Ramadan: Wortherkunft und Bestimmung von Beginn und Ende des Fastenmonats

Der Monat Ramadan, der neunte Monat des islamischen Kalenders, findet als einziger unter den „Mond-Monaten“ bzw. islamischen Monaten im Quran Erwähnung. Dadurch allein genießt dieser islamische Monat eine besondere Stellung. Der Ramadan wird außerdem als Monat des Quran bezeichnet, weil in ihm der Quran erstmals offenbart wurde. Durch das Fasten, welche eine der sogenannten fünf Säulen des Islams ist, wird der Monat Ramadan in seiner Bedeutung für die Muslime weiter erhöht. Er wird auch als Monat Allahs (swt) bezeichnet. Entsprechend ist die Wichtigkeit dieses Monats sehr klar verständlich. So heißt es im Quran in ungefährer deutscher Übersetzung:

Es ist der Monat Ramadan, in welchem der Koran als Rechtleitung für die Menschen und als Beweis dieser Rechtleitung und als (normativer) Maßstab herabgesandt wurde. Wer von euch in diesem Monat zugegen ist, soll während seines Verlaufs fasten. Wer jedoch krank ist oder auf einer Reise, der (faste) eine (gleiche) Anzahl anderer Tage. Allah wünscht, es euch leicht — und nicht schwerzumachen und dass ihr die Zahl (der Tage) erfüllt und Allah dafür preist, dass Er euch geleitet hat. Und vielleicht seid ihr dankbar.

Quran, Sura 2, Vers 185, Übersetzung: Max Henning

Was versteht man unter dem Wort „Ramadan“?

Es gibt zwar eine mehrheitsfähige Meinung darüber, was Ramadan (arabisch: رمضان‎) heute bedeutet, aber die arabische Sprache kennt verschiedene Variationen eines Wortes und deshalb auch Erklärungen für die Bedeutung eines Wortes. So verhält es sich auch beim Wort Ramadan, welches aus den Buchstaben ر م ض besteht. Dadurch ergeben sich auch verschiedene Bedeutungen und Interpretationsmöglichkeiten. Von diesen wollen wir uns drei etwas näher anschauen, um die Wortherkunft zu erklären und die Bedeutung des Wortes Ramadan im heutigen Kontext hervorzuheben.

ramda (رمضى)

Mit ramda ist Regen gemeint, der vor allem zu Beginn der Herbsmonate im arabischen Raum auftritt. Dieser Regen reinigt den Erdboden vom angesammelten Staub. Aufgrund seiner reinigenden Art wird die Wortherkunft von Ramadan auch mit ramda in Verbindung gebracht. So reinige schließlich der islamische Monat die Gläubigen von ihren Sünden und deshalb habe dieser Monat den Namen Ramadan erhalten.

ramada (رمض)

Hier finden sich sogar zwei Erklärungen für das Wort ramada. In seiner ersten Bedeutung weist ramada auf die starke Erhitzung von Steinen durch heftige Sonnenstrahlung hin. In diesem Sinne bedeutet Ramadan dann so viel wie, dass man barfuß durch die Hitze läuft und sich dabei die Füße verbrennt. Fasten im Monat Ramadan bedeutet auch, dass man hungert und durstet und durch diese gefühlte Hitze die Sünden vergeben werden. Entsprechend sei die Namensgebung diesem Aspekt zu verdanken.

Die zweite Bedeutung des Wortes ramada geht auf Waffenfertigungstechniken zurück und bedeutet vor allem die Schärfung einer Schwert- oder Speerspitze durch Schmieden und Schlagen zwischen zwei Steinen. Es wird angenommen, dass die Araber ihre Waffen in diesem Monat vorbereiteten und erneuerten und schärften. Deshalb habe der Monat seinen Namen Ramadan erhalten.

Ramadan (رمضان‎)

Ramadan wird auch – ausgehend von Hadithen – außerdem als eines der 99 Namen Allahs (swt) angesehen. Allerdings gibt es hier unterschiedliche Auffassungen über die tatsächliche Eignung als eines der 99 Namen Allahs (swt), was vor allem der Schwäche diesbezüglicher Überlieferungen geschuldet ist. Viele Gelehrte ziehen aber bei der Erklärung den oben genannten Vers heran: „Es ist der Monat Ramadan“ (شَهْرُ رَمَضَانَ). So wird dieser Vers oft auch mit „Der Monat Allahs“ übersetzt. Angesichts der Tatsache, dass Muslime in diesem Monat fasten und Allah (swt) mit seiner Barmherzigkeit ihre aufrichtigen gottesdienstlichen Handlungen annimmt und den Muslimen ihre Sünden vergibt, ist auch diese Erklärung für die Namensgebung möglich.

