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Eine eigene Abfassung des arabischen Koran niederschreiben?

Was könnte ein schöneres Lebenswerk für andere sein, als eine eigenhändig abgefasste Kopie der standardisierten Koranabschrift? Eine Idee, ein paar Gedanken und Einsichten, die man geteilt haben muss.

Ich habe diese Geschichte bestimmt schon mehrmals erzählt. Es ist die schönste Liebesgeschichte, die ich kenne. Ein sehr enger Freund aus Kindheitstagen hat seiner Frau ständig Geschenke gemacht. Mal waren es Blumen, mal war es Schmuck, mal etwas Kostbares, mal weniger wertvolles. Sie überlegte sich immer wieder, was sie ihm schenken könnte und entschloss sich schließlich für etwas, das es nirgendwo zu kaufen gibt.

Sie schrieb handschriftlich eine türkische Übersetzung des gesamten Koran ab und stellte alle Seiten in einem Ledereinband zusammen. Die Arbeit an dem Projekt dauerte mehrere Jahre. Am Ende besitzt mein Freund nun eine Unikat und etwas, das es nirgendwo in dieser Form ein zweites Mal gibt. Es ist für mich eine der schönsten Geschenke, die es auf der Welt gibt. Es ist ein Ausdruck von Liebe, von Detailverliebtheit und von Beständigkeit.

Die Person, die den Koran auf Türkisch handschriftlich niederschrieb, hatte zu Beginn ihrer Arbeit keinerlei Kenntnisse des Türkischen. Es war eine fremde Sprache für sie. Ihr könnt euch vermutlich vorstellen, wie schwer es am Anfang gewesen sein muss den Wortsalat erst einmal für sich selbst zu ordnen, um es dann in den richtigen Buchstaben niederzuschreiben. Am Ende der jahrelangen Herausforderung stand nicht nur eine abgeschlossene Arbeit, sondern auch ein Wissen um der türkischen Sprache und der Wertschätzung für ein unschätzbares Geschenk.

Koran-Abschrift in eigener Handschrift?

Vermutlich hat niemand ein Problem damit, dass es Abschriften von Übersetzungen des Koran gibt, die handschriftlich erfolgt sind. Was ist aber mit Abschriften aus dem arabischen Original? Vor ein paar Wochen habe ich mich mit einem Buch zum Thema „ulum ul quran“ auseinandergesetzt, also der „Koranwissenschaft“. Dabei ist mir etwas aufgefallen, worauf ich in der Vergangenheit gar nicht so stark geachtet habe.

Die Gefährt:innen (ra) des Propheten (saw) pflegten zu ihrer Zeit einzelne Teile des Korans und sogar ganze Abschriften des Korans selbst niederzuschreiben und aufzubewahren. Ein Besipiel ist ʿAbdallāh ibn Masʿūd (ra). Dieser hatte etwa eine eigene Koran-Abschrift, an der er sehr hing. Seine Abschrift beinhaltete im Vergleich zum heutigen Standard beispielsweise nicht die Al-Fatiha, weil er diese als eine Art Dua ansah. (Qurtubi)

Als die (heute bekanntere) Abschrift vom Kalifen Uthman (ra) zum Standard erklärt wurde, hatte ibn Masʿūd (ra), der damals Schatzmeister von Kufa war, Schwierigkeiten damit, sein eigenes Werk zu vernichten. Er rief sogar zunächst dazu auf, dass die Iraker in Kufa ihre Abschriften behalten sollten. (Siehe: Tirmidhi, 3104)

Dies rief unter den Gefährt:innen starke Kritik hervor. Am Ende wurde die Ansicht ibn Masʿūd (ra) nicht als Aufstand, sondern als besonderer Hang für die eigene Koran-Aufzeichnung und der damit verbundenen eigenen Arbeit aufgefasst. Es ist auch eher davon auszugehen, dass ʿAbdallāh ibn Masʿūd (ra) später die Abschrift des Uthman (ra) akzeptierte. Anderenfalls wäre sein bedeutender Beitrag bei der Rezitation und als Koran-Gelehrter vermutlich nicht gewürdigt worden.

Koran wurde mündlich tradiert. Schriftliche Fixierung blieb Ausnahme.

