Die Journalistin Özlem Topçu und der Journalist Richard C. Schneider haben ihren gemeinsamen Briefwechsel in Form eines Buches herausgebracht. In „Wie hättet ihr uns denn gerne?: Ein Briefwechsel zur deutschen Realität. Muslimisch, jüdisch, deutsch – ein Erfahrungsbericht*“ gehen beide den wichtigsten Fragen unserer Zeit nach und informieren über die Gegenwart jüdischen und muslimischen Lebens in Deutschland. Hoch spannend und lehrreich zugleich.

Journalisten wird immer nachgesagt, dass sie nie wirklich etwas richtig könnten und von vielen Dingen zwar eine Ahnung oder Vorstellung haben, aber keine echten Experten sind. Für Özlem Topçu und Richard C. Schneider kann dieses Vorurteil nicht gelten. Topçu hat ihre Expertise bewiesen, indem sie vorwiegend über die Türkei deutlich mehr publiziert und veröffentlicht hat, während Schneider uns hauptsächlich mit seinen Berichten aus Israel auf dem aktuellen Stand hält, was im Nah-Ost-Konflikt so vor sich geht.

Briefwechsel zwischen Topçu und Schneider

Beide Journalisten sind befreundet und haben dieses Jahr ihren Briefwechsel zwischen 2020 und 2021 öffentlich gemacht. Herausgekommen ist ein Buch, das sich mit den verschiedensten Fragen jüdischer und muslimischer Gegenwart auseinandersetzt, aber auch mit Themen, die Deutschland betreffen. Es hilft zu verstehen, warum manche Dinge so sind, wie sie sind. Gerade ein gewisses Übergewicht des Jude-Seins und Judentums ist zum Schluss zu bemerken. Doch das schadet dem Buch nicht, es hilft sogar mehr sich selbst seiner eigenen Weltanschauung gewahr zu werden.

An zwei Stellen musste ich schmunzeln, weil es in den Texten um Weggefährten und Freunde von mir ging. Das kam etwas überraschend, weil es nicht erwartbar war. Es zeigte mir aber auch, wie sehr die Debatten in dieser Zeit von Menschen geprägt sind, die ich gerne lese und die ich auch gerne „Freunde“ nenne. Ich habe diese auch direkt auf die Stellen angesprochen. Der eine wusste nichts von seinem Glück, der andere hatte, das Buch bei sich selbst herumliegen, aber noch nicht hereingeschaut. Auch das ist eine Kunst. Denn der eine wird namentlich erwähnt, während der andere eher anonym erwähnt wird.

Kritisch und ohne Denkverbote

Aber auch mit Kritik an heiklen Themen sparen beide Journalisten nicht. So schreibt Schneider auf Seite 109 zur gegenwärtigen Diskussion um Teilhabe:

Und so merke ich, wie PoCs häufig sektiererisch sind. Abgekapselt. Man ist ein eigener exklusiver Verein, siehe »Neue deutsche Medienmacher*innen«. Ich versteh schon, dass man sich organisiert gegen die Mehrheitsgesellschaft und die realen Widerstände, die man in Deutschland erleben muss. Aber so manchmal habe ich das Gefühl, dass es dann gar nicht mehr um Qualität (zum Beispiel als Journalist) geht, sondern nur noch um die richtige Zugehörigkeit zu einer Gruppe, um dann in der deutschen Gesellschaft ›aufsteigen‹ zu können. Ich weiß, dass das sehr komplex ist.

Topçu, Özlem; Schneider, Richard C. Schneider; Wie hättet ihr uns denn gerne?: Ein Briefwechsel zur deutschen Realität. Muslimisch, jüdisch, deutsch – ein Erfahrungsbericht; (S.109); Droemer eBook; Kindle-Version.

Während Topçu den Finger in die Wunde der Anti-Israel-Demonstranten legt:

Seit wann liegt Istanbul eigentlich in Gaza, habe ich mich beim Anblick von türkischen Flaggen auf diesen Demos ›gegen Israel‹ gefragt. Geht es wohl einem ihrer unter der Wirtschaftskrise in der Türkei leidenden Verwandten besser, wenn sie hier auf den Straßen herumbrüllen? Und warum geht niemand für die Uiguren auf die Straße, warum hört man nie einen Ton aus Ankara in Richtung Peking, der die Unterdrückung dieser Muslime verurteilt?

ebd. S. 173

Viel Wut im Bauch gepaart mit viel Information

Insgesamt erfährt man auch viel Privates und bekommt einen Eindruck davon, was es heißt als Person mit „Migrationshintergrund“ oder als Person mit jüdischen Wurzeln in Deutschland aufzuwachsen und schließlich auch als „Deutsche“ zu dieser Gesellschaft zu gehören. Es ist der schmerzhafte Einblick in eine Welt voller Entwurzelung.

Was dieses Buch so authentisch macht, ist die Wut im Bauch von Topçu und Schneider. Zum einen als Kind von Gastarbeitern, die sich immer beweisen musste. Zum anderen als Kind von Schoa-Überlebenden, das es satthat, von Nichtjuden belehrt zu werden, was jüdisch sein soll oder antisemitisch. Dieses Buch lebt davon, dass es die Leser eintauchen lässt in eine intellektuelle Gedankenwelt, die nicht geprägt ist von schwarz-weiß und die zahlreichen Facetten und Perspektiven aufzeigt, die oft in öffentlichen Debatten zu kurz kommen.

Wer die gegenwärtigen Diskussionen um Teilhabe, um Integration und vor allem jüdisches Leben in Deutschland verstehen möchte, ist bei diesem Buch hervorragend aufgehoben. Für alle, die sich etwas leichte Kost antun möchten, könnte es hingegen etwas zu viel sein. An vielen Stellen ist es amüsant, den Briefwechsel nachzulesen. An einigen Stellen schluckt man nur kompliziert den Kloß im Hals herunter und hofft, dass alles gut geht.

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