Keine Zeit für Trauer: Wie wir in der Pandemie mit Verlust umgehen mussten

Die Coronapandemie hat uns alle vor Herausforderungen gestellt, vorwiegend im Bereich der Trauer und dem Umgang mit Verlust. Ein paar Eindrücke und Beispiele.

Die Nachricht über den Tod meines geliebten Onkels Halit erreichte mich bei der Arbeit. Meine Schwester schrieb mir eine WhatsApp-Nachricht: “Akif, unser Onkel Halit ist tot.” Es war nicht so, dass wir seinen Tod nicht erwartet hätten. Die Ärzte hatten ihm schon seit vier Jahren diagnostiziert, dass er bald an Altersschwäche sterben würde.

Ihm war das höchst egal. Er beschimpfte die “Quacksalber”, die keine Ahnung hätten. Bis zum Schluss trafen die Voraussagen der Ärzte nicht ein. Umso schneller und einfacher entschwand er dieser Welt. Sein Sohn Yahya, unser aller ältester Cousin, war noch kurz aus Luxemburg angereist, um ihn erneut zu besuchen. Er verbrachte die Sommerferien bei seinem Vater, weil er von ihm schon hörte, seine Zeit würde langsam kommen.

Yahya fuhr am Samstag los und war am Sonntag bereits mit dem Auto in Deutschland, als die Nachricht ihn unterwegs erreichte. Er war so fertig, dass er gar nicht wenden konnte. Es war zu spät. Er hatte sich nur so verabschieden können, aber eben nicht am Totengebet seines eigenen Vaters teilnehmen können. Nachdem Yahya losgefahren war, hatte mein Onkel leichtes Fieber bekommen.

Ein Arzt kam ihn Zuhause besuchen und sagte, es sei nichts Schlimmes. Er werde schon wieder. Erneut beschimpfte mein Onkel den “Quacksalber”. Er legte sich schlafen. Es war am Ende mein Neffe, der gemeinsam mit meinem Vater nach meinem Onkel sehen wollte. Er war erst wenige Tage zuvor in die Türkei gereist, um noch schnell Urlaub zu machen.

Er schaute nach und wusste nicht, wie er seinem Großvater erklären sollte, dass der ältere Bruder gestorben sei. Mein Vater sah es in seinen Augen, ging zum Leichnam und legte seine Hand auf das Herz seines Bruders. Er rief das Bestattungsunternehmen an und gemeinsam mit seinen anderen Geschwistern taten sie alles, um ihrem älteren Bruder die letzte Ehre zu erweisen.


Orhan ist ein alter Freund der Familie. Er verstarb an Covid, mitten in der ersten Welle. Sein Leichnam konnte nicht gewaschen werden, weil es gegen die Hygiene-Vorschriften verstieß. Wäre er an einem anderen Ort in Süddeutschland verstorben, hätte man den Leichnam — entgegen der islamischen Tradition — verbrannt. Ebenfalls aus Hygiene-Gründen. Er verstarb im Kreise seiner Familie in Hamburg. Alle hatten sich bei ihm infiziert. Sein Krankheitsverlauf verlief am heftigsten.

Orhan hatte um eine Bestattung in der Türkei gebeten. Sein Leichnam wurde auf seinen Wunsch hin mit einem Frachtflugzeug in die Türkei transportiert und dort den staatlichen Stellen für eine angemessene Bestattung übergeben. Seine Kinder konnten nicht in die Türkei mitfliegen. Passagierflugzeuge starteten zu dieser Zeit nicht. In der Türkei wartete ein entfernten Verwandter aus dem Ursprungsdorf auf den Leichnam und begleitete die staatlichen Mitarbeiter.

Sein Grab wurde in einer Ecke des Dorfgrabes ausgehoben. Es gab fünf Menschen, die am Totengebet teilgenommen haben. Er wurde entgegen der Tradition, aus Hygiene-Gründen, nicht gewaschen und direkt im Sarg beerdigt. Der Familie erzählte man, es habe eine Waschung gegeben und der Leichnam sei in einem Totengewand gewickelt gen Mekka ausgerichtet beerdigt worden. Der Verwandte von Orhan sagte mir: “Wir wollten der Familie weitere Trauer ersparen und der Imam hat gesagt, es ginge nicht anders und Allah werde dafür Verständnis haben.” Es war vermutlich besser als eine Feuerbestattung.


