Buchbesprechung: Das muslimische Subjekt

Levent Tezcan schrieb bereits im Jahr 2012 über die erste Deutsche Islam Konferenz (DIK I). Seine Eindrücke über das “muslimische Subjekt” hielt er anschließend in einem Buch fest. Knapp sieben Jahre nach der Veröffentlichung haben weder Inhalt noch Buch an Aktualität eingebüßt.

Wer verstehen möchte, wie der Staat versucht Einfluss auf die muslimische Community und muslimische Gemeinschaften zu nehmen, sollte dieses Buch lesen. Levent Tezcan legt dar, wie das Instrument der Anerkennung und die Einbindung innerhalb der Deutschen Islam Konferenz (DIK) genutzt wird, um Einfluss zu nehmen. Gerade, weil Tezcan aufzeigt, wie “Muslime” als Gruppe kulturalisiert und konstruiert werden, ist dieses Buch sehr lesenswert.

Die deutsche Islampolitik wird weiterhin von einer kolonialistischen Ausgangslage bestimmt

Tezcan zeigt mit akribischer Genauigkeit, wie sich bis heute die Islampolitik in Deutschland noch immer am kolonialistischen Erbe und der kolonialistischen Politik Deutschlands orientiert. Dabei geht es auch um die Selbstverortung des “muslimischen Subjekts”, welches im Spannungsfeld zwischen Integration und Assimilation letztlich zu Kompromissen und Selbstaufgabe der eigenen Identität gedrängt werden soll.

Auch das Gegeneinander ausspielen von muslimischen Organisationen — säkulare, liberale wie konservative — wird ausgezeichnet von Tezcan festgehalten. Dabei wird auch klar, welche Rollen einige Akteure einnehmen, die eben nicht als Vertreter der muslimischen Gemeinschaften eingeladen wurden, sondern als Individuen. Dabei bleibt primär der Nachgeschmack übrig, dass die Funktion der einzelnen Akteure nur darin besteht, das Übergewicht der Verbände zu verhindern.

Politik hat Muslime gegeneinander ausgespielt

Dass Muslime dabei — als Kollektiv — falsch dargestellt und in Schubladen gesteckt werden, wird in Kauf genommen. Ebenso, dass die DIK I letztlich nichts anderes war als eine Veranstaltung ähnlich des Integrationsgipfels. Das “muslimische Subjekt” wurde auch hier “islamisiert” und “muslimisiert” und anders behandelt als sämtliche andere Gruppen. Dabei muss Integration eben gesamtgesellschaftlich und nicht nur bezogen auf eine vermeintlich homogene Gruppe gedacht werden.

Tezcan legt offen, wie sehr sich die Politik mit ihrer Arbeit aus dem Fenster gelehnt und dabei selbst Grundsätze der rechtlich unbestreitbaren Aspekte links liegen gelassen hat, mit Versprechen, die auch nicht eingehalten wurden. Das “muslimische Subjekt” wurde betrogen und der Ausgang ist — sieht man zurück — heute ebenso wie damals falsch. Wenn man als Politiker wie auch als Muslim verstehen möchte, warum die DIK letztlich weiterhin scheitern wird, sollte man das Buch von Tezcan gelesen haben.

Seltene Einblicke in eine, einfachen Muslimen, versperrte Welt

Natürlich ist auch dieses Buch nicht frei von Fehlern. Als Beispiel sei genannt, dass Tezcan ausführt, die Fakultäten für Islamische Theologie würden “Imame” ausbilden. Das tun sie eben nicht. Theologen sind keine Imame. Und eine Ausbildung von Imamen ohne Religionsgemeinschaften kann nicht stattfinden. Doch über solche Spitzfindigkeiten kann man hinwegsehen, auch weil der Autor als Soziologe und Teilnehmer der DIK I selten Einblicke in eine Welt hinter verschlossenen Türen gibt.

Prof. Dr. Levent Tezcan arbeitet heute an der Universität Münster im Fachbereich Soziologie. Er hat die Professur für sozialwissenschaftliche Erforschung des Islam im Europa des 20. und 21. Jahrhunderts inne. Das Buch “Das muslimische Subjekt” liegt in einer aktuelleren und verbesserten Fassung vor.

Autor: Levent Tezcan
Titel: Das muslimische Subjekt — Verfangen im Dialog der Deutschen Islam Konferenz
ISBN: 9783835390225
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Akif Şahin

Ich bin Akif Şahin aus Hamburg. Schreibe hauptsächlich zu den Themen Online-Marketing, Suchmaschinenmarketing und Islam. Hier gibt es Einsichten, Aussichten und Islamisches.

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