Tagebuch von Akif Sahin

Schnelles Geld

5.000 EUR hat ein Bekannter beim neuesten Network-Marketing-Betrug verloren. Davor war er in digitale Coins eingestiegen und auch da waren schnell mal 2.000 EUR futsch, nachdem ein Meme-Coin zunächst deutlich zugelegt und dann am Ende ordentlich abgestürzt war. Und dann gibt es Spezialisten, die mir als erfahrenem CopyBlogger erklären, ein „Experte“ zeige auf YouTube, wie man als Autor mindestens 10.000 US-Dollar im Monat verdient.

Schnelles Geld wollen alle machen. Network-Marketing an sich ist nicht das Problem. Eher das Ponzi-System, dass wir hierzulande fälschlicherweise häufig einfach als Schneeballsystem wahrnehmen. In meinem Umfeld hat es schon in den 60er-Jahren solche Systeme gegeben, die darauf aus sind, im näheren Umfeld für eine gute Rendite (oft über 20 % pro Monat) zu werben. Die Leute werden um ihr hart erspartes Geld geprellt. Das war auch der Fall, als es um die Holdings im muslimischen Milieu in Deutschland ging. Die Betroffenen sind aber auch selbst schuld.

Schnelles Geld ist nicht die Lösung

Wer ein bisschen Ahnung von Wirtschaft hat, weiß, wie unseriös solche Angebote sind und wie schnell so etwas als System einstürzt. Trotzdem fallen in allen Generationen Menschen auf solche Systeme rein. Alle wollen reich werden, alle wollen glücklich leben und sich mehr gönnen. Aber niemand möchte heutzutage dafür hart arbeiten oder sich verausgaben. Hauptsache, das Geld stimmt. Und wenn ein solches Angebot kommt, setzt man alles Ersparte ein, damit man ein vermeintlich besseres Leben hat.

Die Lösung ist nicht schnelles Geld. Es gibt in diesem Leben nur wenige Bereiche, in denen man wirklich schnell viel Geld verdienen kann. Das setzt aber harte Vorarbeit und vor allem viel Können voraus. Und genau das möchten die Menschen nicht leisten. Sie wollen nicht hart an sich arbeiten und schon gar nicht Einschränkungen in Kauf nehmen. Sie sind deshalb auch so anfällig für schnelles Geld.

Spendenbereitschaft erhöhen, nicht den Lebensstandard

Finanzentscheidungen brauchen jedoch immer einen klaren Kopf und sollten gut durchdacht sein. Gleichzeitig müssen sie langfristig orientiert sein. Sie brauchen aber auch ein Verständnis und vor allem die Einsicht, dass man alles verlieren kann. Ansonsten gibt es nur selten anständig bezahlte Jobs, die einen reich machen können. Einkommensmillionäre sind eher die Ausnahme, als die Regel.

Die Frage ist aber, ob man überhaupt so viel auf Geld geben muss. Wer mehr verdient, passt häufig seinen Lebensstandard an. Entsprechend spart man kaum Geld, sondern gibt mehr aus. Gerade aus einer muslimischen Perspektive ist das recht problematisch. Statt seinen Standard im Spenden zu erhöhen, erhöht man die eigenen Ausgaben. Man häuft Geld an, statt damit andere zu unterstützen.

Es fehlt irfan in unserem Leben

Vermutlich ist dies der größte unbeachtete Aspekt bei dem Thema. Ich kenne „Imame“, die lieber in einen 5er-BMW steigen möchte oder die neueste Mercedes E-Klasse fahren wollen, statt ein einfaches Familienauto zu nehmen. Sie geben sich dem Luxus hin und fordern ihre Gemeinschaft aber im Ramadan dazu auf, mehr zu spenden. Das Geld für die Zakat hast du in dein Auto gesteckt. Was erzählst du da?

Ich kenne Muslime, die mehr auf Geld geben, statt auf moralische Integrität. Sie stellen Menschen ein, lassen diese „illegal“ arbeiten und zahlen keine Steuern oder Sozialversicherungen und behaupten, sie würden nicht genug verdienen und seien arm dran. Schnelles Geld sorgt für Probleme. Wichtiger sollte es sein, „halal“ sein Geld zu verdienen und seinen Lebensstandard einfach zu halten.

Das ist vielleicht das größte Missverständnis von uns allen. Wir sind Kinder unserer Zeit und unseres Umfelds. Und wir versuchen immer mehr Geld zu verdienen, statt uns damit zufriedenzugeben, was uns glücklich macht. Wir brauchen nicht mehr Geld, um unser Seelenheil zu finden. Wir brauchen mehr „irfan“ in unserem Leben. Denn nur das, lässt uns erkennen, dass mehr Verbrauch, mehr Produktion und mehr Geld uns nicht weiterhelfen, sondern unsere Bürde in diesem Leben verstärken.

Der Fischer und die Frageengel

Vielleicht zum Abschluss diese Geschichte, die uns ein lieber Bruder mahnend erzählte: In seinem Testament hat ein vermögender Mann die Bedingung gestellt, dass in der Nacht seinem Tod eine Person bei ihm schlafen muss. In seiner Familie wollten die Söhne und Töchter nach dem Ableben des Mannes aus Angst und Furcht nicht beim Leichnam schlafen. Also suchten sie gemeinsam nach einer bedürftigen Person.

Ein Fischer erklärte sich gegenüber einer stattlichen Summe Gold und Silber dazu bereit. Er übernachtete beim Leichnam. In dieser Nacht kamen die Frageengel zum Toten und sahen, dass da eine weitere Person neben dem Toten lag. Einer der Engel schlug vor, den schlafenden Fischer zu befragen, statt des Toten. Der Tote liefe ja nicht weg. So wurde der Fischer befragt, als sei er verstorben.

Am nächsten Morgen kamen die Verwandten des Verstorbenen und hatten Säcke voller Gold und Silber dabei. Doch der Fischer wollte davon nichts wissen. Seine Haare waren weiß und er wirkte erschrocken. Als man ihm erneut seine Belohnung geben wollte, sagte er: „Ich konnte nicht einmal gegenüber den Engeln erklären, woher ich meine Angel und meine Schnur habe. Wie soll ich Rechenschaft für so viel Gold und Silber ablegen können?“

Akif Şahin

Ich bin Akif Şahin aus Hamburg. Schreibe hauptsächlich zu den Themen Online-Marketing, Suchmaschinenmarketing und Islam. Hier gibt es Einsichten, Aussichten und Islamisches.

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