Akif Sahin inspiriert durch Vielfalt

Kein Deutscher Islam? Keine Deutsche Anteilnahme!

Es gab wieder mehrere Bombendrohungen gegen Moscheen in Deutschland. Die Täter sind unbekannt, aber es ist zu vermuten, dass sie aus dem rechtsextremen Milieu kommen. Es deutet sich auch an, dass die Urheber der Drohungen aus der gleichen Ecke kommen müssen, weil Inhalte in den Mails darauf hindeuten. Die Polizei und der Staatsschutz haben bisher jedoch nicht ausmachen können, von wem die Bedrohung ausgeht. Ob sie die Täter überhaupt je erwischen werden, scheint eher unwahrscheinlich. Sonst hätte man schon längst eine heiße Spur.

Die Reaktionen von Muslimen auf die Bombendrohungen, zumindest im Social Web, verlief dazu allerdings auch nach dem gleichen Muster. Es war viel davon zu lesen, wie wenig die Anteilnahme an islamfeindlichen Straftaten eigentlich ist. Dazu passend hatte auch schon Till R. Stoldt in der Welt am Sonntag was geschrieben und über Twitter geteilt. Es bleibt aber dieser psychologische Eindruck von Hilflosigkeit, der sich breit macht. Gefühlt wird man im Stich gelassen und ins gleiche Horn blasen auch Verantwortungsträger in muslimischen Verbänden.

Kein deutscher Islam? keine deutsche Anteilnahme!

Mich wundert es dann sehr, wenn einfache Muslime sich von solchen Verantwortungsträgern instrumentalisieren lassen. Ich habe volles Verständnis dafür, wenn Muslime sich über ihre Hilflosigkeit äußern und auslassen. Ich habe aber kein Verständnis dafür, wenn Menschen, die immer wieder gegen einen „deutschen“ Islam gehetzt und im Duktus von Identitären immer wieder einen „deutschen“ Islam abgelehnt haben, jetzt herumheulen, dass die „deutsche“ Politik und die „deutsche“ Öffentlichkeit anteilnahmslos bleibt.

Natürlich schweigt sich die Öffentlichkeit aus, wenn sich Moscheen in einer quasi Parallelgesellschaft etabliert haben und deren Vorstände und Führungspersonal ständig nur erklären, dass sie keinen „deutschen“ Islam wollen. Es ist verständlich, wenn man dann als Mehrheit auch kein Interesse hat und sich einen Dreck um die Sorgen und Ängste der Muslime in diesem Land schert. Wer als Funktionär dann aus dem Urlaub in der „Heimat“ Tweets absetzt, um auf das fehlende Interesse der „deutschen“ Öffentlichkeit aufmerksam zu machen, sollte sich vielleicht mal lieber die Frage stellen, warum es nicht gelingt Öffentlichkeit für ein sehr relevantes Thema zu schaffen, statt sich selbst immer wieder zu separieren und exkludieren.

Narrativ der Gesellschaft

Das Narrativ der Gesellschaft, in der wir leben, besteht zu einem Großteil darin, dass man sich sowohl mit Leistung und Engagement einbringen muss, als auch selbst als Teil der Gesellschaft so verstehen muss, dass man sich auch als „Deutsche“ und „Deutsche Muslime“ versteht. Wer sich noch immer an Ankara orientiert, sollte sich daher lieber die Frage stellen, warum sich die türkische Regierung nach den Bombendrohungen nicht solidarisch mit den Moscheen gezeigt hat, statt sich darüber zu echauffieren, warum die deutsche Politik schweigt. Wenn der türkische Konsul aus Köln oder der Botschafter aus Berlin die Moschee besucht, dann ist das genau das, worauf man jahrelang als Funktionär hingearbeitet hat. Dann muss diese Anteilnahme aber auch ausreichen.

Wer sich selbst separiert und Segregation von Anfang an befürwortet, nur damit man – vorübergehend – eine gewisse Machtbasis hat, um die muslimische Community zur politischen Verhandlungsmasse zu machen, verhält sich schäbig und verantwortungslos. Diese Personen lassen sich ihren Urlaub und ihre Villen in der „Heimat“ von den einfachen Menschen in den Gemeinden alimentieren. Sie sind Heuchler, die nicht einmal mehr merken, dass sie Heuchler sind. Sie glauben ihre gelebten Lügen. Sie sind nicht daran interessiert die Sorgen und Ängste der einfachen Menschen wahrzunehmen. Es zählt nur der eigene Wohlstand und der eigene Machterhalt.

Muslime müssen sich selbst einbringen

Dieser Typus von Funktionär, auf den man öfter im Social Web trifft, hasst sich in Wirklichkeit selbst. Und er geht auch nur noch im Selbsthass auf. Dabei wird die Opferkarte gut ausgespielt und der einfache Muslim fühlt sich weiter ausgegrenzt und bestärkt in seinem Empfinden, dass man im Stich gelassen wird. Wirkliche Schuld auf sich geladen haben eigentlich diejenigen, die behaupten die Interessen der Muslime zu vertreten. Dabei vertreten weder die muslimischen Funktionäre in ihren Elfenbeintürmen in Köln und Berlin, noch die Sprachrohre und neuen Rechte stichwortgebende Professoren auf ihrem hohen Ross, Muslime in diesem Land.

