Volksverdummung Verhindern – Talkshows einfach abschalten

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Ich bin ein leidgeprüfter Twitter-Nutzer. Shitstorms gibt es immer wieder und nicht jedem passt meine Meinung. Das ist auch gut so. Worüber ich mich aber – neben Spoilern von Filmen und Bundesliga-Ergebnissen – am meisten aufrege, sind all die Leute, die sich ständig über Talkshows echauffieren. So auch gestern und heute. Zeitweise war #Plasberg ein Trending Topic auf Twitter. Zunächst, weil man sich über die Einladung der Redaktion für den AfD-Gast echauffierte, dann das der „Gast“ bei Plasberg so viel Raum bekam für seine Ideologie und seine (rechten) Ansichten.

Als Jemand, der aus Prinzip überhaupt keine Talkshows mehr anschaut, ist man schlichtweg genervt von solchen Einträgen auf Twitter. Es ist an Volksverdummung kaum noch zu überbieten, was man aktuell teilweise so liest. Und vor allem: Es ist immer wieder das Gleiche, was natürlich der Redaktion um Plasberg gefällt. Dann schaut euch den Scheiß nicht an, möchte man den Twitter-Nutzern laut entgegen schreien. Und hier liegt vielleicht auch die Lösung des Problems, dass anscheinend viele auf Twitter mit Plasberg und Co. haben: Ein Boykott für alle Talkshows.

Warum ich keine Talkshows mehr schaue

Früher habe ich viele Talkshows angeschaut. Ich war sogar mal bei einer Talkshow als Gast und Experte mit dabei. Es war beim Spartensender ZDFInfo, dafür aber in einer Sendung mit interaktivem Charakter. ZDF log in, eine Politsendung. Sie wurde später abgesetzt. Es gab zu wenig Zuschauer für das Format. Talkshows sind für die Sender ziemlich interessant: Eine Runde als Gespräch und Diskussion konzipiert, keine tiefe in der Materie, dafür viel Populismus. Tiefgang in den Debatten darf nicht erwartet werden. Dazu sind die Kosten für eine Talkshow ziemlich überschaubar. Großartige Produktionskosten entstehen im Vergleich zu echten Reportagen nicht.

Dazu kommt, dass Talkshows heutzutage nicht mehr durch ihren Inhalt und die Debatte am Leben gehalten werden. Das einzige, was für die Redaktionen zählt, sind die Zuschauerzahlen in den „relevanten Gruppen“. Entsprechend wird alles für die Quote gemacht. Dazu gehören auch fremdenfeindliche Titel oder wie man es sonst auch ausdrücken würde: „Die Titel müssen Catchy und Sexy sein!“ Gäste die polarisieren sind gern gesehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Gäste fremdenfeindlich, rassistisch oder einfach nur Arschlöcher sind. Sie bringen Quote, weil sie polarisieren.

Formate sind einseitig gestaltet

Dazu kommt eine weitere Einseitigkeit in den Formaten: PoC oder andere Minderheiten werden kaum eingeladen. Selbst bei Opfern rassistischer Gewalt wird penetrant von den Redaktionen darauf geachtet, dass es sich um „Weiße“ handelt. Und bei Fachthemen wie „Islam“ kommen Kritiker zu Wort, aber keine muslimischen Experten. Talkshows sind so ausgerichtet, dass sie dem Mainstream in Deutschland gefallen sollen. Dieser „Mainstream“ ist aber ein Konstrukt, dass vor allem danach gebildet wird, was in den Kommentaren zu den Sendungen drinsteht. Und wir alle wissen, welche Personen und Gruppen am lautesten im Internetz sich zu Wort melden.

Im Juni 2018 gab es auch einen ersten Aufstand gegen immer einseitige Themensetzung bei den Talkshows. Auslöser war wieder einmal eine Sendung, die einen rassistisches Framing im Titel vornahm. Zu diesem Zeitpunkt gab es auch genügend Statistiken, die zeigten, dass seit 2015 über 100 Talkshows zu den Themen Islam und Flüchtlinge dargeboten wurden. Olaf Zimmermann, Chef des Deutschen Kulturrates, riet sogar ARD und ZDF dazu eine Talkshow-Pause einzulegen, um über die Formate nachzudenken. Gleichzeitig schwang auch hier der Vorwurf mit, die Sendungen seien durch ihre Settings integrationsfeindlich gestaltet.

Es geht nicht um einen Austausch von Positionen

Die Frage ist natürlich, ob man sich diesen Blödsinn dennoch antun soll. Seichte Unterhaltung ist das eine, aber Sendungen, die wie gestern, nur dem Zwecke dienen den nächsten Tabubruch zu suchen und bestimmte Worte und Dinge, die bisher nicht gesagt werden konnten, in den Mainstream zu bringen, gehören eigentlich abgeschafft. Die Frage ist, kann das gelingen? Ich bin davon überzeugt: Ja. Und es ist viel einfacher, als man glaubt.

