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Medienkritik: Die MOPO und der Islamismus in Hamburg

Einen misslungenen Beitrag lieferte heute (20.06.2019) die Hamburger Morgenpost (MOPO) mit „Zoff in der Bürgerschaft Es geht um die Verträge der Islamverbände„. In dem Beitrag wird einiges durcheinander gebracht und meiner Meinung nach auch tendenziös Islam und Islamismus verwechselt. Eine nötige Medienkritik.

Es ist leider noch immer so, dass Themen Islam und Islamismus vielfach in den Redaktionen der Republik Menschen anvertraut werden, die von den Themen keine Ahnung haben. Dadurch entstehen im oft stressigen Büro-Alltag und unter Zeitdruck Missverständnisse, gerade wenn Journalisten weder den Sachverhalt richtig durchblickt noch tatsächlich verstanden haben. Ein solches Ungeschick ist vermutlich auch aktuell bei der MOPO passiert.

Vielfache Fehler bei der MOPO – sowohl bei der Rechtschreibung als auch bei der Zuordnung der Themen Islam und Islamismus

Das geht schon los bei der Bildbeschreibung für das Artikelbild: „Die Partien streiten in der Hamburgischen Bürgerschaft um die islamistischen Staatsverträge“ Mal abgesehen von der Rechtschreibung (Parteien) gibt es keine islamistischen Staatsverträge. Das wäre nämlich ein Skandal. Es gibt in Hamburg Staatsverträge mit islamischen Verbänden. Hier wird schon durch das Wording im Bild gesetzt, es ginge um „Islamismus“ statt eines „Islam-Vertrags“.

Der nächste Punkt ist bei der Bezeichnung der Religionsgemeinschaften zu finden. Der türkische Islamverband heißt nicht „Ditip“ sondern „DITIB“ und der Rat der Islamischen Gemeinschaften SCHURA bezeichnet sich nicht als „Rat der islamistischen Gemeinschaft“. Außerdem wurde der Vertrag auch noch mit einem dritten Partner unterzeichnet, der hier gar keine Erwähnung findet: Dem Verband der islamischen Kulturzentren (VIKZ).

Auch scheint der Autor keine Ahnung zu haben, wie er was wieder gibt. Das deutet sich selbst beim AfD-Sprecher Alexander Wolf an. Dort schreibt der Journalist die SCHURA organisiere das Islamistische Zentrum Hamburg (IZH). Das ist völliger Schwachsinn. Das Islamische Zentrum Hamburg ist Mitglied in der SCHURA und organisiert sich selbst. Es gilt als iran-nah und laut Verfassungsschutz Hamburg als antisemitisch (Stichwort: Al Quds Tag). Die Übernahme von Vorwürfen aus dem AfD-Lager ist zudem immer mit Vorsicht zu genießen. Die knappe Darstellung lässt Raum für Interpretationen, die vermutlich schädlicher sind, als die Diskussionen selbst.

Kazım Abacı wird als „Mitgrationsexsperte“ vorgestellt. Bei diesem Wort fragt man sich schon, wie eine solche Wortschöpfung überhaupt gelingen und selbst die Rechtschreibprüfung von Word unbeschadet überstehen konnte.

Filiz Demirel (Grüne) soll laut diesem Artikel gesagt haben, die AfD versuche mit populistischen Äußerungen alle Gesprächspartner in den „islamistischen“ Verbänden unter Generalverdacht zu stellen. Ich zweifle mal gutmütig an, dass durch Demirel wirklich von „islamistischen“ Verbänden gesprochen wurde. Das würde nämlich den Nebensatz faktisch bedeutungslos machen. Außerdem habe ich da auch bedenken, wegen einer aktuellen Entwicklung im Bezirk-Mitte. Dazu gibt es weiter unten eine kleine Ausführung.

