Das Bild zeigt eine junge Muslimin mit Hijab und Maske. Welchen Einfluss haben Influencer*innen auf junge Muslim*innen?

Der neueste (alte) Scheiß von Muslim*innen und Organisationen

In diesem Beitrag geht es um Öffentlichkeitsarbeit und Influencer-Marketing von Muslim*innen und Verbänden für Muslim*innen. Dabei geht es vor allem um fragwürdige Arbeiten, Umsetzungen und Modelle.

Lächelnd und mit dem Oberkörper wackelnd macht die Hijabi-Trägerin mit ihrem voll geschminkten Gesicht ein überlegenes Lächeln zum Schluss ihres Kurzvideos. Dann deutet sie mit ihren Fingern auf den entscheidenden Satz, der plötzlich oben eingeblendet wird: “Du kannst auch viel Geld verdienen. Du brauchst nur dein Handy!”. Was wie Realsatire ausschaut, ist der neueste Trend auf TikTok und Instagram Reels. Junge Muslim*innen, die gut aussehen und einen Hauch von Erfolg ausstrahlen sollen, ködern andere junge Menschen mit ihrer “Geschichte” zum Network-Marketing.

Kurz gesagt geht es darum neue Kunden über Empfehlungen für ein oft überteuertes und meist sogar nutzloses Produkt zu überzeugen. Eine Gruppe junger Muslim*innen fällt diesbezüglich in den Trends der Dienste jedoch auf, weil sie Mode, Schmuck und das vermeintlich schnelle Geld versprechen. Tatsächlich müssen sich Interessierte wieder einmal teuer einkaufen und werden – das kann man so schon sagen – vermutlich ihr gesamtes Geld nie wieder sehen.

Die Hijabi-Influencer*innen machen hingegen Werbung für dieses Modell und kassieren doch noch ein bisschen Geld ab. Nach dem Absturz dürfte dann aber die schnelle Ernüchterung folgen. Denn das Problem bei solchen Modellen ist, dass man meistens Menschen im eigenen Umfeld reinzieht. Am Ende hat man andere um ihr Geld gebracht und gilt als Betrüger. Deshalb hier schon mal Vorsicht vor dieser neuen Masche, die eigentlich ziemlich alt ist, jetzt nur ein jüngeres Publikum über ihre Kanäle direkter anspricht. Der Glaubwürdigkeitsverlust dürfte aber schnell eintreten.

Manche Verbände kapieren es bis heute nicht

Glaubwürdigkeitsverlust, damit müssen sich auch muslimische Verbände immer wieder auseinandersetzen. Einer davon ist der Zentralrat der Muslime. Es war im Jahr 2017 als der Kleinstverband eine Wahlwerbekampagne ins Leben gerufen hat. Ich habe diese Kampagne damals sehr scharf kritisiert, weil der ZMD in seinen Wahlplakaten auf Stock-Fotos zurückgegriffen hat, statt authentische Personen aus den Gemeinden abzulichten und damit mehr Basisarbeit zu leisten.

Die Kampagne hieß damals “Meine Stimme zählt“. Ratet mal. Vier Jahre danach gelingt es diesen Amateuren (nur Männer!) weiterhin nicht eine ordentliche, basisnahe Kampagne zu erstellen, die endlich auf authentische Fotos setzt. Stattdessen wieder Stock-Fotos von Hijab-Models oder irgendwelchen Ausländern aus den Emiraten. Dazu kommt, dass die Kampagne erneut unter dem angeblich bekannten Titel läuft, wie es damals schon nicht interessiert hat. Es ist der gleiche Schrott.

Interessant ist auch wie wenig Mühe man sich für Verbesserungen gibt. So hieß es 2017 schon: “Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, sagte dazu: „Wir sind Teil Deutschlands und wir unterstreichen in unseren Gemeinden mit unserer Aktion “Meine Stimme zählt” unsere aller Verantwortung als Deutsche, aber auch als Muslime für unsere Demokratie.”” Der gleiche Spruch und Satz findet sich in der neuen Pressemeldung – übrigens mit einem Zusatz zur Freiheitlich Demokratischen Grundordnung. Da braucht man sich über Politikverdrossenheit angesichts solcher Worthülsen nicht zu wundern.

