(Neo-)Salafismus: Zeitgenössische Kritik an der „modernen“ Salafiyya

Wer seit den frühen 2000er Jahren die innermuslimischen Debatten in Deutschland mit verschiedenen Ausprägungen der Salafiyya verfolgt hat, weiß, dass die Kritik häufig sehr schwierig gewesen ist. Das liegt zum einen an den unterschiedlichen Zugängen und auch der Intensität der Debatten. Hinzu kommt, dass sich die verschiedenen Spektren auch immer sehr schwer mit der (innermuslimischen) Kritik getan haben. Hazim Fouad hat sich in einer mehrjährigen Arbeit daran gemacht, die zeitgenössische Kritik an der Salafiyya und ihren Positionen zusammenzutragen. Dabei ist eine großartige Zusammenfassung zahlreicher Diskurse gelungen. Eine lesenswerte Arbeit und vermutlich eine Pionierleistung in diesem Bereich in Deutschland.

Hazim Fouad hat mit dem Thema „Salafiyya“ sowohl dienstlich als auch nebenberuflich zu tun. Der Autor arbeitet für die Bremer Innenbehörde und hat in der Vergangenheit bereits als (Co-)Herausgeber für den Band „Salafismus“ fungiert. Als Experte hat Fouad also auch schon vor der Veröffentlichung seiner Ende 2019 erschienenen Dissertationsarbeit „Zeitgenössische muslimische Kritik am Salafismus: Eine Untersuchung ausgewählter Dokumente“ die (innermuslimischen) Debatten teilweise verfolgt und begleitet. An seiner Dissertation hat er mehrere Jahre gearbeitet und vermutlich erstmals in dieser breiten Form die Kritik des sog. „Mainstream-Islam“, sufischer Gruppen und verschiedener modernistischer Bewegungen an der Salafiyya in einer so ausführlichen deutschen Arbeit zusammengetragen.

Die aktuelle Salafiyya ist eine moderne Erscheinung

Die Einblicke durch die Arbeit sind immens, da sie erstmals klare Unterscheidungen, aber auch Überschneidungen in theologischen und Islam-rechtlichen Fragen offenlegen. Dabei geht Fouad in mehreren Kapiteln einzelnen Ansichten nach, die sich in Bezug auf die moderne Bewegung des Salafismus konzentriert. Es wird deutlich, dass insbesondere die aktuelle Erscheinung der Salafisten als ein Produkt der Moderne und der Bemühungen einer Modernisierung der Religion zu tun haben. Speziell die Bindung an die saudische Gelehrsamkeit und der damit erfolgten Komplikationen zeigen auf, dass der moderne Salafismus mit der ursprünglichen Salafiyya wenig zu tun hat.

Hier setzt auch die Kritik des Mainstream-Islam an, die von Fouad in Form der sunnitischen Spektren abgebildet wird. Dieser Betrachtung kommen zusätzlich sufische Perspektiven und die Perspektiven von modernistischen Vertretern hinzu. Dadurch gewinnt man einen breiten Eindruck der sunnitischen Kritik an der gegenwärtigen Salafiyya-Bewegung. Dennoch bleibt der Eindruck – trotz seiner Breite – eingeschränkt. Dies wird deutlich, wenn man bedenkt, dass eine Abbildung der kompletten Bandbreite deutlich mehr als ein Buch brauchen würde.

Beschränkte Auswahl mit immens viel Einblick in die gegenwärtige Salafismus-Kritik

Fouad selbst weist darauf hin, dass weitere Forschungen insbesondere in Indonesien, Bosnien und anderen Ländern hier weitere Einblicke gewährten könnten. Ebenso seien empirische Studien in Deutschland notwendig, um zu klären, inwieweit die dargestellten Diskurse überhaupt in der Basis der Muslime angekommen sind. Hier fehlt zum anderen aber auch der Einblick in die schiitische Sicht, obwohl die Schia oft genug Ziel der Angriffe der Salafisten sind, wird in dieser Arbeit kaum Bezug darauf genommen. Außerdem ist die Auswahl der Beispiele sehr stark vom Zugang des Autors geprägt, der sich hauptsächlich auf den ägyptischen Kontext und die (angelsächsische) Diaspora konzentriert hat. Dennoch sind auch die Meinungen solcher Größen wie Ramadan al-Buti (verstorben, Syrien) eingeflossen, ebenso wie dem früheren Salafisten Yassir Qadhi.

