BERT: Ein neues Google Update und seine übertriebene Bedeutung für Suchanfragen

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Google hat eines der größten Updates seit Jahren an seinem Suchalgorithmus angekündigt und schon überbieten sich die Nachrichten- und Experten-Seiten bei der Berichterstattung mit Superlativen. Tatsächlich muss man zunächst einmal festhalten, dass die angekündigten Änderungen Deutschland und die deutschsprachige Google-Suche noch gar nicht betreffen. Und selbst wenn die Änderungen so kommen sollten, wie man gerade glaubt, wird sich nicht viel für die erste Zeit ändern. Das hat einfache Gründe, aber fangen wir zunächst einmal damit an, was wir wissen.

Google hat ein ziemlich großes und umfangreiches Update angekündigt, was seine Suchmaschine und den Algorithmus dahinter betrifft. Betroffen von dem Update soll jede zehnte Suchanfrage in den USA sein. Das System, das dahinter steckt, nennt sich BERT (Bidirectional Encoder Representations from Transformers) und soll in der Lage sein, bessere Suchergebnisse für natürliche Suchanfragen zu liefern. Ausgeliefert wird das Update zunächst nur in der US-englischsprachigen Google-Suche. Weitere Länder sollen – mit zeitlicher Verzögerung – folgen. Allerdings ist fraglich, ob Google sein neuestes Update überhaupt in Deutschland ausspielen wird können. Einiges spricht nämlich dagegen.

Was ist BERT? Und wie soll es die Google Suche verändern?

BERT wurde von Google schon vor längerer Zeit entwickelt. Vergangenes Jahr wurde das System offiziell vorgestellt und mit einer Open-Source-Lizenz auch anderen Entwicklern und Nutzern öffentlich zugänglich gemacht. Tatsächlich hat sich die Öffentlichkeit für das Thema kaum interessiert, bis Google sein neuestes Update angekündigt hat.

Man könnte sagen, bei BERT handelt es sich um eine Art von Künstlicher Intelligenz (KI). Google beschreibt das ganze als „netzwerkbasierte neurale Technik“, um Sprachen (durch computerbasierte Systeme) natürlich zu verarbeiten. BERT ermöglicht es im Grunde eigene Frage-Antwort-Systeme zu trainieren und diese immer weiter zu verbessern. Es ist eine interessante Lösung zum maschinelle Lernen (machine learning) von Sprachen.

Google gibt an, dass man nun mit BERT bei der Suche vollständige Sätze besser verstehen kann. Das werde zum einen durch die Software, zum anderen aber auch durch neue Hardware möglich. Die bisherige Hardware stieß nach eigenen Angaben anscheinend an seine Grenzen, sodass Google jetzt auch auf eine Cloud-Lösung setzt. Google will mit dem System auch Snippets und Descriptions genauer unter die Lupe nehmen und so ein besseres maschinelles Lernen der Sprache zu ermöglichen, um die Suchergebnisse zu verbessern.

Was wird sich bei der Google Suche konkret verändern?

Im Klartext heißt das: Die Nutzer der US-Seite von Google werden als erste die Möglichkeit haben nach ganzen und vollständigen Sätzen zu suchen und dabei auch immer öfter bessere Ergebnisse angezeigt zu bekommen. Man muss dazu wissen, dass die meisten Google-Nutzer sich eine gewisse Art von Suchsprache angeeignet haben. Sie geben ihre wichtigsten Keywords ein und spezialisieren sich, statt natürliche Sätze und Fragen einzugeben.

Beispielsweise würde jemand in der Google-Suche in Deutschland nicht eintippen: „Ich suche den Blog von Akif Sahin aus Hamburg, weil ich diesen Lesen möchte“. Die Person würde eher schreiben: „Akif Sahin Blog“ oder „Akif Sahin Blog Hamburg“. Google würde den vollständigen Satz unter Umständen nicht verstehen und bisher liefert eine solch vollständige Anfrage auch meist falsche Ergebnisse. Aber die Suchanfragen in Kurzform liefern das gewünschte Ergebnis. So hat sich eine gewisse Suchkultur bei allen Nutzern der Google-Suche etabliert.

Interessanter wird es bei Sätzen, die mehrdeutig sind oder mit Rechtschreibfehlern behaftet sind. Im Englischen führt beispielsweise die Suche nach der Frage, ob Jemand anderes für einen ein Rezept in der Apotheke einlösen kann, zu falschen Ergebnissen. In Deutschland hingegen nicht. Google will künftig mit BERT eine Lösung gefunden haben, wie man solche Anfragen mit besseren Ergebnissen bedient. Die Frage ist, kann das überhaupt vollständig gelingen?

