Nadire Biskin – Ein Spiegel für mein Gegenüber

Buchbesprechung: Ein Spiegel für mein Gegenüber von Nadire Biskin

Der Erstlingsroman “Ein Spiegel für mein Gegenüber” von Nadire Biskin ist emotional und berührend. Die Autorin trifft die richtigen Töne, zeigt eine große Detailtiefe und hat eine wunderbare Geschichte mit vielen offenen Fragen verfasst. Kurzweilig, sehr anregend und womöglich eine verpasste Chance für den dtv-Verlag.

In der “migrantischen” Community und auch darüber hinaus ist Nadire Biskin keine Unbekannte. Die Lehrerin hat sich insbesondere durch ihre Lyrik und kleinere, teilweise auch journalistische Texte eine Öffentlichkeit und Community aufgebaut. Ich selbst verfolge die Arbeiten von Biskin seit einigen Jahren und bin seit geraumer Zeit auch ein Fan ihrer Lyrik. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich erfahren habe, dass Biskin erstmals einen eigenen Roman veröffentlicht.

In Deutschland gibt es nur wenige junge Autor:innen mit einem türkeistämmigen Background. Biskin ist Enkeltochter türkischer Einwander:innen. Sie ist im Berliner Wedding groß geworden, hat eine kaufmännische Ausbildung gemacht und sich dann für ein Studium der Philosophie, Ethik und Spanisch entschieden. Sie war zwischenzeitlich in einem Mentoring-Programm der Neuen Deutschen Medienmacher und ist mittlerweile Lehrerin in Berlin tätig.

Beeindruckende Vita und ein Roman mit Tiefgang

In vielerlei Hinsicht eine beeindruckende Vita, vor allem, wenn man auch weiß, wie schwierig die Hürden für Menschen sind, die eine andere Familiengeschichte haben. Biskin steht aus meiner Sicht für eine junge Generation von Frauen, die sich selbstbewusst einbringen, ihre Stimme erheben und sich in die gesellschaftlichen Einschalten. So ist auch ihr erster Roman zu werten.

In “Ein Spiegel für mein Gegenüber” geht es zunächst um Huzur, die als Referendarin vor den möglichen Trümmern ihrer Zukunft steht. Die Handlung findet an zwei Orten statt, in Bucak (in der Nähe von Antalya/Türkei) und in Berlin. Hier vermischen sich die Geschichten von mehreren Protagonisten. Doch die wichtigste Person ist, neben Huzur, Hiba ein syrisches kleines Kind, dass ohne Familie auf Huzur trifft.

Es entwickelt sich eine Beziehung. Biskin erzählt voller Liebe an Details die Geschichte von Huzur und Hiba. Es wird nicht alles zu Ende erzählt, aber es wird den Lesenden viel zum Nachdenken gegeben. Man stellt sich Fragen, man bekommt keine Antworten und man wird teilweise auch von der Autorin alleingelassen. Und vielleicht muss man hier anmerken: Besser hätte man das nicht machen können.

Zeitgenössische Erzählkunst

Ich bin ein Freund der neuen Erzählkunst, die nicht zu viel erzählt, sondern die Leserschaft alleine zurücklässt und die Geschichten und Ausgänge selbst erkunden lässt. An vielen Stellen im Buch begegnet den Lesenden dieses Element der Unvollkommenheit, die höchst emotional bindet. Als Mensch, dessen Eltern nach Deutschland gekommen sind und der hier geboren wurde und aufgewachsen ist, habe ich in vielen Details mich selbst wiedergefunden. Besonders berührt haben mich die kleinen, lyrischen Zeilen, die es immer wieder im Buch zu entdecken und zu verstehen gibt.

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Die Gefahr der einen einzigen Geschichte – Chimamanda Adichie

Biskin erzählt nicht die eine Geschichte, es sind vielmehr die Geschichten vieler Menschen, die stellvertretend durch die Geschichte einer Person erzählt werden. Natürlich muss man aufpassen, dass man nicht einer Single-Story aufsitzt. Aber letztlich macht es Biskin sehr geschickt und bringt die zahlreichen Facetten, Hintergründe, Empfindungen und Wahrnehmungen auf den Punkt. Es berührt einen zutiefst und man wünscht sich, Biskin würde weiter erzählen und man könnte weiter lesen.

Mehr Aufmerksamkeit wäre verdient!

Für einen Erstlingsroman ist es einfach viel zu gut gelungen. Man merkt, wie viel Zeit und Raum sich die Autorin für diesen Roman genommen hat. An manchen Stellen hat man auch den Eindruck, hier hätte die Autorin vermutlich gerne mehr erzählt oder man selbst könnte mehr erzählen. Doch es schadet dem Buch nicht, dass es an manchen Stellen den Lesenden Leerräume gibt, die für die eigene Geschichte geschaffen zu sein scheinen.

Der dtv-Verlag täte aus meiner Sicht gut daran, wenn man der Autorin mehr Aufmerksamkeit verschafft. Denn in der Vermarktung für das Buch sehe ich (gerade mit dem Blick eines Marketing-Experten) viel Potenzial. Schließlich steht Biskin für eine Geschichte und ein Werk, das mehr Aufmerksamkeit verdient.

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Eine neue Generation von jungen Romanautor:innen?

Ob gewollt oder nicht, mit diesem Werk ist etwas Wunderbares gelungen. Nach einigen bekannten (deutsch-türkeistämmigen) Autor:innen der ersten Zeit, wie Doğan Akhanlı, Hatice Akyün, Güner Yasemin Balcı, Emine Sevgi Özdamar, Dilek Zaptçıoğlu und natürlich Feridun Zaimoğlu gibt es kaum wahrgenommene Autor:innen der jüngeren Generation von Romanciers und Romanautor:innen.

Biskin bildet mit ihrem Erstlingswerk eine erfrischende und zugleich sehr vielversprechende Ausnahme. Man kann nur wünschen, dass die Autorin uns auch weiterhin mit ihren Texten, ihrer Lyrik und neuen Romanen entzückt und in eine neue Welt mitnimmt.

*Hinweise: Ich habe das Buch bei Amazon gekauft. Es handelt sich um kein Rezensionsexemplar und keine Auftragsarbeit. In diesem Beitrag sind sog. Amazon Partner-Links enthalten. Wer auf einen Amazon-Partner-Link klickt und darüber etwas bestellt, unterstützt meine Leselust, weil es dafür vielleicht eine Werbekostenerstattung gibt. Herzlichen Dank.

Akif Şahin

Akif Şahin aus Hamburg. Arbeite als SEO-Spezialist für ein Unternehmen der Energiewirtschaft. Ich biete SEO-Beratung, Marketing-Expertise und CopyBlogging an. Als Muslim interessiert mich die Geschichte und Kultur des vorderen Orients. Auf diesem Blog gibt es Einsichten, Aussichten und Islamisches.

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