Bundeswehr: Jüdische und muslimische Seelsorger sollen kommen

Das seelsorgerische Angebot in der Bundeswehr soll schrittweise ausgebaut werden – insbesondere für jüdische und muslimische Soldaten. Dies teilte das Bundesverteidigungsministerium am Dienstag (2. April 2019) in Berlin mit. Erstmals seit 100 Jahren sollen auch wieder Militär-Rabbiner eingesetzt werden. Auslöser ist der wachsende Anteil muslimischer und jüdischer Soldaten innerhalb der Streitkräfte. Die Bundeswehr will damit der gewachsenen Vielfalt innerhalb der Truppe und den Bedürfnissen der Soldaten Rechnung tragen.

Soldaten machen in Einsätzen Grenzerfahrungen und sie haben ebenso Familie und Sorgen, wie der Rest der Bevölkerung auch. „Viele unserer Soldatinnen und Soldaten suchen in diesen Momenten das Gespräch mit unseren Militärseelsorgern – sogar unabhängig davon, ob sie selbst gläubig sind oder nicht“, erklärte Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) zur jüngsten Ankündigung. Seelsorge und erlebte Gemeinschaft in Ritualen gebe den Soldaten „Anleitung und Kraft“. Der Anspruch eines jeden Soldaten auf ungestörte Religionsausübung und Seelsorge sei zudem im Soldatengesetz fest verankert.

„Selbstverständlich gilt dieser Anspruch auch für jüdische und muslimische Kameradinnen und Kameraden in unseren Reihen“, erklärte die Verteidigungsministerin. Man wolle deshalb den jüdischen und muslimischen Kameraden die geistliche Begleitung ermöglichen. „Sie haben diesen Wunsch seit langer Zeit und dieser Wunsch ist berechtigt. Gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus, religiöse Polarisierung und Engstirnigkeit vielerorts auf dem Vormarsch sind, ist das ein wichtiges Signal. Dem wollen wir entgegentreten, entschieden und gemeinsam“, sagte von der Leyen.

Staatsvertrag mit Zentralrat der Juden geplant

Ein Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik und dem Zentralrat der Juden soll die Zusammenarbeit zwischen der Bundeswehr und der Vertretung der jüdischen Glaubensgemeinschaften in Deutschland auf rechtlich solide Beine stellen. Staatsverträge mit den christlichen Kirchen bestehen bereits. Der Zentralrat der Juden soll künftig, den Plänen zufolge, Kandidaten für die Tätigkeiten als Militär-Rabbiner vorschlagen. Die schlussendliche Auswahl soll jedoch durch die Bundeswehr erfolgen. Am Anfang will man mit einer niedrigen Anzahl von neuem Personal loslegen, um auch Erfahrungswerte mit dem Angebot zu sammeln.

Von der Leyen erklärte, es sei ein großes Geschenk, dass überall in Deutschland wieder jüdisches Leben blühe. „Es erfüllt mich als Verteidigungsministerin mit Dankbarkeit und auch mit Demut, dass Frauen und Männer jüdischen Glaubens in unserer Bundeswehr dienen.“ So unterschiedlich auch die Soldaten seien, es sei der Eid, den sie alle geschworen haben, der sie eine. „Sie haben sich den Grundsätzen und Werten unseres Grundgesetzes verpflichtet und gelobt, Deutschland und seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen und zu verteidigen. Sie alle sind unverzichtbarer Teil einer modernen Bundeswehr.“

Kein zentraler muslimischer Ansprechpartner vorhanden

Auch für muslimische Soldaten sind verbesserte seelsorgerische Angebote geplant. Allerdings fehlt es aus Sicht der Bundeswehr weiterhin an einem zentralen Ansprechpartner. Deshalb könne auch aus rechtlichen Gründen kein Staatsvertrag geschlossen werden. Allerdings sollen dennoch muslimische Geistliche über sogenannte Gestellungsverträge an die Bundeswehr gebunden werden. Interessant ist dabei auch, dass sich die Bundeswehr an den Vorgaben der Deutschen Islam Konferenz (DIK) orientiert, die eins formuliert wurden.

Nach diesen Kriterien muss ein islamischer Militärseelsorger folgende Kriterien erfüllen: Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift, ein in Deutschland anerkannter Hochschulabschluss in islamischer Theologie, seelsorgliche oder gemeindliche Erfahrung und Entsendung durch islamische Religionsgemeinschaften, die die Zielgruppe der Soldaten repräsentieren, in die Bundeswehr und natürlich seitens der Bundeswehr akzeptiert werden. Auch hier wird für den Beginn mit einer niedrigen einstelligen Zahl an Geistlichen in der Bundeswehr geplant.

Für beide – jüdische und muslimische Militärseelsorger – gilt auch eine obligatorische Sicherheitsüberprüfung. Diese dürfte durch den Verfassungsschutz und den Militärischen Abschirmdienst (MAD) erfolgen. Die Seelsorger sollen schließlich bei Bedarf zu den Betroffenen in (Risiko-)Einsatzgebiete der Bundeswehr geschickt werden.

Zahlen und Fakten zu Juden und Muslimen in der Bundeswehr

Die Angaben zu einer Konfessionszugehörigkeit sind bei der Bundeswehr freiwillig. Daher gibt es aktuell nur Schätzwerte. Bei Einführung der Militärseelsorge Ende der 50er Jahre waren ca. 98 Prozent der Soldatinnen und Soldaten Angehörige der christlichen Kirchen. Heute sind das nur noch etwa die Hälfte. Derzeit dienen ca. 300 Angehörige des jüdischen Glaubens und ca. 3.000 Muslime bei der Bundeswehr. Im Vergleich dazu stehen ca. 53.000 Angehörige des evangelischen und 41.000 des römisch-katholischen Glaubens.

Bereits heute können sich Soldaten, unabhängig von ihrer Glaubensrichtung, am Zentrum Innere Führung in Koblenz ein seelsorgerisches Angebot außerhalb der Bundeswehr vermitteln lassen.

Veröffentlicht von Akif Sahin

Akif Sahin - Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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