Dass es immer unterschiedlichere Lesarten und Rezitationsformen gab, lässt sich mehrfach feststellen und historisch belegen. ʿAbdallāh ibn ʿAbbās (ra) gehörte beispielsweise zu denen, die eine besondere Form der Lesarten prägten, die leider nicht mehr in unserer Zeit erhalten ist. Seine Lesart war davon geprägt, dass er keine Lesehilfen und Zeichen in seinem arabischen Text hatte. Während diese erst später für eine einheitlichere Lesart hinzugefügt wurden, gab es damals nur die Buchstabenfolgen, die auch unterschiedlich gelesen werden konnten. Er prägte daher ein interessanteres und um vielfach mehrdeutiges Verständnis der koranischen Offenbarung.

Die Sammlungen und Schätze der Gefährt:innen, mit einzelnen Versen und mehr aus dem gnadenreichen Koran, wurden größtenteils vernichtet. Die Prophetengefährt:innen (ra) wollten nicht, dass sich die standardisierte Urfassung des Koran in Konkurrenz zu anderen Fassungen befindet. Dies ist verständlich, da es keine Fitna (schwere Prüfung; Versuchung) geben sollte. Entsprechend folgte man dem Kalifen Uthman (ra) und der Abschrift, die Zaid ibn Thabit (ra) vervielfältigt hatte.

Die Intention der Prophetengefährt:innen (ra) war nicht, den Koran zu verändern oder zu verwässern. Es war ihre Intention den Koran zu lernen und die Dinge, wo sie noch Schwierigkeiten hatten, mit aufzuschreiben. Die Verschriftlichung des Koran und eine Standardisierung führte auch zu einer Vereinheitlichung der Rezitation in den kanonischen Lesarten. Aber die Überlieferung und Wahrung des wahren Koran blieb den Hāfiz:a vorbehalten.

Eine Idee für das eigene Lebenswerk

Diese Informationen sind nicht neu. Geneigte Interessierte können überall die Literatur dazu befragen. Sie ergeben für mich aber einen neuen Blickwinkel. Ich hatte nämlich gerade mein Kalligrafie-Set wieder herausgeholt. Warum hatte ich eigentlich nie einen arabischen Koran in meiner eigenen Handschrift niedergeschrieben?

Einer meiner Lehrer hatte uns in der Koranschule aufgefordert, den arabischen Koran in unsere Hausaufgabenmappen und Hefte abzuschreiben. Er sagte, das sei eine beruhigende Aufgabe für uns und helfe sowohl unsere Schrift im Arabischen zu verbessern als auch das aufgeschriebene besser zu lernen und zu verinnerlichen. Doch wir hielten an dieser Übung nach geraumer Zeit nicht mehr fest. Die einzelnen Seiten von damals sind leider ebenfalls verschollen und verloren.

Aus der damaligen Erfahrung weiß ich jedoch: Den eigenen Koran handschriftlich niederzuschreiben, ist etwas Besonderes. Es hilft, die einzelnen Buchstaben und Worte zu verinnerlichen. Es hilft, sich Gedanken über die Gestaltung zu machen. Man setzt sich mit dem Inhalt direkter auseinander und investiert seine Lebenszeit, um ein Verständnis aufzubauen, das Wort Gottes zu verschriftlichen.

Und das ist ziemlich interessant, weil wir diese Form der Bewahrung nicht (mehr) praktizieren. Wir haben einen Koran auf unserem Handy, in gedruckter Form in unserer Bibliothek, aber haben wir auch einen selbst niedergeschriebenen Koran in unserer Sammlung? Bei dem wir wirklich jeden einzelnen Buchstaben und jedes einzelne Hilfszeichen mit berücksichtigt haben? Vielleicht ist es eine Idee für das eigene Lebenswerk, den eigenen Kindern und Nachfahren eine eigene Abschrift des Uthmani-Korans zu hinterlassen – so wie wir ihn aktuell haben, aber in der eigenen Handschrift und mit der eigenen Tinte und dem Druck der Feder in der Hand.

Akif Şahin

Ich bin Akif Şahin aus Hamburg. Schreibe hauptsächlich zu den Themen Online-Marketing, Suchmaschinenmarketing und Islam. Hier gibt es Einsichten, Aussichten und Islamisches.

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