Regaib-Nacht (Regaib kandili)

Regaib-Nacht (Regaib kandili)

Dieser Beitrag klärt über die Regaib-Nacht (türkisch: Regaib Kandili) auf.

Die Nacht auf den ersten Freitag des islamischen Monats Radschab wird als Regaib-Nacht (türkisch: Regaib kandili) bezeichnet. Diese Nacht gehört zu den, als besonders betrachteten, ersten Nächten in den “Drei gesegneten Monaten: Radschab, Schaban, Ramadan” (türkisch: Üç Aylar). Die Regaib-Nacht wird traditionell mit zusätzlichen gottesdienstlichen Handlungen begangen. Vor allem im türkischsprachigen bzw. türkisch geprägten Raum ist diese Nacht bekannt. Die Regaib-Nacht wird auch häufig als “Nacht der Wünsche” bezeichnet.

Das Wort “regaib”(رغائب) kommt aus dem Arabischen. In der Wortwurzel von Regaib (re-ga-be) stecken die Bedeutungen „etwas wollen“, „sich nach etwas sehnen“, „sich zu etwas hingezogen fühlen“ und „etwas erlangen“. Regaib selbst bildet die Mehrzahl der Wurzel. Es bedeutet im religiösen Sinne so viel wie “viel Segen” oder “Taten die sinnvoll sind”. Im Koran kommt das Wort “regaib” nicht vor. Allerdings gibt es verschiedene Stellen im Koran, an denen Worte mit gemeinsamer Wurzel Erwähnung finden.

Regaib-Nacht: Unklare Quellen und Volksglauben

Im Volksglauben gilt die Regaib-Nacht als eine von verschiedenen segensreichen Nächten innerhalb der drei gesegneten Monate. Es wird geglaubt, dass Allah (swt) in dieser Nacht seine Barmherzigkeit, seine Gaben und Hilfen an die Menschen verteilt. Deshalb spricht man auch immer wieder von der “Nacht der Wünsche”. Es wird ebenfalls angenommen, dass der Prophet Muhammad (ﷺ) den ersten Donnerstag im Monat Radschab im Fasten verbracht und die Regaib-Nacht mit einem Nachtgebet von 12 Einheiten (rakat) verbracht haben soll. Aus der Sicht der Mehrheit der muslimischen Gelehrten gibt es jedoch keine authentischen und glaubwürdigen Quellen, die diesen Volksglauben rechtfertigen oder bejahen würden.

Es gibt verschiedene Überlieferungen von Aussprüchen des Propheten Muhammad (ﷺ), die auf eine besondere Wichtigkeit dieser Nacht hinweisen sollen. So werden Überlieferungen, wie die folgende, als Beweis angeführt:

“Es gibt fünf Nächte, in denen die Bittgebete nicht abgewiesen werden. Dies sind die Nächte auf den Freitag, die erste Nacht zum Freitag im Monat Radschab, die fünfzehnte Nacht im Monat Schaban und die Nächte der Ramadan- und der Kurbanfeste.”

Bayhaki, Schuab al-iman, 5/288, Hadith Nr. 3440

Sämtliche Überlieferungen dieser Art gelten jedoch bei der Mehrheit der Gelehrten als schwach und nicht authentisch. Einige Überlieferungen, die beispielsweise auch zu weiteren gottesdienstlichen Handlungen aufrufen, wurden von den Gelehrten als frei erfunden eingestuft. Es ist ebenfalls bekannt, dass eine Mehrheit der Gelehrten diese Form von Nächten abgelehnt hat, mit Verweis darauf, dass es sich um eine religiöse Neuerung (bid’a) handelt. Außerdem wird im Falle der Regaib-Nacht auch ein Hadith des Propheten Muhammad (ﷺ) angeführt, welcher besondere und speziell für den Freitag getätigte gottesdienstliche Handlungen abgelehnt hat.

Abu Huraira (ra) berichtete, dass der Gesandte Allahs (ﷺ) sagte: “Keiner von euch soll am Freitag das Fasten einhalten, sondern nur, dass er davor und danach das Fasten einhält.”

