Beziehungen als Muslim - Online-Dating und Single sein – Foto von Atlas Green auf Unsplash

Beziehungen als Muslim: Warum Online-Dating nicht funktioniert und Single zu sein gar nicht so schlecht ist

Unsere Sozialisation schreibt uns bestimmte Konventionen vor. Als Muslim achtet man deshalb auf seine Beziehung – oder versucht es zumindest. Doch was ist, wenn man wieder Single ist und erst einmal mit der modernen Welt zurechtkommen muss? Ein paar Gedanken hierzu und viel mehr...

Wenn etwas vorbei ist, ist es vorbei. Dennoch sollten Menschen nach einer Trennung nicht sofort wieder in eine neue Beziehung gehen. Man spricht von „Rebound-Beziehungen“, die nur dazu da sind, um über den oder die Ex-Partnerin hinwegzukommen. Wer wachsen möchte, sollte sich daher Zeit nehmen. Viel Zeit, weil eine Trennung zu verarbeiten häufig länger dauert, als man gemeinhin annimmt.

Während der Zeit der Reflexion des Vergangenen setzt man sich natürlich auch mit dem Umfeld auseinander. Das kann hilfreich sein, ist es aber häufig gar nicht. Ich habe mehrere Freunde, die immer wieder versucht haben, mir einzureden, es würde schon alles gut werden. Andere meinten, die Trennung sei nur vorübergehend. Wieder andere versuchten mich zu überreden, ich solle über meinen Schatten springen. Das ist alles nicht hilfreich. Und wirklich über die Situation kann man selbst mit den besten Freunden nicht sprechen.

Was man in einer solchen Situation braucht, sind Freunde und Familie, die für einen da sind und zuhören. Mehr nicht. Aber auch nur dann, wenn man überhaupt darüber sprechen möchte. Ansonsten braucht es einen Plan. Es braucht einen Plan, weil man in ein tiefes Loch fällt, nichts mehr richtig Spaß macht und man vorwiegend in Gedanken an der Trennung bleibt.

Nach einer Trennung: Nach vorn schauen!

Der Blick muss sich aber schnell nach vorn richten. Dinge müssen schnell geklärt werden und ein Alltag muss wieder her. Und dieser Alltag sollte nur noch von Dingen geprägt sein, die einem Spaß machen. Dinge, die man ungern getan hat oder die einen zu sehr in Anspruch nehmen, sollte man vermeiden. Man sollte sich auch Dinge gönnen, die man vorher nicht machen konnte – aus welchen Gründen auch immer.

Ich habe mich beispielsweise für eine Online-Fortbildung angemeldet, mache mehr Sport, schreibe (wieder) Gedichte, lese wieder deutlich mehr Bücher, treffe mich häufiger mit Freunden und bin primär für die Familie da, die ihre Wehwehchen haben. Natürlich braucht es aber auch eine emotionale Komponente. Und das ist nicht sehr einfach – nicht als mittelalter muslimischer Mann. Und Familie und Freunde kommen dann auch mit „schrägen“ Vorschlägen.

So wurde mir vorgeschlagen, ich solle schnell wieder neu heiraten, um der Gegenseite eins auszuwischen. Ehrlich, so kann kein neues Leben gelingen. Auch nicht, wenn man schnell eine neue Beziehung eingeht, damit die Gegenseite sich aufregt oder sonst was. Die Gegenseite bestimmt nicht mehr dein Leben. Du bestimmst dein Leben und du solltest dich daran orientieren, was du möchtest.

Unmoralisch, aber völlig normal für unsere Gesellschaft

Ein anderer Vorschlag kam von ein paar Freunden (unabhängig voneinander). Der hat mich eher schockiert. Sie schlugen mir vor, dass ich den Puff soll. Mal abgesehen davon, dass ich so etwas weder vor noch während der Ehe gemacht habe, empfand ich den Vorschlag – ausgerechnet von muslimischen Männern – als grotesk. Ein Freund sagte auch gegenüber der Kritik: „Ich verstehe dich, aber Männer haben Druck und manchmal müssen sie Dampf ablassen.“

Ich denke da anders und habe auch anders gelebt. Für mich war immer klar, dass ich erst dann Sex haben möchte, wenn ich in einer langfristigen Beziehung bin. Und ich wollte immer treu sein. Während sich also meine Freunde und Mitschüler damals über alle möglichen Betten durchgeschlafen haben, blieb ich Jungfrau. Und während in der Ehe viele fremdgegangen sind, habe ich (trotz so mancher Versuchung) es aus einem unbekannten Grund geschafft treu zu bleiben.

Das ist nicht selbstverständlich und auch nicht das Problem. Jeder Mensch lebt sein Leben so, wie er möchte. Ich werde auch mein Leben so leben, wie ich möchte. Das heißt aber auch nicht, dass ich von meinen Prinzipien unbedingt abweichen werde. Dafür müsste sich schon wirklich etwas ereignen, was man nicht kommen sieht. Und solche Situationen kommen selten vor.

Stress abbauen – emotional verbunden bleiben

Aber ich verstehe, was mein Freund meinte. Männer (und das schließt mich nicht aus), brauchen Möglichkeiten, um Stress abzubauen und ihre Sexualität auszuleben. Meine Religion schlägt dafür die eheliche Lösung vor. Unsere Gesellschaft geht damit lockerer um. Und es bleibt dennoch an einem selbst, was man daraus macht. Ich für meinen Teil brauche keinen Puff – auch wenn mir Sex fehlt. Und meinen Stress werde ich durch Meditieren und Atemübungen los.