Durch die Arbeit von Fouad wird aus meiner Sicht sehr deutlich, dass der Dissens in den theologischen und Islam-rechtlichen Fragen zwischen Salafisten und (sunnitischen) Mainstream-Muslimen gar nicht so groß ist. Häufig ist die Kritik sehr fachtheoretisch ausgerichtet und kommt bei normalen Muslimen in der Basis erst gar nicht an. Was viel häufiger jedoch eine Beachtung verdient und in dieser Arbeit auch sehr gut dargestellt wird, ist die politische Dimension, in denen sich die Akteure aller Seiten letztlich bewegen und die als Grundlage für eine Kritik mit berücksichtigt werden müssen. Die Einbettung von Kritik in den sozialen, örtlichen und politischen Kontext ist dem Autor in der näheren Betrachtung sehr gut gelungen.

Der Islam ist von einer internen Streitkultur geprägt

Neben der sufischen Einblicke in die Kritik an der modernen Salafiyya hat mich vor allem die Darstellung der modernistischen Kritik an ebendieser sehr beeindruckt. Hier hätte man sich zum Teil gewünscht, der Autor wäre dem Thema noch intensiver nachgegangen, weil die Kritik der modernistischen Bewegungen eben auch an der klassischen, traditionellen und orthodoxen Gelehrsamkeit Anstoß nimmt. Wer sich über die (immer noch) aktuellen Debatten informieren und quasi einen Längsschnitt über die verschiedenen Facetten der Diskussionen über die Salafiyya im muslimischen Kontext verschaffen möchte, sollte die Arbeit von Fouad daher unbedingt lesen.

Die Schrift hilft sehr gut dabei, zu verstehen, welche Konflikte existieren, welche Vorwürfe gegen die moderne Salafiyya erhoben werden und wo die Gemeinsamkeiten mit dem „Mainstream-Islam“ – trotz Ablehnung – liegen. Insgesamt ist die Arbeit ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der gegenwärtigen innermuslimischen Diskurs-Kultur, die auch immer häufiger durch die verstärkte Nutzung moderner Medien in die Öffentlichkeit gerät. Dennoch bleibt der Diskurs häufig Experten vorbehalten.

Das liegt auch am Fehlen eines sprachlichen Zugangs, weil viele Debatten in Arabisch geführt werden und der deutschen Öffentlichkeit somit ein klarer Einblick fehlt. Hier füllt die Arbeit von Fouad eine Lücke etwas aus, die es gilt weiter zu füllen und die Entwicklungen im innermuslimischen Diskurs weiterzuverfolgen. Eine wichtige Erkenntnis, möchte ich aus der letzten Seite noch zitieren, weil sie sehr prägend ist und aus meiner Sicht sogar an den Anfang der Arbeit gehört:

„Der Islam ist von einer internen Streitkultur geprägt, die zu seiner Vielfältigkeit und stetigen Weiterentwicklung beiträgt. Ein Ende dieses Prozesses ist nicht in Sicht.“

Zum Buch

Titel: Zeitgenössische muslimische Kritik am Salafismus: Eine Untersuchung ausgewählter Dokumente
Autor: Hazim Fouad
Verlag: Ergon – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Seiten: 391
ISBN: 978-3956506284
Amazon-Partner-Link: https://amzn.to/38hOIEj

Aus Transparenzgründen: Ich pflege eine gute Bekanntschaft zum Autor und habe während seiner Studien zu dieser Dissertation auch ein paar kleinere Hinweise geben können. Entsprechend findet sich eine Erwähnung meiner Person in der Danksagung. Damit hatte ich nicht gerechnet, möchte mich auch hierfür sehr bedanken und wünsche dem Autor weiterhin viel Erfolg!

Akif Şahin

Ich bin Akif Şahin aus Hamburg. Schreibe hauptsächlich zu den Themen Online-Marketing, Suchmaschinenmarketing und Islam. Hier gibt es Einsichten, Aussichten und Islamisches.

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