Murat Kayman, Mitglied der Alhambra Gesellschaft und Blogger, hat ein schlaues Buch zur Frage geschrieben, wo die Gewalt im muslimischen Milieu beginnt, was die „Islam-Verbände“ damit zu tun haben und wie wir selbst etwas dagegen unternehmen können.

Nach der Hälfte des Buches war ich platt und habe um andere Meinungen in meinem direkten Umfeld gebeten. So sehr hat mich das Buch von Murat Kayman in Beschlag genommen, dass ich nicht mal mehr richtig meine Gedanken ordnen und seine Ideen einordnen konnte. Doch dann habe ich weitergelesen und es bis zum Schluss durchgehalten, um auch die Danksagungen zu lesen.

Murat Kayman ist kein Unbekannter. Als er in der DITIB in leitender Position gearbeitet hat, war ich gerade am Werk, für einen IGMG-nahen Verlag als leitender Redakteur eines Onlinemagazins die Arbeit und Positionen innerhalb der muslimischen Community einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Gesellschaftliche Themen berührten immer wieder die Arbeit und man lief sich immer öfter über den Weg. Wir stritten uns, während wir noch eine „Funktion“ in zwei der wichtigsten muslimischen Verbände in Deutschland hatten.

Kritik an Verbänden — Schönheit des Islam

Wir haben diese Diskurs- und Diskussion-Kultur weitestgehend beibehalten, wie einige Kenner unserer letzten Begegnungen auch mitbekommen haben dürften. Kaymans Gedanken sind häufig weitergehend und höchst intellektuell geprägt. Der Mann ist auf einer Mission und bringt dabei immer wieder sein leidenschaftliches Thema in seinen Gedanken unter: die Schönheit des Islam. Dabei spart er auch nicht mit Kritik an den leidenschaftslosen Verbänden.

So ähnlich verhält es sich auch mit seinem Buch. Darin geht er zum einen nicht zimperlich mit den Verbänden um und legt den Finger in die Wunde und zählt die Defizite dieser Konstruktionen auf. Zum anderen geht er aber auch auf die gesellschaftliche und situative Lage von Muslim*innen im Allgemeinen ein. Kayman macht es sich nicht einfach und legt dabei auch sein persönliches Islam-Verständnis offen. Ein gemeinsamer Freund witzelte, noch ehe ich das Buch gelesen habe, es handle sich um ein Dawa-Buch.

Werbung für einen modernen, offenen und humanistischen Islam

So weit würde ich nicht gehen, aber die grundlegenden Thesen, die Kayman hier offenbart, sind insgesamt eine große Werbung für einen modernen, humanistischen Islam. Die Kritik an den Verbänden ist berechtigt, weil sie aus seiner Sicht dazu beitragen, die Wurzel für die Gewalt in den Menschen legen.

Dabei spricht Kayman auch immer aus seinem eigenen Erfahrungshorizont, der nicht begrenzt ist. Doch die Frage sei erlaubt: Ist der Mensch nicht am Ende für seine Handlungen selbst verantwortlich? Auch wenn wir meinen, dass Moscheen, Imame und Funktionäre die Saat legen, liegt es nicht vielmehr an einem sozialen Konstrukt aus Erziehung, Schule und vielleicht auch Moschee, wie sich der Mensch am Ende orientiert und entscheidet?

Pflicht der Verbände?

Kayman schließt das nicht unbedingt aus, er sieht aber die Moscheen und die Verbände, als exekutive Macht hinter den Moscheen, in der Pflicht. Sie beherrschen aus der Sicht von Kayman die Lehre, die eben weitervermittelt wird. Und wenn diese Lehre nur aus Bruchstücken einer Orthopraxie statt einer liebevoll gehegten Theologie besteht, so muss man Kayman in seiner Diagnose zustimmen.

Und vielleicht ist das die Frage, über die in diesem Buch tatsächlich gestritten werden darf. Alles andere reiht sich ein in eine situative Beschreibung des Daseins von Muslim*innen und der gesellschaftlichen Akzeptanz dieser in Deutschland. „Was ist deutsch?“, und „Wie kann ein deutscher Islam aussehen?“ sind dabei vermutlich die wichtigsten Fragen, denen Kayman in diesem Buch nachgeht. Kaymans Beschreibungen und Beispiele sind dabei hervorragend dargestellt.

Kein Buch für alle

Doch das Buch kränkelt. Zum einen sind die Thesen und Ausführungen all jenen schon etwas vertraut, die seine Blog-Texte bereits verfolgt haben. Zum anderen sind die Passagen und Teile des Buches nichts für einen gemütlichen Abend zum Lesen an einem Kamin. Es ist doch eher starke Kost, wenn man so will, mit der uns der Autor beglückt und zugleich auf eine Reise mitnimmt. Es wird daher nicht den Geschmack aller Menschen treffen.

Wer sich aber für die muslimische Community, die Defizite der Verbände und einen humanistisch orientierten Islam interessiert, ist mit diesem Buch bestens ausgestattet. Es dürfte der Person mehr Aufschluss über das eigene Sein und die Frage nach Lösungen bieten als viele Vorträge oder andere Bücher mit merkwürdigen Konnotationen. Wer aber einfache Antworten sucht, sollte sich ein anderes Buch als Lektüre vornehmen.

Autor: Murat Kayman
Verlag: Riva
ISBN: 978–3742318022

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Hinweis und Offenlegung in eigener Sache: Ich kenne Murat Kayman persönlich. Wir pflegen ein gutes Verhältnis zueinander, das aber auch geprägt ist von unterschiedlichen Auffassungen und Meinungen. Wir streiten manchmal immer noch, in freundschaftlicher Art verbunden, um die „richtige“ und „wahre“ Meinung.

* Für diesen Beitrag wurde ein Exemplar des Buches als Kindle-Version über Amazon gekauft. Dem Autor dieser Zeilen wurde kein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Wer auf den Amazon-Partner-Link klickt und darüber etwas bestellt unterstützt eventuell meine Leselust, weil es dafür vielleicht eine Werbekostenerstattung gibt.

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