Sahih Muslim, Buch 13, Hadith 189

In diesem Sinne wurden gottesdienstliche Handlungen anlässlich der Regaib-Nacht als “religiös zu hinterfragen” beurteilt. Ein Teil der Gelehrten sah jedoch in zusätzlichen gottesdienstlichen Handlungen während solcher Nächte kein Problem, solange das Maß nicht überschritten und die gottesdienstlichen Handlungen als zusätzliche Handlungen (nafila) erbracht wurden. Die Diskussionen dieser Art gehen bis in unsere Tage weiter. Die Regaib-Nacht hat sich jedoch in bestimmten Teilen der Welt kulturell durchgesetzt – auch aufgrund politischer und religiöser Entwicklungen.

Herkunft, Tradition und aktuelle Formen der Regaib-Nacht (türkisch: Regaib Kandili)

Die Tradition der Regaib-Nacht entstammt vermutlich dem 10. Jahrhundert. Unter anderem hat der berühmte Gelehrte Imam al Ghazali (ra) in seinem Werk “Wiederbelebung der Religionswissenschaften” (ihya’ ‘ulûm ad-dîn) über diese Nacht und die gottesdienstlichen Handlungen darin berichtet, welches vom gesamten Volk von Jerusalem begangen wurde. Ausführlich dokumentiert worden sind solche Nächte jedoch erst im Laufe des 18. Jahrhunderts, insbesondere innerhalb des damaligen Territoriums des Osmanischen Reichs.

Feierlichkeiten anlässlich der Regaib-Nacht gehen zu diesem Zeitpunkt vor allem auf die Sufi-Orden und Logen in Anatolien zurück. Besonders bekannt sind im Bereich des tasawwuf Lobgedichte, die anlässlich dieser Nacht aufgeschrieben und öffentlich vorgetragen worden sind. Ein Brauchtum, Lichterketten zwischen Minarette zu hängen (türkisch: Kandil), geht ebenfalls auf diese Zeit zurück. Solche Formen der Feierlichkeiten haben sich in manchen Regionen bis heute erhalten und erfreuen sich starker Beliebtheit bei der Bevölkerung.

Situation in Deutschland?

Im deutschsprachigen Raum finden insbesondere bei Moscheen mit mehrheitlich türkeistämmigen Gemeindemitgliedern besondere Programme anlässlich der Regaib-Nacht statt. Familien nehmen sich für diese Programme extra Zeit und fahren oft gemeinsam in die Moscheen. Es gibt Vorträge, Lobgesänge, Gedichte und gemeinschaftliche Gebete. Außerdem kann es vorkommen, dass auch für das leibliche Wohl gesorgt wird. Viele muslimische Vertreter in den Verbänden und Moscheen nutzen den Anlass, um noch einmal auf die Wichtigkeit bestimmter muslimischer Gepflogenheiten hinzuweisen und zu mehr Geschwisterlichkeit unter Muslim*innen aufzurufen. Die Moscheen sind traditionell an solchen Nächten voller als sonst.

Gleichzeitig gibt es auch eine Gegenbewegung. Da die Mehrheit der Moscheen in Deutschland eher kulturell und ethnisch von der Türkei geprägt sind, gibt es zwar eine große Masse an Veranstaltungen, jedoch nimmt auch die Zahl der Skeptiker und Gegner massiv zu. So haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren vor allem die Gegner solcher Nächte in neuen Moscheen organisiert und bringen thematisch immer wieder Argumente gegen das Feiern einer solchen Nacht hervor. Letztlich bleibt die Regaib-Nacht jedoch ein fester Teil der muslimischen Lebenswirklichkeit – auch wenn es insbesondere im Internet anders aussieht und die Zahl von Moscheen, die mit einer ablehnenden Haltung zum Thema stehen, zunimmt.

Auch wenn der Ursprung der Regaib-Nacht unklar und umstritten ist: Die Mehrheit der muslimischen Gelehrten sehen heute eher kein Problem darin, wenn Muslim*innen ihre Nächte in Gedenken an Allah (swt), Gebeten und anderen Formen gottesdienstlicher Handlungen verbringen. Es wird sogar teilweise von Gelehrten toleriert, die in diesen Nächten eine religiöse Neuerung (bidʿa) sehen. Nächte und Anlässe dieser Art können den Zusammenhalt in der Gemeinschaft der Muslim*innen stärken und sind auch eine Möglichkeit für Muslim*innen, die nicht so oft in eine Moschee gehen, wieder zurück zu ihren Gebetsstätten zu kehren. Entsprechend wird auch hier ein bekannter Ausspruch des Propheten (ﷺ) bemüht:

“Die Taten sind entsprechend den Absichten.”

Prophet Muhammad (ﷺ)