Theologie sollte bereichern und nicht einen um den Glauben bringen

Ständige Diskussionen von “Theolog:innen” über immer wieder aufkommende Themen rauben, langsam aber sicher, dem Islam den Geist. Dabei sollte Theologie eigentlich eine Brücke zu den Menschen und zum “Volksglauben” aufbauen. Stattdessen entfremden öffentliche Debatten immer mehr Muslim:innen von ihrer Religion. Eine Intervention.

Ich habe mich zeit meines Lebens mit theologischen Themen und Meinungen auseinandergesetzt. Vom Kindesalter an habe ich viel über meine Religion gelernt und später auch viel im Selbststudium im Bereich der Theologie geforscht und gelernt. In den letzten 32 Jahren meines Lernens habe ich immer das vom Islam genommen, was mir nützlich erschien und mich als Menschen weitergebracht hat. Ich habe ein einfaches Verständnis meiner Religion und ich habe versucht, dieses Verständnis zu bewahren.

Wenn ich etwas durch meine Studien, die mittlerweile in ein lebenslanges Lernen geführt haben, gelernt habe, dann ist es die Tatsache, dass man mit theologischen Meinungen nicht immer öffentlich in Erscheinung treten kann und sollte. Denn Theologie ist keine Sache, die man mit einer breiten Masse von Menschen teilen und beurteilen kann.

Allein schon die Diskussion über ganz heikle Themen kann zu einer Abkehr von der eigenen Religion führen. Das habe ich häufig gesehen und deshalb auch heikle Themen immer versucht auszuklammern. Theologie, vorrangig islamische Theologie, bleibt und sollte aus meiner Sicht häufig ein Thema für das Fachpublikum sein.

Der einfache Islam unserer Ahnen

Unsere Großeltern, vielleicht auch unsere Eltern, haben in den meisten Fällen nie systematisch Theologie gelernt. Sie haben nicht in Diskussionen über die “richtige” Aqida gesteckt. Sie haben nicht ständig Diskussionen über Gelatine in Haribo geführt oder sich darüber echauffiert, dass jemand den Hidschab nicht als Teil des muslimischen Konsenses (idschma) betrachtet. Theologie in systematischer Form war diesen Menschen fremd und trotzdem sind sie häufig gute und bessere Muslim:innen gewesen als wir.

Sie haben Grundlagen ihrer Religion gelernt, vielleicht ein wenig etwas aus der Katechese (ilmihal) gelesen und vor allem Menschen gehabt, die sie angeleitet haben und bei Fragen da waren. Der Gedanke des taqlid (Nachahmung) lag auf der Hand, wenn man in einem anatolischen Dorf als Bauern aufgewachsen und gleichzeitig etwas für das eigene Seelenheil tun wollte. Wirklich um theologische Themen gekümmert haben sich eher privilegierte und aus höheren Bildungsschichten stammende Menschen. Die waren auch häufig nur des Lesens und Schreibens kundig.

Missionsbewegung hat sich etabliert

Die Migrationsbewegung, auch nach Deutschland, hat eine Entwicklung im Islam verursacht, die nur zum Teil mit der Moderne zu tun hat. Wir haben eher das Problem, dass ab dem 20. Jahrhundert die ideologische Betrachtung des Islam zugenommen hat und Bewegungen angefangen haben, die Kernessenz der Religion auf die politische Bühne zu bringen. Etwas, das viele Gelehrten übrigens sonst immer abgelehnt haben.

Ein Resultat war das Aufkommen von islamistischen Bewegungen, aber auch Bewegungen, die Revolutionen und Mission innerhalb der muslimischen Gemeinschaft angestrebt haben, inklusive eines modernen Zuganges zur Religion. Dieser Trend hat sich nach dem 11. September mit einer steigenden externen Missionsbewegung (vorwiegend durch Sekten und Salafiyya-Strömungen) unter Muslim:innen in Deutschland vertieft.

Meinungen werden auf die Goldwaage gelegt

Das Resultat dieser Entwicklungen ist, dass die islamische Theologie mittlerweile eine so wichtige Rolle in der Öffentlichkeit einnimmt, vorwiegend im Gefüge der Muslim:innen, dass vielfach geschaut wird, wer was zu welchem Zeitpunkt gesagt hat. Jede Meinung wird auf eine Goldwaage gelegt und sowohl Befürworter:innen als auch Gegner:innen von Meinungen bekämpfen sich öffentlich im digitalen Web.

Während es früher noch üblich war, diesen Streit den “Gelehrten” zu überlassen, können sich heute alle Muslim:innen an diesen Diskussionen beteiligen und ihre Meinung zum Thema laut aufsagen. Gegenteilige Beschuldigungen mit Abfall vom Glauben inklusive. Die vergiftete Diskussionskultur ist bei Muslim:innen nicht neu und schon länger vorhanden. Dennoch hat es eine Qualität erreicht, die zeigt, wie zerrissen und groß die Kluft zwischen Akteur:innen und Konsument:innen ist.

Es gibt mehrere Wege zum Seelenheil

Wenn wir uns jedoch wieder darauf besinnen, dass der sog. “Volksislam” eigentlich einer ist, der wenig mit der systematischen Theologie und ihren Themen zu tun hat, würden wir vermutlich alle besser schlafen. Theologische Meinungen sind das, was sie sind. Meinungen. Es kann keine absolute Beweisführung für eine Meinung geben. Schon gar nicht, wenn die Systematik der islamischen Theologie mit den modernen Standards von Wissenschaftlichkeit überhaupt nicht standhalten können.

