Dieser Beitrag ist aus einem persönlichen Gespräch mit einem befreundeten Imam entstanden. Ich möchte versuchen, die vermutlich aktuell wichtigste Herausforderung für muslimische Gemeinschaften herauszuarbeiten und einen Hinweis zu geben, woran man als Gemeinde und Community arbeiten muss.

Wenn wir uns die Gegenwart der muslimischen Community insgesamt anschauen möchten, dann lohnt es sich den Blick auf das Kleine zu richten. So ist zweifellos heute die Moschee oder Gebetsstätte der einzige Ort, an dem sich Muslim:innen verschiedener Couleur zusammenfinden können. Doch längst hat sich auch hier etwas verändert — spätestens mit Einsetzen der Coronapandemie. Dabei waren die Probleme auch vorher schon da. Sie werden jetzt nur noch deutlicher, beispielsweise durch einen weiteren Exodus von Gemeindebesucher:innen.

Spätestens seit meinem 2017 erschienenen Beitrag in der Zeitung „Die Zeit“, die auf einem Blog-Artikel zu einer missratenen Social-Media-Kampagne eines islamistischen Verbands entstanden war, habe ich mir einen Ruf als Moschee-Kritiker erarbeitet. Ich sehe mich eher als einen Teil der muslimischen Community, der den Finger in die Wunde legt. In meinem Umfeld bin ich hingegen weiterhin der große Bruder und mein Rat wird geschätzt und ist gefragt.

Wo soll man nur anfangen als Moscheegemeinde?

Zuletzt hatte mich ein befreundeter Imam zu einem Glas Tee eingeladen und wir haben uns über verschiedene Dinge unterhalten. Er fragte mich in diesem sehr offenen Gespräch, was die Moscheen eigentlich aus meiner Sicht ändern müssten. Die Frage war sehr pauschal und doch nicht so einfach zu beantworten. Es gibt ja viele Themen, viele Probleme und von Gemeinde zu Gemeinde unterscheiden sich die Ängste und Sorgen.

Ich stellte ihm daher drei Fragen:

  1. Wie viele Menschen besuchen deine Moschee?
  2. Kennst du jeden einzelnen Menschen, der deine Moschee besucht?
  3. Wie viele dieser Besucher kommen auf dich zu, wenn sie Probleme haben und bitten dich um Rat?

Ich habe erst gar nicht nach den Frauen gefragt, denn dafür war der Imam — aus seiner Sicht — nicht zuständig. Aber er konnte auf alle drei Fragen schnell und klar antworten.

  1. Ca. 150 (Freitagsgebet und auch nur während der Coronapandemie)
  2. Nein.
  3. Pro Woche vielleicht eine Person.

Das System hat die Familie und Gemeinschaft abgeschafft

Immer wieder beklagen Konservative, dass das klassische Familienmodell kaputtgegangen sei. Was sie jedoch nicht beschreiben können, ist die Frage, wie es dazu gekommen ist. Häufig machen heutzutage Quatschköpfe Gender-Themen dafür verantwortlich oder sogar Homosexuelle. Doch die Wahrheit ist, dass das System der Familie über den technischen Fortschritt verloren gegangen ist. Und das war nicht das Einzige, was wir im Namen von Profit und Gier verloren haben.

Lebte man früher noch in einer Gemeinschaft, dann war diese für einen verantwortlich. Die engere Familie war für einen da und sorgte für Geborgenheit. Wenn aber die Familie ausfiel, dann war die Gemeinschaft helfend zur Stelle. Wenn etwa der Vater auf dem Bauernhof einen Unfall hatte, dann kamen die Nachbarn wie selbstverständlich, halfen aus und verlangten dafür kein Geld. Dieser Sinn von Gemeinschaft ist uns verloren gegangen. Und es begann mit der industriellen Revolution.

Kapitalismus stärkt das Individuum und fordert seine Opfer

Der Kapitalismus hat das letztlich weiter beschleunigt. Das liegt daran, dass wir in einer modernen Zeit leben, deren wichtigstes Kriterium das Individuum selbst ist. Jeder ist sich der Nächste. Jede Person denkt an den eigenen Vorteil. Die Familienrolle in der Konsumgesellschaft, in der wir alle nur Verbraucher oder Produzenten sein können, hat keinen Platz mehr für die Thematik der Geborgenheit und Fürsorge, die aus Familien und einer Gemeinschaft hervorgeht.

Während die erste Generation der Gastarbeiter:innen dieses Thema mit ihrer Einwanderung nach Deutschland verstanden und versucht haben sich selbst zu schützen und die Gemeinschaft stark zu halten, hat sich in den folgenden Generationen einiges verändert. Auch bei Muslim:innen der ersten Generation dieser Gruppen war dies zu beobachten.