Tatsächlich haben wir Muslime – als kollektiv verlernt – gemeinsam unsere Interessen zu vertreten. Wir hoffen weiterhin darauf, dass Jemand in der Politik, in der Gesellschaft, in der Öffentlichkeit, an der Hochschule oder im Verband, unsere Interessen vertritt und uns schützt. Wir haben angefangen uns selbst zu hassen, weil wir blind geworden sind, gegenüber den Dingen, die wir eigentlich als wichtig und richtig erachten. Wir haben geglaubt, als man uns sagte: Du kommst nicht aufs Gymnasium. Wir haben geglaubt, als uns gesagt wurden, wir seien hässlich. Wir haben geglaubt, als uns gesagt wurde, wir würden es nie zu etwas bringen.

Wo liegt die Lösung?

Wir haben angefangen uns selbst zu hassen, für unsere Hautfarbe, für unsere Religion, für unsere Sprache und unsere Abstammung. Wir haben uns geschämt und wie oft haben wir uns verstellt und über unsere inneren Überzeugungen geschwiegen?! Und an diesem Bild hat sich nichts verändert, wenn man den Funktionären glaubt, die angesichts von Drohungen gegen Moscheen nichts Besseres liefern können, als die Schuldigen in der Politik und in der Gesellschaft zu benennen und sie aufzufordern, irgendetwas zu sagen. Das ist die gleiche verlogene Methode, mit der Rechte und Populisten Muslime und muslimische Gemeinschaften auffordern, sich von Anschlägen zu distanzieren. Es wird nicht besser, wenn sich Verbände dieser Taktik bedienen.

Man hat uns unsere Identität genommen und wir schaffen es nicht, sie zurückzuholen. Wir wissen nicht mal mehr, als was wir uns verstehen sollen. Stattdessen sollen wir uns – so ist es von allen Seiten gewünscht – wieder in die Opferrolle bewegen und darauf hoffen, dass Jemand kommt und uns rettet. Liegt unsere Rettung in der Hand der Funktionäre? Politik? Hochschullehrer? Oder liegt unsere Rettung in uns selbst. Wenn wir endlich anfangen, uns gegen Korruption in den eigenen Reihen, gegen Rassismus, gegen Machtmissbrauch zu stellen und Dinge, die einfach Haram sind, auch so zu benennen, können wir mehr verändern, als darauf zu hoffen, dass Politiker mitleidig ein paar Worte des Trostes spenden und sagen: „Wir fühlen mit der Gemeinde und das ist ein Angriff auf uns alle.“

Unter uns selbst vereint – Unter uns selbst akzeptiert

Und ja, wir müssen aufhören auf Funktionäre und diejenigen zu hören, die ihren Arsch nicht hochbekommen, die einen „deutschen“ Islam ablehnen und Segregation betreiben und die auf unsere Kosten Urlaub machen. Die sich einen Job im Staatsdienst oder in der Politik in einem anderen Land wünschen, statt hier etwas zu bewegen. Die sich nicht mehr für die Menschen interessieren, sondern nur noch für das Geld. Die islamistische Kapitalisten geworden sind und den Din in dieses Weltbild fügen wollen.

Wir müssen anfangen, die Dinge selbst zu regeln und für die Veränderungen aufstehen, die wir selbst sehen wollen. Dabei müssen wir auch für das Stehen, was wir als richtig und auch als falsch ansehen. Wir müssen aufhören kritiklos hinzunehmen, wenn Menschen aus unseren eigenen Reihen falsche Dinge tun. Wir müssen anfangen in uns selbst eine Einigkeit zu schaffen. Eine Einigkeit darüber, was wichtig ist und wie wir jungen Menschen eine Perspektive aufbauen können, statt nur noch wenigen alten die Predigten schmackhaft zu machen, damit man an ihr Geld rankommt.

Es braucht mehr Engagement. Und dieses muss sich unterscheiden: vor allem muss die Frage sein, ob wir geheuchelte Anteilnahme wünschen, die schnell wieder vergessen ist, oder doch echte Akzeptanz und Inklusion. Dafür braucht es aber ein neues Mindset. Anderenfalls wird auch die nächste Generation von Muslimen fremd im eigenen Land sein. Und das können wir nicht wirklich wollen.

„We cannot think of uniting with others, until after we have first united among ourselves. We cannot think of being acceptable to others until we have first proven acceptable to ourselves.“

Malcolm X

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Über Akif Sahin

Blogger Akif Sahin aus HamburgAkif Sahin arbeitet als Spezialist für Suchmaschinen-Marketing (SEO/SEA) bei einem Träger der freien Jugendhilfe in Hamburg. Er ist Blogger, Social Media und SEM Experte und engagiert sich mit seiner Arbeit und in seiner Freizeit für eine bessere Gesellschaft.

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