Sichtung oder Berechnung: Wie wird Beginn und Ende des Ramadan bestimmt?

Sichtung oder Berechnung: Wie wird Beginn und Ende des Ramadan bestimmt?

Häufig wird darüber diskutiert, ob die Sichtung des Mondes für die Bestimmung des Ramadan notwendig ist. Dieser Beitrag versucht darzustellen, welche verschiedenen Meinungen es zur Bestimmung für den Beginn und das Ende des Monats Ramadan gibt.

Die Bestimmung eines Mond-Monats oder islamischen Monats hängt von der Mondsichel des Neumondes ab. Zu Beginn eines Monats sieht man die Mondsichel des Neumondes und zu Beginn des nächsten Monats erneut. So unterscheidet man zwischen den verschiedenen Monaten.

Jeder Monat dauert in aller Regel zwischen 29 und 30 Tagen. Der Beginn des Monats Ramadan und auch sein Ende werden durch sogenannte „Sichtung“ bestimmt, welche das Sehen mit bloßem Auge, das Sehen mit optischen Hilfsmitteln aber auch durch Berechnung meinen kann. Hier gibt es eine Meinungsverschiedenheit.

Sichtung und Bestimmung von Anfang und Ende des Ramadan

Geht man von der klassischen Auslegung aus, ist die Sichtung der Mondsichel des Neumondes mit dem bloßen Auge ausschlaggebend für das Fasten im Ramadan. Die Sichtung des Hilal (Sichelmond, Neumond) muss nach Sonnenuntergang erfolgen. Eine Sichtung des Neumondes vor Sonnenuntergang wird von den meisten Gelehrten abgelehnt. Allerdings kann man einen Neumond nicht immer mit bloßem Auge sehen, beispielsweise weil Wolken den Himmel verdecken.

Dem tragen auch Aussprüche des Propheten Muhammad (ﷺ) Rechnung. Ein Beispiel:

Allahs Gesandter (ﷺ) erwähnte den Ramadan und sagte: „Fastet nicht, es sei denn, ihr seht den Sichel (des Ramadan), und hört nicht auf zu fasten, bis ihr den Sichel (des Shawwal) seht, aber wenn der Himmel bedeckt ist (wenn ihr ihn nicht seht), dann handelt nach Schätzung (d.h. zählt Shaban als 30 Tage).

Überliefert von Abdullah ibn Umar; Sahih al Bukhari, Kapitel über das Fasten (Sawm), Hadith Nr. 11

Dieser Hadith zeigt an, dass die Sichtung der Mondsichel zum 29. des Monats Schaban erfolgen muss. Wenn man jedoch die Mondsichel nicht sehen kann, so soll man den Monat Schaban auf 30 Tage schätzen. Entsprechend wird auch das Ende des Monats Ramadan geschätzt, wenn man keine Sichtung vornehmen kann.

Ich hörte Allahs Gesandten (ﷺ) sagen: „Wenn du die Sichel (des Monats Ramadan) siehst, fang an zu fasten, und wenn du die Sichel (des Monats Shawwal) siehst, hör auf zu fasten; und wenn der Himmel bedeckt ist (und du kannst es nicht sehen), dann betrachte den Monat Ramadan als 30 Tage“.

Überliefert von Ibn Umar; Sahih Al Bukhari; Kapitel über Fasten (Sawm), Hadith Nr. 5

Der obige Hadith zeigt an, dass Muslim*innen, die die Sichel des Neumondes am 29. Ramadan nicht sehen können, von 30 Tagen des Ramadan ausgehen sollen. Dies ist eine Erleichterung für die Muslim*innen beim Umgang mit dem Ende des Fastenmonats. Der erste Tag von Shawwal ist gleichzeitig auch das Eid ul Fitr (Ramadanfest).