Gemeinschaft hieß, sich zu kennen, einander zu unterstützen und bei Problemen auch beim Imam oder der Moschee um Hilfe zu bitten. Man hatte sich mit Moscheen eine zweite Heimat fern der Heimat erstellt. Genau dies ist uns verloren gegangen. Das zeigen auch die Antworten oben.

Kapitalismus als Lebensphilosophie und Gestalter

Dies liegt nicht am „Islam“, sondern an der Entwicklung unserer Gesellschaften. Wir haben den Kommunismus nach sowjetischer Lesart überlebt, aber dem Kapitalismus mit seinen ehernen Gesetzen die Türen geöffnet.

Heute sind wir eine Konsumgesellschaft, in der nicht mehr die Gemeinschaft, sondern das Individuum zählt. In der das Individuum vor allen anderen mehr Beachtung benötigt und sich gegen andere Individuen durchsetzen muss. Es ist eine Frage unserer Mentalität, die uns durch die Konsumgesellschaft von Kindheit an eingetrichtert wird.

Der eigene Vorteil zählt

Wir sehen dies an einfachen Dingen. Vor allem sehen wir es aber an der Formierung der Gesellschaft hin zu einem Produkt, wo nur noch der eigene Vorteil für das Individuum wichtig ist und alles andere zurückstehen muss. Altruismus für ehrenamtliche Arbeit hat in den vergangenen Jahrzehnten abgenommen. Dinge, die einem Spaß machen, müssen her. Also sucht man sich spannende Themen raus. Die Arbeit, die wichtige Lebenshilfe beinhaltete, wurde so entwertet.

Ein Nachbar bittet uns um Hilfe, wir fragen uns, was für einen Nutzen wir davon haben. Ein Freund möchte umziehen, wir haben schon etwas vor. Kollegin wird von der Chefin fertig gemacht, es interessiert uns nicht, ob das gerade übertrieben war. Es ist nicht unser Problem. Unsere Gesellschaft verliert den Kitt. Und Politiker:innen streiten über die Spaltung der Gesellschaft, wenn man kritisch über die Themen sprechen möchte, die alle bewegen: etwa die große Lücke zwischen Arm und Reich.

Die Menschen rennen vor den Moscheen weg

Unseren Moscheen laufen die Besucher:innen weg. Wo man sich nicht wohlfühlt, wo man nicht akzeptiert wird, wie man ist, da will man auch nicht bleiben. Die Moscheen vergraulen ihre eigenen Besucher:innen, oftmals allein schon durch negatives und toxisches Verhalten von Verantwortlichen. Wer möchte schon in einer Moschee beten, deren Vorsitzender sich für einen König hält und so benimmt?

Wer möchte in einer Moschee beten, in der Frauen als übel und teuflisch dargestellt werden? Wer möchte in einer Moschee ein und ausgehen, in der die Kinder angeschrien und emotional traumatisiert werden? Und selbst wenn man meint, solche Probleme nicht zu haben: Wer möchte schon Teil einer Gemeinschaft sein, die es liebt, zu lästern? Oder die sich mehr für türkische Politik interessiert als für die Wahlen in Deutschland?

Wahrnehmung und Geborgenheit fehlt

Wie häufig hört man immer wieder aus Gesprächen, dass die Menschen den Moscheen die Rücken kehren, weil sie sich nicht ernst und wahr genommen fühlen? Wo man sich in festen Strukturen einordnen soll, die keinerlei Möglichkeiten für eine individuelle Entfaltung bieten oder ein Tanzen aus der Reihe akzeptieren?

Bei mir manifestiert sich der Eindruck, dass es überall eine Häufung dieser Erfahrungen von vielen Muslim:innen gibt. Sie fühlen sich in Moscheen nicht mehr wohl, angenommen oder akzeptiert. Sie kehren, früher oder später, den Moscheen den Rücken zu. Was übrig bleibt, sind ewiggestrige, toxische und egozentrische Menschen.

Natürlich hilft Verallgemeinerung nicht weiter. Doch die strukturellen Probleme der Verbandslandschaft sind nur ein Symptom. In der Mikro-Ebene zählt das Zwischenmenschliche und das geht den Gemeinschaften seit ihrer Gründung immer mehr verloren. Dabei ist es ein Fakt, dass alle Menschen Beziehungen und Gesellschaft benötigen.