Was erwartet den deutschsprachigen Raum? Kommt das Update überhaupt?

Google sagt selbst dazu: nein. Aber man will daran arbeiten und die Ergebnisse insgesamt verbessern. Aktuell braucht man sich in Deutschland über dieses angekündigte Update jedoch überhaupt nicht den Kopf zu zerbrechen. Es gibt mehrere Gründe, warum BERT nicht so schnell hierzulande zum Einsatz kommen wird. Und selbst wenn die Technik auch in der deutschen Google-Suche zum Einsatz kommen sollte, wird es nicht so schnell zu Veränderungen führen. Dafür gibt es aus meiner Sicht vier Gründe.

  1. Maschinelles Lernen und KI klingen zwar immer ganz spannend und gut, doch gerade die Einbindung von Snippets und Descriptions für den Lernprozess sind im deutschsprachigen Raum zu hinterfragen. Im deutschsprachigen Web gibt es – wie vermutlich auch in diesem Artikel – viel zu viele Rechtschreibfehler. Maschinelles Lernen kann da nur funktionieren, wenn tatsächlich guter Input reinkommt. Das bezweifle ich aktuell bei einem Land, dass von drei Rechtschreibreformen in den letzten zwei Jahrzehnten geprägt worden ist und deren Altlasten sich noch heute im Web tummeln. Zudem ist die deutsche Sprache in Phonetik, Grammatik und auch seinen verschiedenen Rechtschreibregeln deutlich komplexer als Englisch oder andere Sprachen.
  2. Google versteht bis heute die Komplexität der deutschen Sprache nicht vollständig und zeigt immer wieder eklatante Lücken. Wenn BERT so toll ist, so hätte man das in seinem bisherigen Tool für Übersetzungen, Google Translate, zunächst testen können und einbauen können. Translate wirkt heute noch wie ein kleines Monster, wenn es um die korrekte Übersetzung von vollständigen Sätzen geht. Man kann die Übersetzungskunst und Entwicklung von Google Translate beobachten und feststellen, dass Google dafür weiterhin keine Lösung bietet, die auch nur annähernd an die Qualitäten von DeepL heranreichen. Das ist schon ein Zeichen dafür, dass sich Google an die Komplexität der deutschen Sprache so nicht herangemacht hat. Hier gibt es einen massiven Aufholbedarf, um wenigstens ansatzweise zu verstehen, wie die Sprache überhaupt funktioniert.
  3. Selbst wenn BERT funktionieren sollte und Google es tatsächlich schafft eine adäquate Lösung zu etablieren, die versteht, was lange Sätze in der Suchanfrage meinen, so wird es dennoch Jahre dauern, bis Nutzer ihr Verhalten bei der Google Suche umstellen. Ich glaube, dass ein Großteil weiterhin auf die bewährte Methode zurückgreifen und entsprechend in kurzen Keywords suchen wird. Das ist antrainiert, seit Jahren angelernt und weiterhin schneller in einem smarten Gerät oder in der Tastatur einzutippen, als lange Sätze. Interessant würde es nur werden, wenn beispielsweise die Suche über Voice stattfindet. Hier müssten dann auch Dialekte verstanden werden, was ebenfalls in vielen Fällen scheitert.
  4. Bei allen positiven Ankündigungen zur US-Suche. Man muss erst einmal abwarten, ob die Ergebnisse wirklich so krass ausfallen werden, wie angekündigt. SEO-Optimierer werden es aus meiner Sicht dann sogar noch einfacher haben, weil sie ohnehin die Inhalte auf Websites so optimieren und sprachlich so anpacken, dass die Menschen sich mitgenommen fühlen und gleichzeitig ihre Fragen auch beantwortet bekommen. Die Änderung dürfte dann nur Seiten abstrafen, die nicht verständlich sind. Das muss niemanden ärgern, es wird aber aus meiner Sicht weiterhin dauern.

Fazit zum neuesten Google Update mit BERT

Google kündigt eines der größten Updates seit Jahren an. Vermutlich werden wir dieses Update in Deutschland erst in ein paar Jahren sehen. Vielleicht aber auch gar nicht. Viel wird sich für Webmaster, SEO-Optimierer und Nutzer nicht ändern. Das liegt auch am Konsum- und Produzenten-Verhalten. Es heißt also erst einmal weiterhin: Abwarten und Tee trinken!

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Über Akif Sahin

Blogger Akif Sahin aus HamburgAkif Sahin arbeitet als Spezialist für Suchmaschinen-Marketing (SEO/SEA) bei einem Träger der freien Jugendhilfe in Hamburg. Er ist Blogger, Social Media und SEM Experte und engagiert sich für eine bessere Gesellschaft.

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