Stell Dir vor, Du bist in einem Fahrstuhl und fährst gerade hoch. Eine weitere Person steht neben Dir und fragt Dich bestimmt und interessiert: “Was machen Sie eigentlich beruflich?!” Was würdest Du antworten? Wie würdest Du antworten? Und wovon machst Du Deine Antwort eigentlich abhängig? Für einen solchen Fall gibt es die Methode des “elevator pitch”. Man hat, je nach Ansatz, knapp 30 Sekunden Zeit, um die Person im Fahrstuhl von seinem eigenen Berufsbild zu überzeugen und im besten Fall sogar zu begeistern. Jedenfalls ist das die Theorie. In der Praxis kann das wieder anders aussehen.

Ich habe mir jedenfalls abgewöhnt, über meine eigentliche Arbeit viel zu erzählen. Es bleibt bei Begriffen und Worthülsen, die einen Eindruck verschaffen sollen, aber im Grunde nichtssagend sind und keine Auskunft über die tatsächliche Tätigkeit hergeben. Wenn mich heute jemand fragt, was ich mache, lautet meine Antwort: “Ich bin Online-Marketing-Experte bei einem Unternehmen der Energiewirtschaft.” Das stellt die meisten Fragenden ruhig. Doch aus meinem Umfeld weiß ich, dass diese Antwort überhaupt nicht als erklärend oder aussagekräftig wahrgenommen wird.

Diskretion ist in bestimmten Branchen wichtig

Erst letztens fragte mich ein langjähriger Freund und Kumpel, was ich jetzt eigentlich genau mache. Die Antwort war für Ihn noch eingeschränkter: “Marketing und Vertrieb”. Anders als fremde Personen, fragte mein Kumpel aber weiter nach, genauso wie andere an unserem Tisch: “Was heißt das genau?” Im ungefähren zu bleiben ist jedoch wichtig. Jedenfalls ist es mir wichtig geworden. Früher habe ich sehr detailliert berichtet, was genau ich mache, an welchen Projekten ich gerade sitze und wie es gerade insgesamt beruflich läuft. Mittlerweile bleibt es eher schwammig bis ungreifbar. Das hat einen einfachen Grund: Ich mache vieles, sitze an spannenden Projekten und darf gar nicht mehr darüber sprechen.

Das Umfeld und die Branche, in der ich mich aktuell beruflich bewege, legt viel Wert auf Diskretion. Für mich ist es auch eine Umstellung. Früher hieß es an allen beruflichen Stationen meines Lebens: “Sprich über deine Arbeit.” oder noch genauer: “Tue Gutes und sprich darüber!” Das war eine der häufigsten Fragen, die ich bei Bewerbungsgesprächen für den Mittelstand gestellt bekam: “Herr Sahin, Sie haben sich in Ihren bisherigen Stationen eher im sozialen Bereich bewegt. Wird das ein Problem für Sie, wenn Sie bei uns anfangen?”

Hobby zum Beruf machen? Lieber nicht!

Nein, für mich ist das kein Problem. Es darf nur nicht mehr dazu kommen, was zwischendurch tatsächlich gewesen ist: Das meine Arbeit und mein Privatleben miteinander so stark verwoben sind. Ich finde eine Trennung zwischen der eigentlichen Arbeit und dem, was man gerne in seiner Freizeit tut, sollte immer vorhanden sein. Ich habe beispielsweise den Traum vieler gelebt, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Es hat mich fast zerstört, weil meine Bindung an meine Arbeit und das private Umfeld, ausgenutzt wurde. Dazu kommt, dass die Projekte, die ich da angestoßen habe, als meine eigenen Projekte und eigene Babys gesehen habe, was mich noch abhängiger gemacht hat.

Ich habe Respekt für jeden Menschen, der sein Hobby zum Beruf macht. Dafür bin ich einfach nicht geschaffen. Ich möchte nicht, dass Menschen davon profitieren, dass ich eine Sache sehr ernst nehme, und mich dabei so reinhänge, dass ich viel Verzicht übe. Da draußen wird dieser Umstand jeden Tag missbraucht, von Organisationen, Führungspersonen und Firmen, die vorgeben, menschlich und moralisch überlegen zu sein. Sie missbrauchen aber das Wohlwollen der Menschen und profitieren von Mitarbeiter*innen, die sich aufopfern und später vor den Scherben ihres Lebens stehen.

Für die Fachwelt sieht es schon anders aus

Doch kommen wir zurück zur Ausgangsfrage. Was mache ich beruflich? Und wie würde ich das in einem “elevator pitch” den Menschen verkaufen? Ich würde es tatsächlich in der Realität bei dem belassen, was ich vorhin schon erklärt habe. Der Grundsatz für uns alle sollte lauten: Wenn wir nicht viel über unsere Arbeit erzählen möchten, dann müssen wir das auch nicht tun. Das wäre anders, wenn ich einen neuen Job bräuchte und dann erzählen sollte, was ich bisher getan habe und warum man unbedingt mich einstellen sollte.

Von diesem letzten Szenario ausgehend, wäre meine Antwort: “Ich habe zuletzt, spezialisiert auf Online-Marketing-Themen, bei einem mittelständischen Unternehmen der Energiewirtschaft gearbeitet. Davor war ich mehrere Jahre als Marketing-Manager, Online-Redakteur und Journalist tätig. Ich habe ein ausgeprägtes Gespür und Händchen für Digital-Themen. Mit der Führung von Mitarbeiter*innen bin ich bestens vertraut. Ich bin ein Teamplayer und möchte professionellen Content erstellen, der auf crossmedialen Plattformen Menschen begeistert und auf ihre Bedürfnisse und Fragen eingeht.”

Sprechen wir über Grundsätzliches

Natürlich sind das wieder nur Floskeln. Es sind aber Floskeln, mit denen Personalmanager*innen und auch Vorgesetzte etwas anfangen können. Es kann gezielt nachgefragt werden, beispielsweise nach Projekten an denen man gearbeitet hat. Wichtig ist aber, dass man sich mit dem Gesagten identifiziert und nichts erfunden hat. Das fällt sonst sehr schnell auf, wenn die Nachfragen und die Antworten zeigen, dass man bestimmte Dinge gar nicht vorweisen kann, die man angegeben hat. Ich für meinen Teil ärgere mich manchmal über das Konzept der Verschwiegenheit.

Andererseits ist es auch eine Chance, weil man so nicht mehr über die Arbeit, sondern über die grundsätzlichen Fragen drumherum sprechen kann. Ich versuche jedenfalls aktuell neue Themen für mich zu entdecken, die ich in diesem Blog auch schreiben und beschreiben kann. Ein Ansatz ist da. Die Frage ist, ob es dafür auch ein Zielpublikum gibt. Falls ja, würde ich mich über Feedback freuen. Gerne auch als Kommentar. Und natürlich würde ich gerne erfahren, wie das eigentlich bei euch so läuft. Was wäre euer “elevator pitch” oder eure Beschreibung und wieso fällt diese so aus, wie es ist.

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