Wozu Rassismus? von Aladin El-Mafaalani

Buchbesprechung: “Wozu Rassismus?” von Aladin El-Mafaalani

Das Thema Rassismus ist allgegenwärtig und beschäftigt den öffentlichen Diskurs über Teilhabe und Macht. Gleichzeitig hat das Niveau in den Debatten deutlich nachgelassen. Glaubt man dem Soziologen Aladin El-Mafaalani, ist diese Entwicklung eine notwendige Konsequenz aus der Öffnung des Themas für den Mainstream. Eine Buchbesprechung zu einem brisantem Thema unserer Zeit.

Rassismus ist eng verbunden mit kolonialem Erbe

Einer Person Rassismus vorzuwerfen, kann schnell skandalös wirken. Doch PoC müssen sich damit immer wieder rumschlagen und wissen auch häufig nicht wie sie mit diesem Thema umgehen sollen. Niemand möchte gerne eine Rassist*in genannt werden. Niemand möchte gerne anderen Rassismus unterstellen. Und so haben wir es heute im Alltag, dass Rassismus längst nicht mehr offen und losgelöst passiert, sondern eher verklausuliert und subtil. Dabei ist Rassismus schon immer funktional gewesen. Rassist*innen werten sich dadurch auf, dass sie andere abwerten.

Gegenwärtige Diskussionen unserer Zeit werden von Aladin El-Mafaalani in seinem Buch “Wozu Rassismus?” ebenso behandelt, wie historische Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte. Das heutige Verständnis von Rassismus ist dabei auch sehr eng verbunden mit dem Kolonialismus. Umso wichtiger ist es, den Umgang mit dem Thema zu finden und bei der Betrachtung gegenwärtiger Debatten auch die historische Komponente zu kennen. Rassismus erfüllte schon immer einen Zweck und dabei ging es immer um Teilhabe und Macht.

Wir haben ein Rassismusparadox

Dabei sitzen wir laut El-Mafaalani trotzdem einem Irrtum auf. Nachdem er das Integrationsparadox sehr beispielhaft beschrieben und in einem Buch verarztet hat, räumt der Soziologe nun dem Rassismusparadox einen gebührenden Platz ein. Das Thema Rassismus scheint allgegenwärtiger als es früher war. Es wirkt, als hätte sich alles verschlechtert. Doch das Gegenteil ist der Fall. Vieles hat sich verändert, und zwar zum Guten. Vieles ist besser geworden und einiges wird sich nur noch mit der Zeit zu lösen lassen. Dabei sind die öffentlich harten Diskussionen über Rassismus nur das Ergebnis einer neuen Aufmerksamkeit und einer breiten Diskussion.

Aladin El-Mafaalani erläutert in “Wozu Rassismus?” warum und wieso Rassismus existiert, wie sich Rassismus entwickelt hat, wie die gegenwärtige Situation ist und welche Aussichten der rassismuskritische Widerstand hat. El-Mafaalani geht dabei auf 152 Seiten kompakt und leicht verständlich allen wichtigen Themen nach und erläutert diese. Das Buch ist leicht verständlich, hat aber weniger vom amüsierenden Charakter vom Integrationsparadox. Dennoch knüpft El-Mafaalani inhaltlich an seinen Bestseller an, was an manchen Stellen sehr deutlich wird.

Noch viel zu tun für die offene Gesellschaft

“Wozu Rassismus?” hat mich in meinen bestehenden Beobachtungen und Vorurteilen zum Thema Rassismus und aktueller Auseinandersetzung mit dem Thema bestätigt. Systematisch geht El-Mafaalani historisch und über aktuelle Debatten auf die Thematiken ein und nimmt eine Verortung vor. Dabei wird durch ihn deutlich, dass der Diskurs, der vorher eher einem Expertentum oblag, heute den Wechsel in den Mainstream und an die Öffentlichkeit geschafft hat. Dabei haben die Debatten um Rassismus auch an Schärfe gewonnen, gerade weil auch alle Menschen (insbesondere Betroffene) am Diskurs teilnehmen können und häufiger teilnehmen.

Grundsätzlich ist das kein schlechtes Signal. Es zeigt, dass der Diskurs sich auch länger in der Öffentlichkeit halten wird und dass es jetzt so weit ist, dass der öffentliche Druck und die Aufmerksamkeit ausreichen, das Thema weitestgehend auf der Agenda zu halten. Denn bei Rassismus müssen noch viele wichtige Schritte zur Teilhabe und Gerechtigkeit in der offenen Gesellschaft gegangen werden.

Defizite bei Polizei, Schule und Gesellschaft

So beschreibt El-Mafaalani nicht nur die Defizite exemplarisch in Schule, Polizei und Behörden, sondern gibt auch Handlungsempfehlung und analysiert scharfsinnig, in welchen Bereichen noch mehr getan werden kann. Grundsätzlich haben wir als Gesellschaft noch viele Debatten und Diskurse zu führen. Das zeigen auch die jüngsten Phänomene, die erst überhaupt das Thema in den Mainstream-Diskurs gebracht haben.