Zusammenfassung

Wir verstehen heute unter dem Wort Ramadan sowohl den islamischen Fastenmonat als auch die oft kurz wiedergegebene Form von „der heiße Monat“. Dies greift aber, wie die obigen kurzen Erklärungen zeigen, viel zu kurz. Der Monat Ramadan ist schließlich ein Monat, in dem die Sünden vergeben und vom Erdboden getilgt werden (ramda), ein gefühlt heißer und hitziger Monat, indem wir fasten (ramada), ein Monat in dessen Verlauf wir unseren Glauben und unsere Moral erneuern und schärfen (ramada) und schließlich ist der Ramadan der Monat Allahs (swt) (Ramadan).

Wie wird der Beginn und das Ende des Monats Ramadan bestimmt?

Die Bestimmung eines Mond-Monats oder islamischen Monats hängt von der Mondsichel des Neumondes ab. Zu Beginn eines Monats sieht man die Mondsichel des Neumondes und zu Beginn des nächsten Monats erneut. So unterscheidet man zwischen den verschiedenen Monaten. Jeder Monat dauert in aller Regel zwischen 29 und 30 Tagen. Der Beginn des Monats Ramadan und auch sein Ende werden durch sogenannte „Sichtung“ bestimmt, welche das Sehen mit bloßem Auge, das Sehen mit optischen Hilfsmitteln aber auch durch Berechnung meinen kann.

Sichtung und Bestimmung von Anfang und Ende des Ramadan

Geht man von der klassischen Auslegung aus, ist die Sichtung der Mondsichel des Neumondes mit dem bloßen Auge ausschlaggebend für das Fasten im Ramadan. Die Sichtung des Hilal (Sichelmond, Neumond) muss nach Sonnenuntergang erfolgen. Eine Sichtung des Neumondes vor Sonnenuntergang wird von den meisten Gelehrten abgelehnt. Allerdings kann man einen Neumond nicht immer mit bloßem Auge sehen, beispielsweise weil Wolken den Himmel verdecken. Dem tragen auch Aussprüche des Propheten Muhammad (saw) Rechnung.

Allahs Gesandter (saw) erwähnte den Ramadan und sagte: „Fastet nicht, es sei denn, ihr seht den Sichel (des Ramadan), und hört nicht auf zu fasten, bis ihr den Sichel (des Shawwal) seht, aber wenn der Himmel bedeckt ist (wenn ihr ihn nicht seht), dann handelt nach Schätzung (d.h. zählt Shaban als 30 Tage).

Überliefert von Abdullah ibn Umar, Sahih al Bukhari, Sawm, 11

Dieser Hadith zeigt an, dass die Sichtung der Mondsichel zum 29. des Monats Shaban erfolgen muss. Sollte man jedoch die Mondsichel nicht sehen können, so soll man den Monat Shaban auf 30 Tage schätzen. Entsprechend wird auch das Ende des Monats Ramadan geschätzt, wenn man keine Sichtung vornehmen kann.

Ich hörte Allahs Gesandten (saw) sagen: „Wenn du die Sichel (des Monats Ramadan) siehst, fang an zu fasten, und wenn du die Sichel (des Monats Shawwal) siehst, hör auf zu fasten; und wenn der Himmel bedeckt ist (und du kannst es nicht sehen), dann betrachte den Monat Ramadan als 30 Tage“.

Überliefert von Ibn Umar, Sahih Al Bukhari, Sawm, 5

Der obige Hadith zeigt an, dass Muslime, die die Sichel des Neumondes am 29. Ramadan nicht sehen können, von 30 Tagen des Ramadan ausgehen sollen. Dies ist eine Erleichterung für die Muslime beim Umgang mit dem Ende des Fastenmonats. Der erste Tag von Shawwal ist gleichzeitig auch das Eid ul Fitr (Ramadanfest).