Staatsvertrag und Muslime in Hamburg – Das Thema braucht Expertise

Es reicht nicht aus, wenn Journalisten einfach nur beschreiben. Das ist im Artikel hier geschehen. Es braucht auch eine Zuordnung. Beispielsweise will die AfD die Abschaffung, weil sie Muslime in Hamburg schlechter stellen möchte. Ebenso muss man aber auch die legitime Kritik betrachten. André Trepoll von der CDU hat natürlich recht, wenn er behauptet, die Verbände würden die Integration der Muslime behindern. Die Frage ist aber, ob eine Absage an den Staatsvertrag tatsächlich diese Problematik löst. Hier wird ja kein Gegenmodell aufgestellt, sondern schlichtweg nur gefordert, den Staatsvertrag zu kündigen. Was ist dann aber die Lösung? Dieser Gedankengang fehlt mir vollständig bei der CDU in Hamburg. Wer fordert, muss auch wissen, wie es weitergehen soll.

Auf einen wichtigen Punkt macht hingegen die FDP durch Anna-Elisabeth von Treuenfels-Frowein aufmerksam: Die meisten Muslime in Hamburg fühlen sich nicht und wollen auch gar nicht von den muslimischen Verbänden vertreten werden. Wenn man Studien und Zahlen glauben möchte, gibt es in Hamburg zwischen 100.000 – 150.000 Muslime. Mitglieder in den Moscheen sind davon nur ein Bruchteil. Wenn man tatsächlich die Freitagsbesucher als Maßstab nimmt, dann kommen die Verbände gemeinsam nicht über 15.000 – 20.000 Muslime hinaus, für die sie einen Vertretungsanspruch erheben könnten. Die Mitgliederzahlen in den Gemeinden sind deutlich geringer, auch weil der Islam und die muslimische Selbstorganisation keine „Mitgliedschaft“ in diesem Sinne kennt.

Exkurs zu der Grünen-Position

Auch die Haltung der Grünen ist zu hinterfragen, aufgrund aktueller Entwicklungen. Zwei Männern, die den Einzug in das Bezirksparlament in Mitte geschafft haben, wird von der Grünen-Spitze vorgeworfen, sie seien Islamisten. Tatsächlich ist der Vorwurf bei einer der Personen, er gehöre zur Milli Görüs. Es droht den beiden Männern ein Ausschluss aus der Partei. Mittlerweile spricht man von einer Schlammschlacht, auch weil es Hinweise gibt, dass die Behauptungen nur zum Rufmord dienen sollen. Das zeigt auch das Verhalten beim Staatsvertrag.

Die Milli Görüs Vertretung in Hamburg heißt „Bündnis Islamischer Gemeinden in Norddeutschland“ (BIG) und diese ist eng verbunden mit der IGMG auf Bundesebene. Moscheen und Vereine des BIG in Hamburg, unter anderem die Centrum-Moschee, sind allesamt Mitglied in der SCHURA Hamburg und gelten auch als dominierende Kraft innerhalb der Organisation. Entsprechend ist das Verhalten der Grünen insgesamt zu hinterfragen: Entweder liegt in Mitte ein Irrtum vor oder aber man hält vom Gesprächspartner SCHURA eigentlich nichts. Dann versteht man aber auch nicht, warum am Staatsvertrag so massiv festgehalten wird.

Islam-Verträge sind aus meiner Sicht weiterhin überflüssig – es braucht einen echten Dialog

Ich bin kein Freund der Islam-Verträge und habe in der Vergangenheit immer wieder kritisch den Diskurs dazu begleitet. An meiner Haltung, dass man den Dialog mit Muslimen anders organisieren kann und der Staatsvertrag eigentlich überflüssig ist, hat sich nichts geändert. Aus meiner Sicht regelt der Staatsvertrag selbstverständliche Dinge. Es braucht aber eine echte Anerkennung, einen echten Dialog und eine echte Zusammenarbeit mit Muslimen in der Hansestadt. Diese fehlt aus meiner Sicht: Auch mit Staatsvertrag.

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Über Akif Sahin

Blogger Akif Sahin aus HamburgAkif Sahin arbeitet als Spezialist für Suchmaschinen-Marketing (SEO/SEA) bei einem Träger der freien Jugendhilfe in Hamburg. Er ist Blogger, Social Media und SEM Experte und engagiert sich mit seiner Arbeit und in seiner Freizeit für eine bessere Gesellschaft.

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