Anscheinend werden immer mehr Verträge von Doktoranden und wissenschaftlichen Mitarbeitern an Fakultäten und Zentren für Islamische Theologie in Deutschland nicht mehr verlängert. Hintergrund dürfte das Auslaufen staatlicher Förderungen sein. Steht die Islamische Theologie in Deutschland womöglich vor dem Aus?

Immer mehr Personen berichten mir, in vertraulichen Gesprächen, dass ihre Verträge an den Zentren für Islamische Theologie nicht mehr verlängert werden. Hintergrund dürfte sein, dass zum Ende des Monats die Förderungen durch den Bund auslaufen. Es zeichnet sich ein harter Schnitt an diversen Fakultäten ab. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Fakultäten ohne die Förderungen durch den Bund überhaupt noch überlebens- und arbeitsfähig sind.

Bund und Länder hatten bei der Etablierung der fünf Islamischen Zentren für Theologie in Nürnberg/Erlangen, Frankfurt, Tübingen, Münster und Osnabrück vereinbart, dass in einer zehnjährigen Etablierungsphase der Bund Gelder zuschießt. Diese Förderungsphase endet nun nach zehn Jahren für vier dieser Zentren. Einzig der Standort Erlangen-Nürnberg bekommt noch ein Jahr lang Geld vom Bund, weil es auch erst 2012 an den Start ging.

Mehrere Millionen Euro flossen in den Aufbau der universitären Islamischen Theologie

Außerdem wird der Bund auch die neuen Fakultäten an der HU Berlin und in Paderborn mit etwas Geld bis ins Jahr 2023 unterstützen. Durch eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der AfD (Drucksache 19/18216) war bereits 2020 bekannt geworden, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) knapp 28 Mio. Euro in die Fakultäten gesteckt hatte, um den Etablierungs- und Gründungsprozess zu unterstützen.

Diese Millionenförderung läuft nun aus, weshalb sich die Zentren für Islamische Theologie nun endgültig auf den Normalbetrieb einstellen müssen. Künftig obliegt die Unterhaltung der Zentren den Ländern und den Universitäten selbst. Entsprechend wird jetzt auch mit den zur Verfügung stehenden Mitteln besser gewirtschaftet werden müssen. Das bedeutet im Klartext: Die Zentren müssen deutlich sparen und effizienter werden.

Sparen beginnt häufig beim Personal

Grundsätzlich zwingt das Auslaufen der Förderung zu Sparmaßnahmen, die an Universitäten häufig direkt bei der Personaldecke ansetzen. Denn (fest eingestelltes) Personal ist immer mit Folgekosten verbunden. Durch den Wegfall des Geldes vom Bund dürften an diversen Standorten keine neuen Professuren mehr vergeben werden. Erste wissenschaftliche Mitarbeiter*innen und Doktoranden bekommen diese Umstellung bereits mit.

Mehrere Betroffene gaben zu Protokoll, dass ihre Verträge ausgelaufen sind und nicht mehr verlängert werden, obwohl dies teilweise sogar zugesichert worden sein soll. Sie erfuhren von den tatsächlichen Problemen allerdings erst kurz vor der regelmäßig erfolgten Verlängerung. Einige wussten weder über die politische Dimension dieser Thematik Bescheid, noch wurden sie auf diese mögliche Problematik vorbereitet. Prekäre Beschäftigungen in befristeten Verträgen gehören zum Arbeiten im universitären Bereich dazu (Siehe auch Diskussionen um “IchBinHanna”)

Falsch geplant?

Doch wie gehen die einzelnen Zentren mit der Thematik um? Tatsächlich hatten bis zum Schluss einzelne Verwaltungen an den Universitäten wohl damit gerechnet, dass die staatlichen Stellen eine Verlängerung beschließen würden. Hier wurde anscheinend auch versucht, bei der Politik zu lobbyieren. Doch in den Haushaltsgesprächen des Bundes wurden keine Anstalten gemacht, die Förderungen überhaupt zu thematisieren. Auch die Länder können und möchten nicht stärker einspringen.

Stattdessen werden hinter den Kulissen immer noch Gespräche mit einzelnen Stiftungen geführt oder andere Fördermöglichkeiten für bisherige Projekte angestrebt. Die Lösungen dürften allerdings länger auf sich warten lassen. Eine Lösung für Betroffene in der jetzigen Situation ist nicht in Sicht. Es ist eher zu vermuten, dass die Zentren mit dem wenigen Geld, dass nun für sie zur Verfügung steht, umgehen und arbeiten müssen. Das bedeutet auch harte Einschnitte in den Forschungs- und Lehrprojekten.

