Tages fest, als mich das System nach meiner Anmeldung noch einmal nach einer Rufnummer zur Kontaktaufnahme bat.

Anscheinend war man sich selbst für ein drauf sprechen auf meine Mailbox, die auch darüber aufklärt, dass es sich um meine Mailbox handelt, zu fein. Die Kontaktaufnahme gelang erst beim dritten Mal, weil ich ausnahmsweise dann doch ranging, als ein paar Tage später wieder eine anonymisierte Nummer anrief. Einen frühen Termin wollte man mir nicht geben. Dies sei nicht möglich. Stattdessen sollte ich bei Fragen zu irgendwelchen Jobmessen gehen, die veranstaltet würden. Hintergrund: Dort könne man auch meine Unterlagen und Bewerbungsmappen prüfen und Hinweise bekommen.

Jobsuche lief schleppend an

Ich suchte neben der Jobbörse der Agentur für Arbeit auch bei privaten Jobbörsen wie Monster.deStepstone oder Indeed nach möglichen neuen beruflichen Herausforderungen. Doch bis zum Termin, bei der Agentur für Arbeit, ergab sich nichts Konkretes. Dies lag vermutlich auch an der Jahreszeit. Im Winter waren gefühlsmäßig nur wenige Jobs in dem Bereich wo ich arbeiten wollte, offen. Dies änderte sich erst ab dem Februar. Zugleich hagelte es auf meine ersten Bewerbungen nur Absagen.

Jede Absage hatte aber etwas Gutes. Ich wusste irgendwas mache ich falsch. Also analysierte ich die Bewerbungen von A-Z auf ihre möglichen Fehler und verbesserte sie immer weiter, bis sie aus meiner Sicht perfekt waren. Das Resultat war, dass sich die Zahl der Rückmeldungen mit: „Bitte haben Sie noch etwas geduld“ ebenso vermehrten wie die Einladungen zum Bewerbungsgespräch.

Falsche Hoffnungen

In den Termin mit der Agentur für Arbeit hatte ich besonders viele Erwartungen gesteckt. Vielleicht hätte man Empfehlungen für mich, vielleicht sogar Ideen für andere Jobfelder. Entsprechend hatte ich alle Unterlagen gesammelt und mitgenommen. Doch der Termin fiel aus. Er war aus dem System gestrichen worden – erneut – ohne mir dies mal mitzuteilen. Der Hintergrund war für mich aber extrem abstrus.

In den Briefen, die ich erhalten hatte, stand immer drin, ich könne mich online arbeitslos melden, solange ich mich nachträglich auch persönlich melden würde. Ich hatte fälschlicherweise angenommen, diese persönliche Arbeitslosmeldung würde bei meinem Termin mit der Sachbearbeiterin stattfinden. Tatsächlich stand in einem der Merkblätter-Büchlein (die ich mir natürlich nicht durchgelesen habe) das diese Meldung am 1. Tag der Arbeitslosigkeit stattfinden müsse und auch wo.

Falscher Nachname

Ich habe aber über diese Versäumnis keine Information erhalten. Stattdessen durfte ich dann von der verdutzten Sachbearbeiterin, die zum Zeitpunkt wo der Termin stattfinden sollte ihr Marmaladenbrot aß, erfahren was jetzt zu tun sei. Ich ging dann in den ersten Stock und stellte mich in eine Reihe mit all den Menschen, die sich alle arbeitslos melden wollten. Ich musste eine verspätete Anmeldung angeben – wodurch mir auch Leistungen für eine weitere Woche gesperrt werden würden.

Ich ging nach der Anmeldung dann in den Wartebereich und wartete darauf, dass mein Name aufgerufen werden würde. Ein junger Mann, der vor mir da gewesen war, stand direkt auf, als „Herr Sahin“ aufgerufen wurde. Eine Weile später wurde noch mal „Herr Sahin“ aufgerufen. Ich stand auf und wollte dem Herrn die Hand reichen. Dieser schaute mich grimmig an drehte sich um sagte: „Folgen Sie mir!“

Wir saßen dann an seinem Tisch und der Mann hatte einen extrem vorwurfsvollen Blick drauf. „Sie melden sich aber spät arbeitslos“, sagte er. Ich erklärte dann, was passiert war. Er schaute mich immer noch grimmig an und sagte: „Ich hätte sie mindestens vor zwei Jahren hier erwartet!“ Das wiederum ließ mich etwas merkwürdig drein blicken. Und dann kam der Hammer: „Wir sind nicht das Sozialamt. Sie werden sich für Hartz IV anmelden. Wir können in ihrem Fall nichts tun.“ Da wurde mir schnell klar, dass der Mann entweder den falschen Datensatz vor sich hatte, oder ein Idiot war. Es war glücklicherweise nur der falsche Datensatz. Anscheinend war ich früher aufgerufen worden, als der junge Mann, der vor mir da gewesen war. Jetzt hatte man seinen Datensatz aufgemacht. Eine Verwechslung.