Meinungsverschiedenheiten beim Thema Sichtung des Neumondes

Es gibt verschiedene Diskussionen, die immer wieder bei der Bestimmung des Neumondes, insbesondere des Neumondes von Ramadan, auftreten. So gibt es Meinungsverschiedenheiten zu folgenden Themen:

  • Muss die Sichtung des Neumondes mit bloßem Auge erfolgen oder darf man Hilfsmittel wie ein Fernglas oder Teleskop verwenden?
  • Darf man den Beginn oder das Ende des Neumondes berechnen? Ist eine Sichtung ausschließlich als Sichtung gemeint?
  • Reicht es aus, wenn Muslime am anderen Ende der Welt den Neumond sehen, um überall den Ramadan zu begehen? Oder müssen Muslime an ihrem eigenen Ort den Neumond sichten?
  • Muss die Sichtung des Neumondes ausschließlich in Mekka erfolgen und alle anderen müssen sich daran halten?

Wie sollten Muslime mit solchen Diskussionen umgehen?

Um es klar voranzustellen: Diese Meinungsverschiedenheiten, die von einfachen Muslimen auch leider pervertiert werden, führen zu unnötigen Diskussionen die immer zwangsläufig eskalieren. Dabei werden vor allem die aufrichtigen Versuche von gläubigen Menschen mit Füßen getreten, weil man meint, die eigene Wahrheit sei die einzige wahre Wahrheit. Ein solches Verständnis schadet nicht nur dem Gedanken der Geschwisterlichkeit unter Muslimen, es schadet auch den Bemühungen von Muslimen in aller Welt, ihrer religiösen Pflicht nachzugehen.

Dies kann weder im Sinne eines Muslims sein, noch sollte es im Sinne von uns allen sein. Wir sollten akzeptieren, dass es Meinungsverschiedenheiten gibt und die Ansätze der verschiedenen Gelehrten und auch Rechtsschulen respektieren. Das bedeutet vor allem im persönlichen Umgang – auch wenn wir der Meinung sind, der Gegenüber habe Unrecht und sei im Irrtum – unsere eigene Fehlertoleranz zu hinterfragen und uns mit Kommentaren zum religiösen Leben des Gegenübers zurückzuhalten. Es ist schließlich eine persönliche Entscheidung, welcher Ansicht oder Erkenntnis man folgt.

Sichtung – was heißt das?

Geht man vom Wortlaut der oben wiedergegebenen Hadith aus, so ist für viele sofort klar, dass die Sichtung mit bloßem Auge erfolgen muss. Allerdings liegt das eher an einer traditionalistischen Lesart. Denn das Wort, dass hier in den Hadith benutzt wird, kann durch seinen Wortstamm eben nicht nur „Sichtung“ sondern auch „Wissen“ oder „Glauben“ bedeuten. In diesem Kontext ergeben sich durch Betrachtung anderer Hadith neue Interpretationsmöglichkeiten.

Ein Beispiel für eine Neubetrachtung liefert beispielsweise dieser Hadith:

Der Prophet (saw) sagte: „Wir sind ein ungebildetes Volk; wir können weder rechnen, noch schreiben und lesen. Der Monat ist mal so und mal so, d.h. manchmal 29 Tage und manchmal 30 Tage.“

Überliefert von Ibn Umar, Sahih al Bukhari, Sawm, 13

Angesichts solcher und anderer Überlieferungen wird durchaus berechtigt die Frage gestellt, ob der Prophet (saw) und seine Gefährten schlichtweg nicht die nötigen Mittel für eine Berechnung des Neumondes hatten. Tatsächlich basieren Berechnungen, wie wir sie heute kennen, auch auf Erfahrungswerten. Heutzutage gestehen Literalisten weiterhin der Methode der Berechnung keine Existenz zu. Allerdings zeigen sich immer mehr Gelehrte für Kompromisse bereit. So wird beispielsweise die Methode der Berechnung vor allem als Hilfsmittel verstanden und größtenteils akzeptiert, wobei die Sichtung mit (bloßem) Auge weiterhin ausschlaggebend bleibt.