Wir warten am Auto auf meine Mutter, ehe mein Vater die Gelegenheit nutzt und mir mitteilt, dass es meiner Oma nicht gut geht und sie im Sterben liegt. “Wir wissen leider nicht, ob wir es rechtzeitig zur Beerdigung schaffen und ob deine Mutter deine Oma noch einmal sehen kann.” Meine Mutter erscheint kurz darauf. Ich setze mein Pokergesicht auf, lächle, mache Späße und versuche auf positive Gedanken zu bringen. Die Fahrt zum Flughafen fühlt sich sehr lang an. Meine Mutter schweigt unter der getragenen Maske.

Am Flughafen geht alles sehr fix. Alle Dokumente, alle benötigten Unterlagen für Reisen in diesen Zeiten sind da. Alles wird korrekt überprüft, alles wird abgesegnet. Mein Vater verrichtet noch vor Ort das Freitagsgebet. Weil er ein traditionelles Kopfgewand (Takke) trägt, hält man ihn für einen Imam. Er leitet das Gebet, auch, weil es wohl keine Alternativen gibt und macht sich auf zum Gate.

Der Abflug klappt reibungslos. In der Türkei müssen viele der Fluggäste ihre Formulare ausfüllen, weil sie das nicht im Voraus getan haben. Es bilden sich Schlangen. Mein Vater zeigt die beiden QR-Codes vor, mit denen sie problemlos einreisen. Sie werden von einem Kindheitsfreund in Empfang genommen und nach Hause gefahren. Unterwegs ruft er mich an. Ich beruhige und sage, dass es keine Meldung gibt.

Am nächsten Tag fahren meine Eltern direkt ins Dorf und besuchen meine Oma. Sie liegt im Sterben, hat Schmerzen und sie spuckt Blut. Die Ärzte haben sie aus dem Krankenhaus entlassen, statt sie in ein Hospiz zu schicken. Am Montag fährt mein Onkel meine Oma erneut ins Krankenhaus. Meine Mutter konnte sich verabschieden. Ihre letzten Stunden verbringt sie fast schmerzfrei. Am Dienstag erreicht meinen Vater ein Anruf aus dem Krankenhaus. Sie ist friedlich entschlafen.

Das Begräbnis wird geklärt, die Lage des Grabes den Wünschen meiner Oma neben das Grab meiner Tante gegraben. Hier liegen Menschen begraben, seit der Zeit der Seldschuken. Das Grab meines Opas, meiner Tante und nun auch meiner Oma ist direkt vor dem Eingang der Dorfhütte, wo sie Zeit ihres Lebens gelebt haben. Jeden Tag vor den Toten zu stehen, wenn man das Haus verlässt, gehört für uns einfach dazu. Es erinnert daran, wer wir sind und wohin wir gehen werden.

Mein Vater möchte dem Imam, einem jungen Mann, der gerade einmal 30 Jahre alt ist und seinen Dienst neu im Dorf angetreten hat, für seine Mühen bei der Beerdigung ein bisschen Geld geben. Der junge Imam winkt ab und bittet darum, das Geld für Bedürftige im Dorf oder in der Stadt zu spenden. Ich erkundige mich über noch offen stehende Reparaturen an der Moschee oder sonstigen Dingen, die eventuell helfen könnten. Wir fangen alle an, uns Gedanken über eine Sadaqa-Dschariya (eine dauerhafte Wohltat) zu machen, die wir im Namen unserer Oma errichten lassen können.


Mein Cousin konnte am Totengebet seines Vaters nicht teilnehmen. Die Kinder von Orhan konnten ihren Vater nicht zu seiner letzten Ruhestätte begleiten. Es gibt keinen Trost in der Verrichtung traditioneller Rituale wie der Waschung, der Vorbereitung des Leichnams oder der Beerdigung nach islamischer Tradition. Wir können unsere eigenen Eltern nicht umarmen, ihnen nicht die Wahrheit erzählen, weil wir Angst haben, sie anzustecken oder sie an der Trauer zerbrechen könnten. Wir sitzen Tausende Kilometer entfernt und machen uns größte Sorgen. Hilflos können wir nur um Hilfe und Gnade unseres Schöpfers bitten.

Wir haben eine Trauer in uns, die wir uns in dieser Zeit nicht leisten können.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Mai 2021 auf public-muslim.de veröffentlicht.

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