„Ach du meine Güte. Das tut mir ja wirklich unendlich leid. Ihr Fall ist ja ganz einfach gelagert. Wir klären das jetzt und sie bekommen einen neuen Termin bei ihrer zuständigen Sachbearbeiterin. Sie werden vermutlich noch einmal eine Woche Sperrzeit bekommen – es sei denn, sie haben gut Gründe für die verspätete Anmeldung.“ – Hab ich nicht gehabt, deshalb war mir das auch egal. Am Ende verabschiedete ich mich und bekam diesmal vom Sachbearbeiter von sich aus den Handschlag angeboten. Der nächste Termin wurde mir dann knapp eine Woche später per Post mitgeteilt. Er war Mitte Februar.

Agentur für Arbeit war keine Hilfe

Meine Jobsuche ging unterdessen weiter, die ersten Einladungen zu Vorstellungsgesprächen kamen auch so langsam ein. Doch ich musste mich mit Papierkram auseinandersetzen. Unter anderem wollte die Agentur für Arbeit einiges an Unterlagen haben – inkls. einem Fragebogen an meinen früheren Arbeitgeber – was alles gemeinsam abgegeben werden musste, damit überhaupt geklärt werden konnte, was ich nach dem Ende der Sperrzeit, die definitiv drei Monate betragen würde, erhalten könnte.

Nebenher stand der Termin, auf den ich so viel Hoffnung gesetzt hatte, dann doch statt. Doch er begann mit den Worten: „Ja, in ihrem Bereich sind wir nicht gut. Da werden Sie sicherlich selbst fündig werden. Wir können da nicht helfen.“ Die Sachbearbeiterin hatte Klartext gesprochen. Die Agentur für Arbeit war nicht in der Lage im Bereich IT, Medien und entsprechendem zu vermitteln. Das seien Gebiete, in denen man nicht so fit sei.

Es wurde hinterhergeworfen, ich sei eigentlich der ideale Kandidat für eine Umschulung. Irgendwie war mir dann egal, was die Sachbearbeiterin noch so zu erzählen hatte. Andere Kollegen und Freunde hatten ähnliche Erfahrungen gemacht. Es gab nur sehr wenige, die mal wirklich konstruktive Hilfe erhalten hatten, wenn sie mal arbeitslos waren. Ansonsten Pustekuchen. Ich bat darum, dass man sich mal meine Unterlagen anschauen solle, vor allem meine Bewerbungsmappe. Ich würde einen Termin erhalten, hieß es.

Man muss auch mal laut werden

Der Termin war für Ende Februar gesetzt. Doch kurz vor dem Termin erhielt ich einen Anruf (erneut mit anonymisierter Nummer). Diesmal war man so nett meine Nummer nicht aus dem System zu streichen. Stattdessen wurde mir auf das Band gesprochen. Der zuständige Sachbearbeiter sei krank geworden. Ich würde einen neuen Termin erhalten.

Unterdessen vervollständigte ich alle Unterlagen und legte sie dem Arbeitsamt vor. Gewartet hatte ich vor allem auf die Erklärung von meinem Arbeitgeber. Und die hat mich nerven gekostet. Anscheinend hatte man in dem Fragebogen an einer falschen Stelle ein Kreuz gesetzt. Die Dame, die meine Unterlagen in Empfang nahm wollte mir daraufhin alle meine Leistungen streichen. Der Hintergrund war, dass das Kreuz behauptete ich sei selbstständig gewesen.

Ein Faux-Pas den ich versuchte aus der Welt zu räumen, aber die Frau wollte nicht hören. Ich musste dann laut werden. Ich bin nicht stolz darauf aber ich habe diese Frau dann wirklich angeschrien und ihr klar gemacht, dass ich nicht irgendein Hans oder Peter bin, mit dem sie so umgehen kann. Ich legte ihr meine Daten noch einmal vor und sagte, es handelt sich definitiv um ein Versehen.

Da kam dann auch die Einsicht. Ich sprach mit meinem ehemaligen Arbeitgeber, und erhielt kurze Zeit darauf diesmal das richtige Dokument. Aber meinen Frust über das Arbeitsamt hat dann auch die endgültige Abgabe nicht mehr ausräumen können. Der Sachbearbeiter diesmal fing damit an zu lamentieren und mir zu erklären, ich hätte nicht selbst kündigen sollen. Was vermutlich als guter Ratschlag gemeint war, kam bei mir nur noch lächerlich an.

Der Mann empfahl mir ernsthaft beim nächsten Mal vorher mit der Agentur für Arbeit zu sprechen oder einen Arzt aufzusuchen und mir ein Attest über psychische Belastung geben zu lassen. Dann gebe es auch keine Sperrzeit. Ich sollte also bescheißen. Das war der Ratschlag, den mir ein Sachbearbeiter der Agentur für Arbeit gab. Zwei Tage später kam der Bescheid. Drei Monate Sperrzeit, anschließende Leistungsgewährung.