Meinungsverschiedenheiten beim Thema Sichtung des Neumondes

Es gibt verschiedene Diskussionen, die immer wieder bei der Bestimmung des Neumondes, insbesondere des Neumondes von Ramadan, auftreten. So gibt es Meinungsverschiedenheiten zu folgenden Themen:

  • Muss die Sichtung des Neumondes mit bloßem Auge erfolgen oder darf man Hilfsmittel wie ein Fernglas oder Teleskop verwenden?
  • Darf man den Beginn oder das Ende des Neumondes berechnen? Ist eine Sichtung ausschließlich als Sichtung gemeint?
  • Reicht es aus, wenn Muslim*innen am anderen Ende der Welt den Neumond sehen (globale Sichtung), um überall den Ramadan zu begehen? Oder müssen Muslim*innen an ihrem eigenen Ort den Neumond sichten (lokale Sichtung)?
  • Muss die Sichtung des Neumondes ausschließlich in Mekka erfolgen und alle anderen müssen sich daran halten?

Wie sollten Muslim*innen mit solchen Diskussionen umgehen?

Um es klar voranzustellen: Diese Meinungsverschiedenheiten, die von einfachen Muslim*innen auch leider pervertiert werden, führen zu unnötigen Diskussionen, die immer zwangsläufig eskalieren. Dabei werden vor allem die aufrichtigen Versuche von gläubigen Menschen mit Füßen getreten, weil man meint, die eigene Wahrheit sei die einzige wahre Wahrheit. Ein solches Verständnis schadet nicht nur dem Gedanken der Geschwisterlichkeit unter Muslim*innen, es schadet auch den Bemühungen von Muslim*innen in aller Welt, ihrer religiösen Pflicht nachzugehen.

Dies kann weder im Sinne von Muslim*innen sein, noch sollte es im Sinne von uns allen sein. Wir sollten akzeptieren, dass es Meinungsverschiedenheiten gibt und die Ansätze der verschiedenen Gelehrten und auch Rechtsschulen respektieren. Das bedeutet vor allem im persönlichen Umgang – auch wenn wir der Meinung sind, unser Gegenüber habe Unrecht und sei im Irrtum – unsere eigene Fehlertoleranz zu hinterfragen und uns mit Kommentaren zum religiösen Leben des Gegenübers zurückzuhalten. Es ist schließlich eine persönliche Entscheidung, welcher Ansicht oder Erkenntnis man folgt.

Sichtung – was heißt das?

Geht man vom Wortlaut der oben wiedergegebenen Hadith aus, so ist für viele sofort klar, dass die Sichtung mit bloßem Auge erfolgen muss. Allerdings liegt das eher an einer traditionalistischen Lesart. Denn das Wort, dass hier in den Hadith benutzt wird, kann durch seinen Wortstamm eben nicht nur „Sichtung“ sondern auch „Wissen“ oder „Glauben“ bedeuten. In diesem Kontext ergeben sich durch Betrachtung anderer Hadith neue Interpretationsmöglichkeiten.

Ein Beispiel für eine Neubetrachtung liefert beispielsweise dieser Hadith:

Der Prophet (ﷺ) sagte: „Wir sind ein ungebildetes Volk; wir können weder rechnen, noch schreiben und lesen. Der Monat ist mal so und mal so, d.h. manchmal 29 Tage und manchmal 30 Tage.“

Überliefert von Ibn Umar; Sahih al Bukhari; Kapitel über Fasten (Sawm); Hadith Nr. 13

Angesichts solcher und anderer Überlieferungen wird berechtigt die Frage gestellt, ob der Prophet (ﷺ) und seine Gefährten schlichtweg nicht die nötigen Mittel für eine Berechnung des Neumondes hatten. Tatsächlich basieren Berechnungen, wie wir sie heute kennen, auch auf Erfahrungswerten.

Heutzutage gestehen Literalisten weiterhin der Methode der Berechnung keine Existenz zu. Allerdings zeigen sich immer mehr Gelehrte für Kompromisse bereit. So wird beispielsweise die Methode der Berechnung vor allem als Hilfsmittel verstanden und größtenteils akzeptiert, wobei die Sichtung mit (bloßem) Auge weiterhin ausschlaggebend bleibt.

Moderne Technologien und optische Hilfsmittel

Auch die Nutzung moderner Technologien wird weiterhin von Literalisten abgelehnt. Dazu können auch optische Hilfsmittel wie Ferngläser und Teleskope zählen. Die meisten muslimischen Gelehrten lassen allerdings solche Hilfsmittel heutzutage zu. Entscheidend sei die Sichtung des Neumondes mit dem Auge, wird vorgeschoben.