Auch die Nutzung moderner Technologien wird weiterhin von Literalisten abgelehnt. Dazu können auch optische Hilfsmittel wie Ferngläser und Teleskope zählen. Die mehrheitlichen Muslime lassen allerdings solche Hilfsmittel heutzutage zu. Entscheidend sei die Sichtung des Neumondes mit dem Auge, wird vorgeschoben. Und Berechnungen sind deutlich exakter geworden, als es bis vor zehn Jahren beispielsweise noch denkbar war. Und verbindet man die Betrachtung von elementaren Hadithen zur Sichtung mit dem letzten oben ausgeführten Hadith, so ergibt sich die Frage, ob der Prophet (saw) nicht den Muslimen bereits vorab angekündigt hat, dass sie eines Tages lesen, schreiben und rechnen können werden und das sie dann auch den Beginn des Mondes anders bestimmen können werden.

Eindeutigkeit werden wir nicht erreichen

Es steht aus meiner Sicht außer Frage, dass wir als Muslime keine Eindeutigkeit in diesen Fragen erreichen werden. Das liegt mitunter an den Möglichkeiten aber auch dem Festhalten an Wortlauten und einzelnen Interpretationen. Eindeutigkeit ist auch keine geeignete Lösung in diesem Konflikt. Ich glaube fest daran, dass jede Gemeinschaft, an seinem eigenen Ort in der Welt, eine Lösung finden muss, mit der die Mehrheit leben kann. Eine Orientierung an den Herkunftsländern, wie es aktuell in Deutschland eher Praxis ist, wird langfristig eher abnehmen. Es bleibt dann die Frage, wie Muslime in Deutschland den Beginn des Monats Ramadan bestimmen wollen.

Schon heute ist die Praxis dazu übergegangen die Gebetszeiten komplett zu berechnen – anhand von astronomischen Daten. Auch die Verteilung von sogenannten Ramadan-Kalendern ist diesem Umstand geschuldet. Entsprechend macht es aus meiner persönlichen Sicht keinen Sinn, eine Möglichkeit für die Bestimmung des Neumondes abzulehnen. Vor allem deshalb nicht, weil die literalistische Lesart auch dem Geist des zuletzt aufgeführten Hadith widerspricht. Den technologischen Fortschritt und die Möglichkeiten für eine exakte Bestimmung abzulehnen, widerspricht aus meiner Sicht dem Geist der Sunnah.

Jeder Muslim, jede Muslima muss selbst entscheiden

Gleichzeitig muss man aber eben auch nicht dieser Auslegung folgen. Es steht jedem Muslim und jeder Muslima frei, wie er den Beginn bestimmen möchte. Sollte man sich jedoch für eine Methode entscheiden, ergibt es Sinn diese beizubehalten. In modernen Zeiten erleben wir immer wieder, dass man plötzlich anfängt von einer Methode zur anderen zu springen, weil das Ergebnis einem selbst nicht gefällt. Es gibt sogar Muslime, die sich anschauen, bei welchen Gemeinschaften die Fastenzeiten kürzer sind, um sich nach diesen zu richten. Das ist sicherlich nicht der Sinn und Zweck der Debatten um die Bestimmung des Monats Ramadan.

Entsprechend braucht es auch einen Mut, zum gemeinsamen Austausch unter muslimischen Gelehrten und das auch vor allem auf lokaler Ebene. Es wäre ja schön, wenn sich die Muslime zumindest in einer Stadt auf einen gemeinsamen Beginn und ein gemeinsames Ende des Monats Ramadan einigen könnten. Aber wir sehen heute noch, dass die Moscheen und Gemeinden zu unterschiedlichen Zeiten das Fest begehen, obwohl es Dachverbände und einen innerislamischen Dialog gibt. Das schadet uns jedoch mehr als das es uns nützt. Vielleicht muss man als Muslime und vor allem als Verantwortliche, daran arbeiten, einen gemeinsamen Nenner zu finden und die Methodik zu vereinheitlichen, mit der die Bestimmung vor Ort vollzogen wird. Aber auf der anderen Seite: Der Islam ist vielfältig und er lebt von Vielfalt. Vielleicht ist diese Uneinigkeit und diese Uneindeutigkeit auch ein Segen. Wir wissen es vermutlich nur nicht zu schätzen.

Und zuletzt bleibt wie immer der Verweis: Und Allah (swt) weiß es am besten.

Veröffentlicht von Akif Sahin

Akif Sahin - Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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