Was mir fehlt, ist eher eine emotionale Komponente, die häufig nicht so stark beachtet wird. Ich möchte nicht einsam sein. Wenn du aus einer längeren Beziehung rauskommst, dann fühlt sich alles fremd an. Du suchst nach Wegen für eine emotionale Bindung und Nähe. Und das ist eher das problematische, weil viele diese Bindung versuchen durch eine Rebound-Beziehung herzustellen. Das löst aber die Probleme nicht, sondern verstärkt diese zusätzlich.

Ich möchte zum Beispiel nicht allein ins Café, nicht allein ins Kino, nicht allein in eine Musik-Bar, nicht allein ins Theater oder in den Club. Ich möchte Gesellschaft und es darf gerne andere Gesellschaft sein, als mein Umfeld und Familie hergeben. Ich stehe auf lange Diskussionen, tiefgründige Gespräche und Dinge, die mich intellektuell etwas fordern (aber bitte nicht zu sehr).

Online-Dating

Doch wie eine Person finden, mit der man das (freundschaftlich) machen kann? Hier kam dann ein anderer Aspekt zum Vorschein. Online-Dating war das Stichwort. Ich habe so ziemlich jede App in den vergangenen Wochen ausprobiert und dann wieder gelöscht. Ich wünschte, es wäre nur zu Recherchezwecken gewesen, aber letztlich habe ich mich zunächst sehr einsam gefühlt und wollte einfach Gesellschaft.

Dating-Apps sind aber größtenteils ohnehin verrucht. Ich habe dann auch zügig verstanden, warum. Bei einer App waren die Bilder der Frauen so aufgestylt und so „offenherzig“, dass klar war, hier geht es um One-Nigh-Stands (ONS). Also nichts für mich, aber ich kann mir vorstellen, dass jüngere Generationen genau diese Art von Bildern und Darstellungen anziehend und richtig finden. Ich gehöre mit meinen 40 Jahren zum alten Eisen und brauche keine sexy Cheerleaderin.

Meine Arbeitskollegin empfahl mir dann eine andere App. Ihre beste Freundin hat ihren Typen darüber kennengelernt. Ungefähr gleiche Altersgruppe. Man könne dort aber auch Freundschaften schließen oder sich einfach zu einem Kaffee-Date oder kulturellen Veranstaltungen verabreden. Gesagt, getestet. Tatsächlich war die App in Ordnung. Keine aufgetakelten Bilder, völlig normale Menschen, mit normalen Hobbys. Problem: Ich bin keine 10/10. Und hier müssen Frauen den ersten Schritt bei der Kontaktaufnahme machen.

Vermutlich hätte die App grundsätzlich funktioniert. Aber so wirklich überzeugt war ich – so skeptisch, wie ich bin – auch nicht. Also auch gelöscht. Ein befreundeter Imam empfahl mir daraufhin eine App für Muslim:innen. Lustigerweise geht es zwar in der App vordergründig um die Gründung einer Familie und Heirat. Allerdings war auch hier schnell die Realität das Problem. Frauen fragten mich nach meinem Aufenthaltsstatus oder den deutschen Pass (als allererstes). Ein Angebot für ein ONS (bin zufällig in Hamburg) kam ebenfalls. Also auch nichts für mich.

Allein sein ist auch schön

Als mittelalter muslimischer Typ, funktioniert Online-Dating nicht, wenn man Prinzipien hat. Wenn man hemmungslos unterwegs ist, sähe das vermutlich anders aus. Es war nett, die Apps mal auszuprobieren. Aber wirklich weitergebracht hat es nicht. Jüngere Semester werden nur bedingt über solche Apps die wahre Liebe finden, geschweige denn eine Verabredung für die „Nacht der Weltreligionen“ im Thalia-Theater.

Ich habe mich mit der Situation einigermaßen angefreundet. Ich gehe jetzt gerne allein ins Kino, ins Theater, ins Café oder in den Club. Ich treffe niemanden, aber ich habe trotzdem eine schöne Zeit. Und mein Umfeld bemerkt auch, dass es mir deutlich besser geht. Emotionale Bindung habe ich anders hinbekommen. Es hilft, wenn das Umfeld groß genug ist, dass man auf Menschen trifft, die einem einfach zuhören. Das ist leider nicht selbstverständlich.

Vielleicht bleibe ich auch einfach Single. Denn letztlich hat mir Online-Dating nicht weitergeholfen, kein Single mehr zu sein. Es hat mir aber gezeigt, wie schön es doch ist, Single zu sein. Und mit meiner Rolle als Teilzeit-Daddy bleibt dann halt mehr Zeit für Familie, Freunde und soziale Aktivitäten, die ich in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt habe. Und meiner neuen Karriere wird es auch nicht im Weg stehen. Ich bin flexibler und bereit für neue Herausforderungen.

Akif Şahin

Akif Şahin aus Hamburg. Arbeite als SEO-Spezialist für ein Unternehmen der Energiewirtschaft. Ich biete SEO-Beratung, Marketing-Expertise und CopyBlogging an. Als Muslim interessiert mich die Geschichte und Kultur des vorderen Orients. Auf diesem Blog gibt es Einsichten, Aussichten und Islamisches.

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