Andenken und Gedenken

Immer mehr Menschen, die mir wichtig waren oder die ich als wichtig empfunden habe, zeitigen das Jenseits. Und immer häufiger bin ich doch erstaunt, wie sehr ich dem Leben entrückt bin, dem die anderen zugegangen sind. Ein paar Gedanken über den Tod, den wir alle schmecken werden.

Als ich noch jung war, da gab es diesen Menschen, der uns in einer schwierigen Notlage viel Geld gegeben und so geholfen hat, ein wichtiges Projekt für muslimische Jugendliche in Hamburg umzusetzen. Dieser Mensch, war kein Mensch aus meiner ideologischen Heimat oder der Gruppe, in der ich mich sozialisiert habe.

Er war ein “einfacher” Muslim, mit klaren Auffassungen darüber, was man für die Gemeinschaft (Umma) tun müsse und tun sollte. Er machte in seiner Hilfestellung gegenüber seinen Glaubensgeschwistern keinen Unterschied. Ihm war es egal, zu welcher Gruppe man gehörte. Wenn man sich an ihn wand, hatte er immer ein offenes Ohr und half, wo er nur konnte. In vielen Punkten seines Lebens war er ein Vorbild. Und das letzte Mal, als wir uns trafen, da nahm er meine Hand, drückte sie ganz fest und sagte: “Du schaffst das schon alles.”

Letzte Ehre erwiesen

Es war mir gerade deshalb ein besonderes Anliegen, diesem Menschen die letzte Ehre zu erweisen. Ich stand in einer der letzten Reihen beim Totengebet. Ich stand mit weitem Abstand bei seiner Beisetzung und ich war eine der letzten Personen, die der Familie beim Grab kondolierte.

Es ist eine Erweisung von Respekt gegenüber einem Menschen, die sich zeitlebens weder verstellt noch versteckt hat. Diese Person war sowohl ein Vorbild als auch eine Person, die vorbildlich gelebt hat. Doch die Beerdigung uferte zum Ende hin leider zu einer Showveranstaltung aus und wurde letztlich ein politisches Statement für eine ganz bestimmte islamistische Organisation.

In guter Erinnerung behalten

Selbst in der Trauer bin ich mittlerweile diesen Menschen, die einst Freunde waren, fremd geworden. Es betrübt mich, weil diese Form des Abschieds nicht dem gerecht wurde, wie ich diese Person in Erinnerung hatte und auch haben wollte. Ich werde jetzt auch nicht das Andenken damit beschmutzen, was politisch an diesem Tag alles erzählt wurde. Wir haben schließlich ein Vorbild verloren und nicht einen Parteijünger einer islamistischen Organisation.

Ich behalte solche Menschen — mit all ihren Stärken und Schwächen — in guter Erinnerung. Dass ich nicht mit meinen Gedanken und meiner Meinung über diese Person ganz allein war, zeigte sich anhand der vielen Menschen, die mit an diesem Tag bei der Beerdigung versammelt waren. Wenn man so will, war die islamische und islamistische Elite der Stadt versammelt, um unter dem gleichen Himmel verschiedene und anderslautende Bittgebete für einen verstorbenen Weggefährten aufzusagen.

Vielleicht müssen wir über Seelsorge und das Gedenken sprechen

In der Kondolenz und Trauerbewältigung ist es eher üblich, dass man die Familie der Verstorbenen besucht und über schöne Erinnerungen an die verstorbene Person das Andenken hochhält. Ein befreundeter Autor sagte zuletzt auf einer Veranstaltung in Bonn, dass diese Trauerbewältigung und Seelsorge durch Imame nicht mehr stattfinde. Ich kann diese Feststellung zumindest für die Stadtmenschen, die wir geworden sind, bestätigen.

Aber ich stelle leider auch in letzter Zeit häufiger fest, dass die Seelsorge nicht nur nicht mehr stattfindet, sondern dass stattdessen Ersatzprogramme gefahren werden. Einige Muslime haben angefangen, die Tradition der christlichen Trauerfeier zu übernehmen. Andere, insbesondere islamistische Gruppen, haben angefangen, selbst Bestattungen für ihre politische Agenda zu missbrauchen.

Wo die Menschen keinen Raum mehr finden, um ihre Trauer zu verarbeiten und keine seelsorgerische Betreuung erhalten, dort schleichen sich immer mehr Ideologen und Extremisten ein. Sie spenden Trost und nutzen die Gelegenheit für ihre politische Agenda. Vielleicht müssen wir auch hierüber mehr sprechen.

Allah (swt) wird zwischen uns richten

Allah (swt) wird zwischen uns allen richten, wenn die Zeit gekommen ist. Wir alle haben unterschiedliche Wege genommen. Einige wähnen sich im Besitz der absoluten Weisheit, andere wähnen sich im Besitz von nichts. Wieder andere verstehen nicht einmal den Disput, den wir nun seit Jahren gepflegt miteinander führen, ohne auch nur ein Wort miteinander zu wechseln.

Ich möchte aber an dieser Stelle etwas auch loswerden, weil mir die oben besagte Veranstaltung einiges erneut vor Augen geführt hat. Wenn ich gestorben bin, so bitte ich um ein Bittgebet und etwas Rezitation aus meiner liebsten Sura im Koran, der Sura An-Nahl. Ich wünsche keine Trauerrede. Ich wünsche keine Gäste, die mit mir in diesem Leben gebrochen haben. Denn auch im Jenseits kommen wir nicht mehr zusammen. Und wenn ich auf dieser Welt positive Spuren hinterlassen haben sollte, dann bin ich dankbar dafür.

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