Stipendien, Forschungstöpfe und neue Projekte

Einzelne Fakultäten raten den Betroffenen mittlerweile zu anderen Fördermöglichkeiten, was die Gesamtsituation beispielsweise für alle Doktoranden verschärfen dürfte. Hier geht es um Forschungsgelder aus Gesamttöpfen, aber auch um Stipendien aus Exzellenzclustern, auf die sich jetzt zusätzlich muslimische Theologen bemühen werden. Dadurch bleibt am Ende weniger für alle im wissenschaftlichen Gesamtbetrieb übrig.

Eine Möglichkeit an neue Förderungen zu gelangen, haben auch einzelne Standorte gezeigt, die sich dem politischen Willen gebeugt haben. Hier wurden neue Projekte gegründet, die von Bund und Land gleichzeitig für eine längere Zeit gefördert werden. Dadurch hat man auch eine gute Anschlussbeschäftigung für Personal geschaffen, dass man sonst nicht hätte am Standort halten können.

Ausbildung in die Erwerbslosigkeit?

Es ist aktuell davon auszugehen, dass mit den wenigen Geldern kaum eine tragfähige Landschaft weiter aufgebaut werden kann. Forschungsprojekte dürften auch in naher Zukunft auslaufen, weshalb verschiedene Projekte, die aktuell laufen, plötzlich schnell beendet werden dürften. Ein anderes Problem, das schon länger schwelt, dürfte sich unterdessen weiter verschärfen.

Wer sich nur auf Islamische Theologie spezialisiert studiert, hat aktuell kaum noch eine Möglichkeit im wissenschaftlichen Betrieb zu arbeiten. Die Stellen sind allesamt besetzt und nur bei Neugründungen oder Neubesetzungen gibt es noch eine Option auf eine mögliche Stelle. Entsprechend ist die Ausbildung allein zum Theologen auch mit der großen Gefahr verbunden, dass man in die Erwerbslosigkeit ausgebildet wird.

Islamische Theologie an den Universitäten dürfte an Interesse verlieren

Studierende müssen sich darauf einstellen und unter Umständen wird die Zahl der Bewerbungen weiter abnehmen. Duale Studiengänge und Doppel-Lösungen wie “Theologie und Religionspädagogik” dürften hingegen zunehmen. Gerade Religionslehrer werden (noch) gesucht.

Entsprechend dürfte sich der Schwerpunkt der Ausbildung an den Universitäten eventuell auch etwas weiter verschieben — ganz so, wie es der Bund übrigens von Anfang an wollte. Hier gibt es aber auch Konkurrenz unter den verschiedenen Fakultäten und weiterer Universitäten. Eine universitäre Imamausbildung bleibt unterdessen weiterhin eine Utopie, solange es keine anerkannte Religionsgemeinschaft gibt, die flächendeckend ausbilden möchte.

Quo Vadis Islamische Theologie?

Insgesamt ist zu konstatieren, dass die Gründungs- und Etablierungsphase sehr holprig vollzogen wurde. An manchen Fakultäten wechselte ständig das Personal. An manchen Fakultäten gab es Disput über die Lehrpersonen. An manchen Fakultäten wurde eine problematische theologische Ausrichtung deutlich. So gab es Fakultäten, die statt klassischer Lehre einen modernen Ansatz verfolgten, davon aber wieder im Laufe der Zeit abrückten.

Ebenfalls wird von den Standorten bezüglich muslimischer Grundlehren eine unterschiedliche Auffassung vorangetragen. Es gibt etwa in der universitären Landschaft eine Fakultät, die am Gedanken des Taqlid (Nachahmung) festhält, während alle anderen diesen kritisch betrachten und bewerten. Es findet weiterhin kein universitärer Austausch zwischen den Positionen statt. Letztlich sind jetzt seit der Gründung und dem Start zehn Jahre vergangen, in denen mehrere Hundert Absolventen ihre Abschlüsse entgegennehmen konnten.

Bisher hat sich dadurch für die muslimische Lebenswirklichkeit jedoch nur wenig verändert. Der universitäre Diskurs steht weiterhin nur am Anfang und die Qualität der Theologie muss sich noch weiter entwickeln. Ob es am Ende auch zu echten Imam-Ausbildungen und einer guten Zusammenarbeit mit Religionsgemeinschaften (ohne Beiratslösungen) kommen wird, lässt sich weiterhin nur schwer abschätzen. Hier scheint es am Willen beider Seiten zu mangeln.

Eines lässt sich aber festhalten: Als ein Mittel zur Prävention und Deradikalisierung funktionieren diese Fakultäten nicht. Das scheint auch endlich die Politik eingesehen zu haben. Leider bleibt die universitäre Theologie auch in wichtigen Fragen unserer Zeit viel zu stumm. Insofern ist der Einfluss bedauerlicherweise sehr begrenzt. Ohne weitere Förderungen dürfte sich dieser Einfluss weiter verflüchtigen. Vielleicht führt das aber auch dazu, dass die Zentren für Islamische Theologie künftig wichtigeren Themen widmen.

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