Die Lizenzen für die Stock-Fotos sind weiterhin eher nicht für das Teilen auf sozialen Medien ausgerichtet. Da der ZMD keine Angaben über die Lizenzen gemacht hat, habe ich mal bei alamy stock fotos recherchiert. Ich würde vom Teilen, wie auch schon 2017, abraten. Im Zweifel kann man vom Stock-Foto-Anbieter zur Kasse gebeten werden, wenn der ZMD nicht alle erforderlichen Lizenzen eingekauft hat. Ich kenne übrigens keine Gemeinde, die diesen Blödsinn damals mitgemacht hat. Mal sehen, wie schlecht es diesmal läuft.

Hilfsorganisationen mit fragwürdiger Öffentlichkeitsarbeit

Gut, nicht nur die Islamverbände haben Glaubwürdigkeitsprobleme. Auch Hilfsorganisationen haben aktuell viele Probleme. Das liegt auch an unterschiedlichen Strategien. So gibt es welche, die wie oben beschrieben Influencer*innen anwerben, damit diese Spendengelder sammeln. Das Ganze wird dann zu einer Art Ich-AG. Die Praxis ist tatsächlich weit mehr verbreitet als man annimmt und es bleibt immer ein übler Nachgeschmack. Gerade die Corona-Krise hat bei diesen Scheinselbstständigen nämlich für Ernüchterung gesorgt. Die Aufträge bleiben aus und man steht ohne Einnahmen da. Denn ein wichtiges Spenden-Instrument waren immer Vor-Ort-Veranstaltungen.

Islamismusvorwürfe und Antisemitismus

Auf der anderen Seite gibt es Organisationen wie Islamic Relief, die insbesondere während der Anfänge der Syrien-Krise wertgeschätzt und stark unterstützt wurden. Sie sind sogar Teil des Bündnisses “Aktion Deutschland Hilft” geworden, müssen aber ihre Mitgliedschaft aktuell ruhen lassen. Es gibt, wie so häufig, Islamismusvorwürfe. Dazu sind aber auch internationale Skandale um antisemitische Äußerungen im vergangenen Jahr gekommen. Der Verband kämpft gerade um eine Neustrukturierung und weist die Islamismusvorwürfe von sich. Die Reputation leidet unter den Vorwürfen.

Auf die Tränendüse gedrückt

Andere, mit solchen Vorwürfen konfrontierte, Verbände setzen hingegen auf Hero-Werbung mit allen möglichen Klischees und dem Druck auf die Tränendrüse. So z.B. auch die IGMG-nahe Hilfsorganisation “Hasene”. Im aktuellen Clip, der sich einem türkischen Zielpublikum widmet, wird so ziemlich alles abgespielt, was man machen kann, wenn man Menschen mit fragwürdigen Inhalten zum Spenden aufrufen will.

Interessant ist aber auch ein Politikum. Wie Engin abi mich auf Twitter darauf hinwies, ist der Werbeclip eigentlich eine Kritik am türkischen Staat, weil dieser nicht ausreichend für die armen Menschen sorgen können soll. Tatsächlich ist der Werbeclip deutlich von der offiziellen Position der regierenden AKP entfernt. Das könnte später noch Folgen für die Arbeit von Hasene International in der Türkei haben.

White Savourism

Was mich deutlich mehr stört, und das gilt für alle Formen solcher Organisationen, ist der White-Savourism-Aspekt. Auch in dem Clip von Hasene sieht man, wie sich weiße Menschen aktiv als humanitäre Helfer (auch hier nur Männer) inszenieren über vermeintlich arme Menschen aus verschiedenen Nationen. Warum das falsch ist und oft auch gar nicht gewünscht, wurde schon zu genüge vorgetragen.

Die muslimisch geprägten Hilfsorganisationen scheint das aber als Thema allesamt immer noch nicht erreicht zu haben. Stattdessen zieren kleine schwarze Kinder mit dürrem Gerippe fast alle möglichen Werbemittel, um Spenden einzuholen. Der weiße Mann bringt Spielsachen und umarmt und rettet diese Kinder. Nichts davon ist jedoch nachhaltig ausgelegt und schon gar nicht authentisch.

Diese zwei Fragen helfen aber vielleicht: Wie islamisch ist es eigentlich das Leid der Menschen zur Schau zu stellen? Und will man als Muslim*innen solche problematischen Darstellungen weiterhin mit Geld unterstützen, statt nachhaltige und alternative Projekte?