Akif Sahin inspiriert durch Vielfalt

Keine Bonuskarte bitte!

Die Kellnerin bringt das bestellte Essen. Dabei schaut sie mich an, als sei ihr eine Laus über die Leber gelaufen. Es ist nicht das gewohnte nette Gesicht, dass sonst mein Essen bringt. Die junge Gestalt, schlank, mit extrem übergroßen Fingernägeln, braun gebräunter Haut und mit blonden Locken gesegnet, serviert sonst höflich das Essen und stellt keine Fragen. Doch heute scheint sie eine Frage zu haben und wartet darauf, dass ich sie unbedingt frage: „Stimmt etwas nicht?“

Die Frage kommt so bestimmt, wie gewünscht: „Stimmt etwas nicht?“ Und kaum sind die Worte ausgesprochen, so verändert sich der Mundwinkel, es kommt ein süffisantes Lächeln und die Kellnerin sagt: „Hör mal Mausi. Du kommst seit über zwei Jahren gefühlt jeden Tag zu uns und bestellst immer wieder das Gleiche. Ich verstehe es nicht. Warum hast du noch immer keine Bonuskarte bei uns? Dann kannst du auch Geld sparen! Das ist doch richtig dumm von dir, dass du das noch immer nicht hast.“

Worte haben eine so große Macht über uns, wenn wir es zulassen. Ich muss lächeln und sage nur bestimmt aus meinem Mundwinkel heraus: „Dann ist es eben dumm, was ich tue.“ Die Antwort reicht der jungen Dame natürlich nicht. Aber wirklich streiten mit einem Stammgast will sie dann auch nicht. Eigentlich ist sie eine Person, die man als „lieb“ bezeichnen könnte. Ende zwanzig, erkennbar Single und immer gut gelaunt. Als Laster hat sie ihre Zigaretten, die sie manchmal auch während der Mittagspause vor dem Geschäft raucht.

Ihre Liebenswürdigkeit wird deutlich, wenn man beobachtet, wie sie andere Gäste auffordert ihren Sitzplatz zu wechseln, weil eine Dame mit Gehhilfe den einen besseren Platz zum Hinsetzen braucht. Nicht jeder Gast bekommt sein Essen von ihr auf den Tisch gestellt, doch besondere Gäste behandelt sie auch besonders. Es ist kein Flirten, es ist vielmehr Hingabe an die Arbeit und aufrichtiges Interesse, wenn sie Fragen stellt. Dazu gehört, dass sie versucht Kunden von den Vorteilen (Benefits) des Ladens zu überzeugen. So ist es nur ihre Aufgabe von Bonus-Karten zu schwärmen.

Kurz zögert sie noch, ob sie wirklich gehen möchte oder nicht. Doch dann ruft auch schon der Chef. Die junge Dame versteht mein Handeln nicht. Es liegen Welten zwischen uns, in unserem Denken und unserem Handeln. Ihr Chef hingegen versteht mich besonders. Er weiß, wer ich bin, woher ich komme und wie ich ticke. Er hat es seiner Belegschaft auch eingebläut, mich besonders zu behandeln. Ein Mann von kleiner Gestalt, mit vielen Kilos auf den Hüften, gezeichnet von der Arbeit bei der Stadtreinigung in Hamburg. Ein kleiner, bleistiftdünner Schnäuzer, mehrere Leberflecke im überanstrengten Gesicht und doch immer mit einem breiten Grinsen.

Er kommt nach dem Essen auf mich zu und fragt ganz bestimmt auf zwei Ayran-Sorten deutend: „Welche Ayran-Sorte ist besser? Was meinst du?“ Der Versuch eines kurzen Gesprächs. Es geht nicht um Ayran. Ayran ist hier nur der Türöffner. Er weiß selbst, welche Sorte besser ist. Ich deute auf die Marke „Misis“ vom Hersteller „Efefirat“ und sage: „Die andere Sorte schmeckt etwas säuerlich. Wenn du nachbestellen willst, dann lieber diese Sorte nehmen. Die gibt es gefühlt schon seit über 25 Jahren in Deutschland. Ich weiß noch, wie ich Paletten davon im Jahr 2000 in die Regale im Einzelhandel gefüllt habe.“