Selbst ist der Mann

Ich bewarb mich weiter und am Ende waren drei Firmen ganz groß im Rennen bei mir. Die eine Firma war ein Games-Hersteller, die andere eine Agentur die sich auf Social Media spezialisiert hatte und schließlich eine Event-Agentur aus dem Bereich Musik. Es wurde – aus verschiedenen Gründen – letztere Agentur. Doch bevor ich den Arbeitsvertrag unterschrieb hatte ich noch diesen Termin bei der Agentur. Hier sollte geprüft werden, was ich besser machen könnte.

Das möchte ich dann zum Schluss auch nicht ausblenden. Der Mann erklärte mir, dass meine Bewerbung soweit gut sei. Im Lebenslauf empfahl er mir – anscheinend las er Zeitungen – die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs mit IGMG e.V. abzukürzen. Darunter könne man sich nicht viel vorstellen. Sonst mache man eventuell einen falschen Eindruck, weil die IGMG schließlich vom Verfassungsschutz beobachtet werde. Mich hatte der Mann übrigens nicht gegoogelt. Ich bestand aber darauf, nachdem er sich so über einen meiner früheren Arbeitgeber äußerte.

Wir kamen weiter ins Gespräch, diskutierten und es war das erste Mal, dass ich eine gewisse Kompetenz sehen konnte. Ansonsten sei alles sehr gut, wurde befunden. Interessant war, dass man mir eine Qualifizierung empfahl. Ich könnte beispielsweise zu bestimmter Software wie SAP auch Zertifikate erwerben – alles über die Agentur. Entsprechende Angebote würde es geben. Ich müsse dafür aber selbst tätig werden und auch ruhig direkt fordern. Er steckte mir dann einige Empfehlungen für weitere Jobmöglichkeiten zu und auch einzelne im System versteckte ausgeschriebene Jobs.

Am nächsten Tag hatte ich meinen Arbeitsvertrag unterschrieben. Ich ging dann noch einmal in das System der Arbeitsagentur hinein und wollte meine Datensätze bearbeiten. Das ging aber nicht. Die waren gesperrt. Ich hatte keinen Zugriff auf meine Datensätze, weil der Betreuer sie gesperrt hatte. Sie werden dann nur noch vom Betreuer gepflegt. Dabei hatte ich mir viel Mühe gegeben meine Lebensläufe und Zeugnisse inkls. Fähigkeiten im System der Arbeitsagentur selbst anzulegen.

Gleichzeitig wurde ich in diesem Gespräch auch darüber informiert, dass es durchaus die Möglichkeit gebe, sich für einen oder wenige Tage wieder abzumelden um z.B. bei einem bezahlten Projekt arbeiten zu können. Dies war deshalb interessant, weil ich während meiner Arbeitslosigkeit bestimmte Einladungen nicht annehmen konnte, weil ich angenommen hatte, dies würde mich den Status kosten.

An meinem ersten Arbeitstag setzte ich Online eine Erklärung ab, dass ich einen Job gefunden habe. Die Veränderungsmitteilung kam an und mir wurde zwei Wochen später beschieden, dass ich nicht mehr als arbeitssuchend im System geführt würde. Meine Datensätze wurden übrigens erneut ohne Hinweis an mich daraufhin einfach gelöscht. Nächstes Mal, weiß ich wenigstens was ich alles besser machen kann. Vor allem: Nicht auf die Agentur für Arbeit zählen.

Schlusswort

Dies war eine subjektive Erfahrung. Ich wollte sie aber festhalten, weil ich jeden Monat dieses Grinsen in den Gesichtern der Politiker sehe und auch der Chefs der Bundesagentur für Arbeit. Sie freuen sich über angeblich gesunkene Arbeitslosenzahlen, dabei verwischen sie die Hintergründe gekonnt. Denn oft liegt es nicht daran, dass die Agentur gut gearbeitet hätte, die Menschen fallen aus dem Raster.

Einige finden Jobs, andere sind dann so lange arbeitslos, dass sie gar nicht mehr in den Statistiken geführt werden, andere sind in Umschulungen, die mindesten zwei Jahre dauern oder in Qualifizierungen. Die Statistik wird immer wieder aufgehübscht und gibt längst keinen Eindruck darüber was arbeitslose tatsächlich im Falle einer Arbeitslosigkeit – egal ob selbst verschuldet oder nicht – droht.

Ich habe nur wenig Menschlichkeit erlebt. Die Mitarbeiter und Sachbearbeiter sind von ihren Alltag genervt und es gibt nur wenige Personen, die sich wirklich darum bemühen in ihrem Job Jemanden zu vermitteln. Insgesamt fehlt es an der richtigen Einstellung. Dies liegt aber weniger an den Sachbearbeitern als an der Spitze und Leitung und der Politik.

Advertisements

Related Articles

Kommentar verfassen

Close

Adblock Detected

Please consider supporting us by disabling your ad blocker