Das zeigt auch das aktuelle Format „Die Woche“ von Maischberger. Es ist nämlich bekannt, dass die Sendung mit dem alten Konzept zuletzt deutlich geringere Zuschauerzahlen produziert hat. Maischberger versucht während der Sommerpause mit dem neuen Format auszuloten, wohin es gehen könnte. Solche Tests sind oft nur der Beginn vom Ende. Es braucht tatsächlich nicht viel, um abzuschalten. Wer sich immer noch auf dem Laufenden halten möchte, was in der gestrigen Talkshow lief, kann die Artikel dazu in einer beliebigen Zeitung im Feuilleton nachlesen.

Als letzten Punkt möchte ich noch erwähnen, dass selbst Talkshows zu politischen Themen, nicht geeignet sind um über politische Prozesse und Entwicklungen aufzuklären. Das funktioniert nicht, weil das Setting – wie oben schon dargestellt – keinen Tiefgang und keine Ausführlichkeit erlaubt. Gleichzeitig muss auch allen bewusst sein: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden vorab geschult, wie sie zu welchen Fragen antworten können und sollen. Es ist keine spontane Debatte und um einen echten Austausch von politischen Positionen geht es auch nicht.

Boykottiert die Sendungen: Ignorieren und nicht mehr zuschauen

Natürlich könnte jetzt der Einwand kommen: Aber man selbst ist doch gar keine Person, die zu einem Empfangshaushalt gehört. Das ist richtig, schließlich werden auch tatsächlich nur Empfangshaushalte für die repräsentative Quotenermittlung genutzt. Allerdings sorgt man für das Nebengeschäft, indem man eine Talkshow anschaut. Zum einen sind echauffierte Zuschauerinnen und Zuschauer ein Gewinn für die Redaktionen, weil mit Reaktionen und auch Gespräch für mehr Aufmerksamkeit für die Sendung gesorgt wird. Zum anderen, weil die Aufmerksamkeit auch eine gewisse Legitimation und Relevanz schafft.

Die Redaktion von Plasberg wird nicht auf die Debatte reagieren, welche aktuell zum Gast aus den Reihen der AfD geführt wird. Sie wird aber vorlegen, wie viele Tweets und viele Inhalte über die Sendung, seien es auch nur Hashtags, geteilt wurden, um zu beweisen, wie wichtig die Sendung für DAS ERSTE ist. Ignorieren und nicht mehr zuschauen ändert deshalb mehr als zehntausende Tweets über die Sendungen. Man sollte aus meiner Sicht deshalb mehr aus seinem Leben und seiner Zeit machen, als eine Talkshow anzuschauen und sich darüber empört auf Twitter zu äußern. Nehmen wir Sendungen von politischen Trittbrettfahrern wie Plasberg einfach die Relevanz.

1 Kommentar

  • Die Leute müssten sich neue Ziele für ihre Kritik aussuchen, gäbe es keine politischen Talkshows mehr. Obwohl sich so viele darüber ärgern, sind die Zuschauerzahlen oder die Effizienz für die Sender offenbar nicht so schlecht, dass diese die Formate canceln würden. Gestern erst habe ich dazu einen Podcast angehört, der sich auch mit der Frage eines Komplettverzichts befasste. https://horstschulte.com/2019/politikstunde-talkshow-oder-social-media/

    Ich gucke immer noch Talkshows und zwar gern. Am nächsten Tag lese ich dann (mit größtem Vergnügen) die Verrisse bei ****(Anmerkung der Moderation: Solche Seiten gehören leider zu den neuen Rechten und werden von uns nicht mal erwähnt) oder verfolge die „Statements“ in den sozialen Netzwerken. Natürlich kann man die Uhr danach stellen, dass dieser oder jener Teilnehmer besonders „geteert und gefedert“ werden. Die positiven Stimmen zu Migration oder (aktuell) zur Seenotrettung sind beliebtes Ziel derjenigen, die ihre „Meinungen“ in den sozialen Netzwerken absondern. Ich stelle mit einiger Zufriedenheit fest, dass damit einhergehende Abstumpfung auf diese fiesen Kommentare mir dabei hilft, generell mit den gegenseitigen Anfeindungen im Web klarzukommen. TV-Talkshows und die Reaktionen darauf dienen mir gewissermaßen als Trainingseinheit (Abstumpfung gegen verbale Gewalt) für Diskurse im Netz. Zur Not gibts ja noch die Möglichkeit, die besonders ekligen Mitstreiter zu blockieren. 🙂

    Ich glaube nicht, dass der vielfach geäußerte Wunsch, die Talkshows zu boykottieren, je erfolgreich sein wird. Die Leute stehen auf Randale. Und das ist übrigens im Bereich Social Media kein Stück anders. Ganz im Gegenteil. Die Verhinderung konstruktiver Diskussionen hat ihren Ursprung weniger in TV-Talkshows als im Angebot der sozialen Medien. Ich schaudere immer, wenn ich diesbezüglich irgendwas von „sozial“ schreiben muss…

Über Akif Sahin

Blogger Akif Sahin aus HamburgAkif Sahin arbeitet als Spezialist für Suchmaschinen-Marketing (SEO/SEA) bei einem Träger der freien Jugendhilfe in Hamburg. Er ist Blogger, Social Media und SEM Experte und engagiert sich für eine bessere Gesellschaft.

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