Er bedankt sich und schwärmt von meinem Expertentum. „Ayran-Experte sein, war schon immer mein Traum“, denke ich. Dann rückt er mit der Sprache raus. Sie brauchen neue und besser gestaltete Flyer und Menükarten. Ob ich jemanden empfehlen könnte. Ich notiere ihm die Nummer eines Bekannten und sage: „Sag ihm, dass ich euch empfohlen habe. Auf die Preise, die er euch sagt, kann er 20 % Rabatt geben. Alles andere wäre ein Verlustgeschäft. Handle ihn auf etwa 15 % runter. Dann habt ihr beide was vom Geschäft und er muss nicht wieder einen Auftrag annehmen, der kaum Gewinn bringt.“ Der Besitzer bedankt sich. Ich trinke meinen Ayran aus und mache mich auf den Weg zurück ins Büro.


Es ist das einzige von Muslimen betriebene lokal in der näheren Nachbarschaft. Das Unternehmen wird von der Familie geführt. Alle helfen mit. Die Mutter mit Kopftuch, die beim Putzen und einräumen hilft, die verheiratete Tochter und ihr Ehemann, die gemeinsam drei Kinder großziehen und kein Leben außerhalb des Familienbetriebes kennen. Die jüngsten Kinder, die während der Sommerferien die Kasse schmeißen oder auch mal Hand anlegen, um die Nudeln zu kochen und nach Bestellung entsprechend mit einer Soße zu servieren. Das Mädchen mit Kopftuch, das als Aushilfe eingestellt wurde, obwohl es Kunden verschrecken könnte.

Ein Familienbetrieb, dessen Kassen im Franchise zwar klingeln, dass sich aber dennoch gegen die große und starke Konkurrenz durchsetzen muss. Entsprechend wurden Bonuskarten generiert. Zehn Stempel bedeuten eine Mahlzeit nach Wunsch gratis. Eigentlich ist es eine klare Rechnung. Mindestens jeden zweiten Tag verbringe ich meine Pause in diesem Lokal. Es sind immer 25 Minuten plus fünf Minuten für den Hin- und Rückweg bis zur Arbeit. 30 Minuten Pause. Ruhe im Lokal, nur nette und liebe Menschen um mich herum, keine unnötigen Gespräche – in aller Regel. Geld sparen wäre also nicht nur vernünftig und schlau, sondern empfehlenswert.

Würde ich kapitalistisch denken, wäre das vermutlich sogar richtig. Doch was habe ich davon ein paar Euro zu sparen, die eventuell später dazu führen, dass der Laden dicht gemacht wird oder meine Lieblingskellnerin entlassen wird? Bin ich zufrieden mit dem Status Quo? Ja. Brauche ich die 15 €, die ich dann pro Monat sparen würde? Nein. Und vor allem: Gibt es einen Mehrwert? In diesem Falle nicht. Im Gegenteil: Man kennt mich, man grüßt mich und weiß auch was meine Vorlieben sind. Und wenn es mal Fleisch gibt, dann versichert mir der Besitzer, genauso wie seine Kinder, dass es sich um Halal-Fleisch handelt.

Auch das ist Luxus, was man sich in diesem Umfeld eigentlich nicht erlauben kann. Doch man ist gläubig und möchte nichts verkaufen, was nicht der islamischen Maxime entspricht. Und hier soll ich Geld sparen? Für ein paar Euro den Umsatz und den möglichen Gewinn schmälern? Nein. Man ist dann auch bereit, mehr zu zahlen. Schließlich will man solche Betriebe und Menschen fördern und unterstützen. Da braucht man nicht auf das Geld zu schauen, dass man durch ominöse Stempel sparen könnte. Man schaut eher darauf, ob man durch Verzicht eine gute Sache unterstützen kann.

Natürlich bleibt es immer eine Frage des Leistbaren. Wer jeden Cent umdrehen muss, um über die Runden zu kommen, den kann ich verstehen. Ich kann aber nicht verstehen, dass der von Reichtum gesegnete Mensch neben mir, immer noch versucht 5,90 € zu sparen, indem er eine Bonuskarte nutzt.

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Über Akif Sahin

Blogger Akif Sahin aus HamburgAkif Sahin arbeitet als Spezialist für Suchmaschinen-Marketing (SEO/SEA) bei einem Träger der freien Jugendhilfe in Hamburg. Er ist Blogger, Social Media und SEM Experte und engagiert sich mit seiner Arbeit und in seiner Freizeit für eine bessere Gesellschaft.

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