Moscheen haben nicht mehr den Luxus ihre Gemeindemitglieder zu vergraulen

Während das noch vor 20 Jahren unerheblich war und man sich erlauben konnte, einen solchen Verlust hinzunehmen, bemerkt man aktuell immer wieder, wie groß die personellen und gemeinschaftlichen Probleme der Moscheegemeinden in Wirklichkeit sind. Corona hat viele Sorgen verschärft, viele Prozesse aber auch beschleunigt. Entfremdung ist das Schlagwort der Stunde.

Allerdings genießen ideologische Bewegungen immer mehr Zulauf. Das war schon vor dem 11. September so, es hat nach dem 11. September sogar weiter zugenommen. Sehen wir von den extremen Bewegungen um Al-Qaida, ISIS, Shabab und Co. einmal ab, wenden sich immer mehr Jugendliche einem salafistisch geprägten Islam zu.

Es sei jedoch dahin gestellt, ob die Implikationen und der Wert dieses Zulaufs wirklich nachhaltig ist. Dennoch gibt es eine einfache Erklärung für diesen Zulauf und die Abwanderung: Das familiäre Gefühl und die „Gemeinschaft“ als Unterstützung für einen selbst ist vorhanden.

Von Islamist:innen lernen

Von Islamist:innen lernen heißt, dass man akzeptiert, dass die soziale Frage gar nicht so sehr in den Vordergrund gerückt wird. Es geht nicht um den „wahren Islam“ oder sonstige Dinge. Es geht vielmehr um Beheimatung von einzelnen Individuen und dem Griff zu einem Konstrukt einer Gemeinschaft, die einander hilft und die Sorgen und Nöte der Menschen ernst nimmt.

Wann immer wir mit Ein- oder Aussteiger:innen gesprochen haben, konnten wir viel zu häufig sehen, dass die Bindung an eine Gruppe eher psychologischer und emotionaler Natur war als religiöser. Dies zeigten auch diverse Studien und Gespräche mit Rückkehrer:innen. Die emotionale Bindung ist häufig stärker als religiöse oder soziale Aspekte. Es geht um emotionalisierte Inhalte und Versprechen.

Problem des Mainstream-Islam in Deutschland

Ideologien unserer Zeit können nicht funktionieren, wenn Menschen nicht emotional angesprochen werden. Und hier liegt das Problem des Mainstream-Islam in Deutschland. Die Verbände sind Holdings geworden, die sich um den Profit und immer höhere Zahlen in den Bilanzen mehr Sorgen machen als um die einzelnen Menschen vor Ort in den Gemeinschaften. Es entsteht zwangsläufig auch eine Lücke.

In diese Lücke drängen dann die Radikalen, die sich einer (nicht-primär-monetären) Ideologie verschrieben haben. Die Mainstream-Gemeinschaften müssen aber im Grunde zurück zu den Wurzeln des Islams. Und das bedeutet, sich als soziale Träger zu verstehen, die nicht nur eine Ausübung und Lehre der Religion ermöglichen, sondern einen sozialen Kitt unter der Gemeinschaft bilden.

Eine Religionsgemeinschaft in der Moderne muss der Ersatz sein, der durch den Verlust der eigentlichen Gemeinschaft eingesetzt hat und weiter einsetzen wird. Sonst droht ihr das Ende und damit auch religiösen Stätten, wie Moscheen, ein Aussterben. In vielerlei Hinsicht wird man deutlich stärker von diesem Trend erfasst als christliche Kirchen. Säkularisierung bleibt hingegen ein ganz anderes Thema. Dies kann hier nicht ausführlich behandelt werden.

Zusammenfassend: Einsame Menschen finden keinen Halt mehr in Moscheen. Das muss sich ändern!

Wenn wir alles zusammenfassen müssten, dann würde ich auf diesen einen Punkt Wert legen: Die Menschen unserer Zeit vereinsamen. Sie verlieren den Halt und suchen nach Gemeinschaft in sozialen Netzwerken, im Internet und Co. Doch die Einsamkeit verliert sich nicht. Glaube soll uns Trost spenden.

Muslim:innen sind keine Menschen, die isoliert und einsam sein können. Sie benötigen Gesellschaft. Und wenn Moscheen wieder anfangen, das zu erkennen und ihre lokale Gemeindearbeit wieder stärken, dann gibt es Hoffnung für ein Überleben und Erstarken einer Gemeinschaft. Ansonsten sieht die Zukunft mit einem Verbands-Islam in der aktuellen Landschaft sehr düster aus.

Und ganz ehrlich: Einen solchen Mainstream-Islam sollte es dann auch lieber nicht geben. Entweder die Gemeinschaften und alle in Verantwortung stehenden verstehen das und entwickeln endlich ihre Gemeindearbeit weiter oder sie sterben den Organisationstod. Auf die eine oder andere Weise: Der Wandel wird und muss kommen.

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