Und Berechnungen sind deutlich exakter geworden, als es bis vor zehn Jahren beispielsweise noch denkbar war. Verbindet man die Betrachtung von elementaren Überlieferungen zur Sichtung mit dem letzten oben ausgeführten Hadith, so ergibt sich die Frage, ob der Prophet (ﷺ) nicht den Muslim*innen bereits vorab angekündigt hat, dass sie eines Tages lesen, schreiben und rechnen können und das sie dann auch den Beginn des Mondes anders bestimmen könnten.

Ambiguität: Eindeutigkeit werden wir nicht erreichen

Es steht aus meiner Sicht außer Frage, dass wir als Muslim*innen Eindeutigkeit in diesen Fragen erreichen werden. Das liegt mitunter an den Möglichkeiten aber auch dem Festhalten an Wortlauten und einzelnen Interpretationen. Eindeutigkeit ist auch keine geeignete Lösung in diesem Konflikt.

Ich glaube fest daran, dass jede Gemeinschaft, an seinem eigenen Ort in der Welt, eine Lösung finden muss, mit der die Mehrheit leben kann. Eine Orientierung an den Herkunftsländern, wie es aktuell in Deutschland noch immer Praxis ist, wird langfristig eher abnehmen. Es bleibt dann die Frage, wie Muslim*innen in Deutschland den Beginn des Monats Ramadan bestimmen wollen.

Schon heute ist die Praxis dazu übergegangen die Gebetszeiten komplett zu berechnen – anhand von astronomischen Daten. Auch die Verteilung von sogenannten Ramadan-Kalendern ist diesem Umstand geschuldet. Entsprechend ergibt es aus meiner persönlichen Sicht keinen Sinn, eine Möglichkeit für die Bestimmung des Neumondes abzulehnen.

Vor allem deshalb nicht, weil die literalistische Lesart auch dem Geist des zuletzt aufgeführten Hadith widerspricht. Den technologischen Fortschritt und die Möglichkeiten für eine exakte Bestimmung abzulehnen, widerspricht dem Geist der Sunnah.

Alle Muslim*innen müssen selbst entscheiden

Gleichzeitig muss man aber auch nicht dieser Auslegung folgen. Es steht allen Muslim*innen frei, den Beginn des Ramadan für sich selbst zu bestimmen. Sollte man sich jedoch für eine Methode entscheiden, ergibt es Sinn diese beizubehalten. In modernen Zeiten erleben wir immer wieder, dass man plötzlich anfängt von einer Methode zur anderen zu springen, weil das Ergebnis einem selbst nicht gefällt.

Es gibt sogar Muslim*innen, die sich anschauen, bei welchen Gemeinschaften die Fastenzeiten kürzer sind, um sich nach diesen zu richten. Das ist sicherlich nicht der Sinn und Zweck der Debatten um die Bestimmung des Monats Ramadan. Entsprechend braucht es auch einen Mut, zum gemeinsamen Austausch unter muslimischen Gelehrten und das auch vor allem auf lokaler Ebene.

Erste Ansätze von einheitlichen Standards in Deutschland

Erste Ansätze solchen Austausches und daraus auch abgeleitete Ergebnisse für die Gemeinschaften sehen wir bereits seit ein paar Jahren aufkeimen. Es wäre jedoch schön, wenn sich die Muslim*innen zumindest in einer Stadt auf einen gemeinsamen Beginn und ein gemeinsames Ende des Monats Ramadan einigen könnten.

Wir sehen stattdessen heute noch, dass die Moscheen und Gemeinden zu unterschiedlichen Zeiten das Fest begehen, obwohl es Dachverbände und einen innerislamischen Dialog gibt. Das schadet uns jedoch mehr als das es uns nützt. Vielleicht muss man als Muslim*innen und vor allem als Verantwortliche, daran arbeiten, einen gemeinsamen Nenner zu finden und die Methodik zu vereinheitlichen, mit der die Bestimmung vor Ort vollzogen wird.

Auf der anderen Seite: Der Islam ist vielfältig und er lebt von Vielfalt. Vielleicht ist diese Uneinigkeit und diese Uneindeutigkeit auch ein Segen. Wir wissen es vermutlich nur nicht zu schätzen.

Und zuletzt bleibt wie immer der Verweis: Und Allah (ﷻ) weiß es am besten.