Seien es Geschehnisse um den NSU, der Mord an Goerge Floyd, die Attentate von Halle und Hanau: Die Diskussion um Rassismus ist erst seit Kurzem so öffentlich, wie es in den vergangenen Jahrzehnten noch gar nicht war. Dabei wird auch häufig der Fehler gemacht, dass den Menschen und Betroffenen ihre Erfahrungen abgesprochen und rassistisches Verhalten und Rassismus per se nicht als solcher entlarvt und bezeichnet werden. Verharmlosung findet leider immer noch statt und die eigene Reflexion beim Thema bleibt häufig aus.

Fazit zu “Wozu Rassismus?” von Aladin El-Mafaalani

Aladin El-Mafaalani hat hier ein Buch abgeliefert, dass sich all diesen Themen widmet, sie analysiert und fern von einer Skandalisierung richtig zuordnet. Das wird vielen Menschen, die in diesem Bereich aktivistisch unterwegs sind, nicht gefallen, aber El-Mafaalani trifft die Themen an den wunden Punkten und verortet die Bewegungen richtig. Gleichzeitig ordnet er das Thema und die Entwicklungen aus meiner Sicht richtig ein.

Rassismus wird uns als Thema weiter begleiten. Die Debatten dürften sich weiter verschärfen. Das ist aber eine Entwicklung, die positiv zu bewerten ist und vermutlich der einzige Weg für eine echte gesellschaftliche Veränderung. Erste Entwicklungen in diese Richtung sind bereits zu sehen und dürften in den kommenden Jahren zunehmen. Wer verstehen möchte, was gerade passiert und wie man konstruktiv daran arbeiten kann, sollte dieses Buch lesen. Denn der Laiendiskurs braucht Expertisen wie die von El-Mafaalani.

Titel: Wozu Rassismus?
Autor: Aladin El-Mafaalani
ISBN: 978–3–462–00223–2
Amazon-Partner-Link*: https://amzn.to/33q5Yoa

* Hinweis: Ich habe das Buch von Aladin El-Mafaalani bei meinem Buchhändler des Vertrauens gekauft. Es handelt sich um kein Rezensionsexemplar und keine Auftragsarbeit. Wer auf den Amazon-Partner-Link klickt und darüber etwas bestellt unterstützt eventuell meine Leselust, weil es dafür vielleicht eine Werbekostenerstattung gibt. Herzlichen Dank.

Akif Şahin

Akif Şahin aus Hamburg. Arbeite als SEO-Spezialist für ein Unternehmen der Energiewirtschaft. Ich biete SEO-Beratung, Marketing-Expertise und CopyBlogging an. Als Muslim interessiert mich die Geschichte und Kultur des vorderen Orients. Auf diesem Blog gibt es Einsichten, Aussichten und Islamisches.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Buchbesprechung: Schreiben sich eine muslimische Journalistin und ein jüdischer Journalist Briefe

Die Journalistin Özlem Topçu und der Journalist Richard C. Schneider haben ihren gemeinsamen Briefwechsel in Form eines Buches herausgebracht. In „Wie hättet ihr uns denn gerne?: Ein Briefwechsel zur deutschen Realität. Muslimisch, jüdisch, deutsch – ein Erfahrungsbericht*“ gehen beide den wichtigsten Fragen unserer Zeit nach und informieren über die Gegenwart jüdischen und...

Buchbesprechung: Fragen nach Gott von Navid Kermani

Navid Kermanis „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen – Fragen nach Gott“ ist ein grandioses Buch, mit einer tiefgehenden, einfühlsamen Einführung in den muslimischen Glauben, die auch zur eigenen Erkenntnis über die eigenen Positionen beiträgt. Ein sehr persönliches und inspirierendes Buch. So kann man das Werk „Fragen...

(Neo-)Salafismus: Zeitgenössische Kritik an der „modernen“ Salafiyya

Wer seit den frühen 2000er Jahren die innermuslimischen Debatten in Deutschland mit verschiedenen Ausprägungen der Salafiyya verfolgt hat, weiß, dass die Kritik häufig sehr schwierig gewesen ist. Das liegt zum einen an den unterschiedlichen Zugängen und auch der Intensität der Debatten. Hinzu kommt, dass sich die verschiedenen Spektren auch immer sehr schwer...

Buchbesprechung: Ein Spiegel für mein Gegenüber von Nadire Biskin

Der Erstlingsroman “Ein Spiegel für mein Gegenüber” von Nadire Biskin ist emotional und berührend. Die Autorin trifft die richtigen Töne, zeigt eine große Detailtiefe und hat eine wunderbare Geschichte mit vielen offenen Fragen verfasst. Kurzweilig, sehr anregend und womöglich eine verpasste Chance für den dtv-Verlag. In der “migrantischen” Community und auch darüber...