Das hat die Ahlus-Sunna wal Jamaat auch verstanden und hat fast niemanden mehr aus der Gemeinschaft der Sunniten ausgeschlossen. Jedenfalls ist der Abfall vom Islam eigentlich schier rein logisch unmöglich gemacht worden, wenn man nicht einer ideologischen oder extremen Gruppe folgte. Die vier größeren Rechtsschulen haben sich deshalb gegenseitig anerkannt, weil auch unter den Vertretern der Rechtsschulen sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass es mehrere Wege zum Seelenheil geben kann.

Wir sehen aber in aktuellen Debatten genau diese Lösung nicht mehr vorhanden. Stattdessen bekriegt man sich um jedes gesagte einzelne Wort. Dabei geht es gar nicht um Wahrheitsfindung oder Erkenntnis. Es geht schier um das “Rechthaben”.

Erkenntnisse können nicht angefeindet werden, aber durchaus kritisiert

Ich habe aufgehört diesen Diskussionen in ihrer neuen Qualität, seitdem es auch in Deutschland Zentren für islamische Theologie gibt, immer aktuell zu folgen. Ich bekomme nur immer wieder mit, wenn es dann doch stark eskaliert. Nach den heftigen Debatten um Einzelpersonen vor einigen Jahren, bei der ich sehr bewusst gegen meine damalige Organisation und auch meinem eigenen Islamverständnis Position für die Opfer dieser Kampagnen eingenommen habe, wurde ich stark kritisiert, teilweise sogar stark angefeindet.

Ich habe aber schon damals deutlich gemacht, dass theologische Meinungen eine eigene und persönliche Erkenntnis darstellen, die sich auch mit der Zeit ändern kann. Niemand sollte dafür verurteilt oder angegriffen werden, was er oder sie persönlich als “Wahrheit” begreift und öffentlich verteidigt, solange sich diese Person auch weiterhin als Muslim:in bezeichnet und äußert.

Diese Position habe ich nicht nur in der breiteren Diskussion um Mouhanad Khorchide und seine Theologie der Barmherzigkeit eingenommen, sondern auch bei anderen damals betroffenen und nicht so prominent verfolgten Theolog:innen. Das schloss und schließt natürlich nicht Widerspruchsfreiheit ein. Theologischen Meinungen muss man auch Kritik entgegensetzen dürfen. Das gehört für mich auch zum Aufklärungsverständnis dazu. Darum ging es aber zu dem Zeitpunkt jedoch nicht.

Theologie entfremdet die Menschen

Aus diesen Diskussionen habe ich für mich gelernt, dass Theologie, wenn sie ernst genommen und sehr ernst betrieben wird, den einfachen Muslim:innen häufig nicht mehr weiterhilft. Denn der “sensus fidei”, wie es ihn in der christlichen Theologie gibt, steht nicht im Mittelpunkt der öffentlich geführten Debatten unserer Zeit. Mittlerweile erkennen wir häufig, dass die Theologie den Draht zu den einfachen Muslim:innen verloren hat und Muslim:innen sich aufgrund dieser Arbeit von Theolog:innen von ihrem Glauben entfremden.

Ich diskutiere nicht öffentlich über Themen, die einer breiten Masse unzugänglich bleiben. Mittlerweile sehe ich auch Diskussionen, die nicht nur einem Fachpublikum zugänglich sind, als besonders schwierig an. Fragen nach Gotteserkenntnis können nicht in einer komplett wissenschaftlichen Art an ein populärwissenschaftliches Publikum vermittelt und erklärt werden. Höchst philosophische Positionen bleiben immer strittig. Rechtswissenschaftliche Themen können nicht mit juristischen Laien erörtert werden.

Allah schmecken und fühlen

Da halte ich es lieber mit der Formel, die schon zu Lebzeiten meines Großvaters uns als Kindern von ihm eingetrichtert wurde: “Ihr müsst Allah lieben. Denn nur so werdet ihr Allah schmecken und fühlen können.” Diese Sätze haben mehr Kraft, Bedeutung und Tiefe für das religiöse Verständnis von Muslim:innen als die nächste Diskussion darüber, ob das Kopftuch eine Pflicht ist oder nicht.

Die Entfremdung der Theologie von einfachen Muslim:innen führt leider dazu, dass die Religion nur noch eine Blase ist. Wir leben nur noch in einer Simulation, die viele technische Vorgaben macht und in der Muslim:innen über viele Themen diskutieren. In dieser Simulation aber werden weder die Herzen berührt, noch die Möglichkeiten für Gotteserkenntnis und Spiritualität geschaffen. Dieser simulierte Islam unterscheidet sich nicht mehr von den Ideologien der Extremisten.

Einige “Theologen” unserer Zeit sollten sich daher noch einmal über ihre Verantwortungen im Klaren sein. Denn anstatt daran zu arbeiten, das Herz von Muslim:innen zu erreichen und einen Beitrag dafür zu leisten, dass sich Muslim:innen beheimateter im Hier und Jetzt fühlen, ein größeres Verständnis über ihre Religion aufbauen, verstärken solche Fachdebatten nur die Entfremdung. Wer jedoch solche Ziele verfolgt, hat aus meiner Sicht eindeutig den Beruf verfehlt.

Akif Şahin

Akif Şahin aus Hamburg. Arbeite als SEO-Spezialist für ein Unternehmen der Energiewirtschaft. Ich biete SEO-Beratung, Marketing-Expertise und CopyBlogging an. Als Muslim interessiert mich die Geschichte und Kultur des vorderen Orients. Auf diesem Blog gibt es Einsichten, Aussichten und Islamisches.

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