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Studie: Imame werden mehrheitlich nicht in Deutschland ausgebildet

Die jüngste Ausgabe „Imame – made in Europe?“ der Reihe „Analysen & Argumente“ der Konrad Adenauer Stiftung (KAS) gibt einen guten Überblick zum Status Quo der Imamausbildung in Deutschland und Frankreich. Das unter einer Creative Commons Lizenz veröffentlichte Werk wurde von Andreas Jacobs und Janosch Lipowsky für die KAS angefertigt. Es geht den Grundfragen aktueller Debatten um eine Imamausbildung in Deutschland und an Deutschen Universitäten nach. Dabei gibt es in der Analyse auch einen Vergleich zum Zustand der Imamausbildung in Frankreich. Eine kommentierte Zusammenfassung, der wichtigsten Erkenntnisse aus der 17-seitigen Arbeit.

Obwohl seit mehreren Jahren in Deutschland eine Diskussion darüber stattfindet, wie Imame an Deutschen Universitäten ausgebildet werden könnten, gibt es weiterhin keine etablierten Strukturen und Lösungen für diese Fragestellung. Dies liegt zum Teil am Religionsverfassungsrecht, dass eine Einmischung des Staates in Lehrinhalte von Religionsgemeinschaften verbietet, zum Teil aber auch an einem tragfähigen und repräsentativen Ansprechpartner auf Seiten der Muslime. Auf diese Punkte macht auch die vorliegende Publikation der KAS aufmerksam, erweitert die Analyse aber auch mit Blick auf Finanzierungs- und Qualitäts-Sicherungsmodelle.

Falsche Schlüsse aus richtigen Analysen

Dabei werden jedoch aus meiner Sicht die falschen Schlüsse gezogen. Statt einen Ansatz zu empfehlen, der sich beispielsweise dem Aufbau tragfähiger Strukturen in der muslimischen Zivilgesellschaft widmet, wählen die Autoren den Weg des Vergleichs mit Frankreich. Deshalb empfehlen sie auch eher die oberflächlichen und eher rechtlichen „Probleme“ zu bekämpfen, statt ein Empowerment der muslimischen Communitys vorzunehmen. Dabei wird die Trennung zwischen Staat und Religionsgemeinschaft sogar als problematisch für die Etablierung einer Imamausbildung dargestellt. Dabei ist die Grundproblematik nicht rechtlicher Natur, sondern zivilgesellschaftlicher Natur. Es fehlt an Ansprechpartnern auf muslimischer Seite, wie auch die Autoren betonen.

Ferner empfehlen die Autoren, sich mit anderen Staaten auf ein Entsendemodell für Imame zu einigen, um den Zufluss aus dem Ausland zu begrenzen und zu steuern. Dafür wird erneut das französische Modell bevorzugt. Neben den bestehenden Modalitäten bei der Entsendung von muslimischen Geistlichen sollten aus Sicht der Autoren auch solche hinzugefügt werden, die den Nachweis von Spracherwerb und Landeskenntnissen beinhalten aber auch eine politische Selbstverpflichtung und finanzielle Transparenz mit berücksichtigen. Wer nicht mitmachen will, soll schließlich kein Einreise-Visum erhalten. Dies sei auch ein geeignetes Mittel, um gefährliche Prediger an der Einreise zu hindern.

Fakten zu Imamen in Deutschland – ältere Daten in einem neuen Gewand?

Interessant sind auch die Zahlen zu Imamen in Deutschland. Beispielsweise stellt die DITIB nach eigenen Angaben nach wie vor die meisten Moscheen in Deutschland (986) und etwas weniger als die Hälfte der etwa 2.000 bis 2.500 zurzeit in Deutschland tätigen Imame. Die übrigen Imame in Deutschland stammen zu 80 bis 90 Prozent ebenfalls aus dem Ausland, insbesondere aus der Türkei, Nordafrika, Albanien und dem ehemaligen Jugoslawien, aber auch aus Ägypten und aus dem Iran. Diese Zahlen werden zwar als neu verkauft, basieren aber, wenn man sich die Fußnote anschaut, auf der Vorarbeit von Prof. Dr. Rauf Ceylan aus der Universität Osnabrück, welche in einem Sammelband bereits im Jahr 2010 erschienen ist.

Auch die Hinweise auf die zahlenmäßige Bedeutung der Gemeinschaften muss man daher mit etwas Vorsicht genießen. So seien zahlenmäßig vor allem die „Islamische Gemeinschaft Milli Görüş“ (IGMG) mit 323 Moscheen und der Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ) mit rund 300 Moscheen bedeutsam. Während der VIKZ seit Ende der Achtzigerjahre eigene Imame in Köln ausbildet, beschäftigt die IGMG neben Ehrenamtlichen laut KAS auch viele ehemalige DITIB-Imame. Die „Islamische Gemeinde der Bosniaken in Deutschland“ (IGBD) unterhält nach eigenen Angaben über siebzig Moscheen in Deutschland. Die hier tätigen Imame sind zwar Angestellte der Gemeinden, werden aber meistens in Bosnien-Herzegowina ausgebildet und sind den dortigen Verbandsstrukturen zugeordnet.

Es fehlen aktualisierte Angaben zu Ausbildungsmodellen

Darüber hinaus existieren laut Autoren noch einige kleinere Institute und Imam-Seminare, die aber bislang nur bestimmte muslimische Gruppierungen ansprechen und eher Randphänomene geblieben seien. Hierzu zählt u. a. das 2013 gegründete „Europäische Institut für Humanwissenschaften“ (EIHW) in Frankfurt, das laut KAS-Autoren als Einrichtung der Muslimbruderschaft in Deutschland gilt und enge Beziehungen zur ähnlichen Institutionen in ganz Europa unterhält.

Rein faktisch kann man jedoch davon ausgehen, dass die obigen zahlenmäßigen Angaben zwar aktualisiert worden sind, aber nicht dem Gesamtumstand Rechnung tragen. Das zeigt sich zum Beispiel bei den Angaben zur IGMG. Diese bildet seit kurzem auch in Deutschland Imame weiter und aus. Es wird dabei vor allem Wert darauf gelegt, dass man „junge Imame“ ausbildet. Diese kommen auch in ein Sonderprogramm, mit dem die IGMG zumindest in türkischer Sprache bereits für sich versucht zu werben. [1]

Nichts desto trotz bleibt die Arbeit der KAS-Autoren interessant, weil sie eben doch eine neue Perspektive aufwirft. Auf dieser Basis könnte man nun auch argumentieren und nach neueren Lösungswegen suchen. Dafür bräuchte es allerdings auch konstruktive Ideen aus den muslimischen Verbänden. Dazu wird es aber vermutlich nicht kommen, weil man mit dem Status Quo zufrieden ist. Eine Änderung bestehender Modelle macht – insbesondere im türkeistämmigen Spektrum der Verbandslandschaft – zum aktuellen Zeitpunkt keinen Sinn. Vor allem, weil es an finanziellen Anreizen und Entlastungen fehlt. Auch das ist eine Erkenntnis, die mit der Arbeit aus der KAS untermauert werden kann.

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Über Akif Sahin

Blogger Akif Sahin aus HamburgAkif Sahin arbeitet als Spezialist für Suchmaschinen-Marketing (SEO/SEA) bei einem Träger der freien Jugendhilfe in Hamburg. Er ist Blogger, Social Media und SEM Experte und engagiert sich mit seiner Arbeit und in seiner Freizeit für eine bessere Gesellschaft.

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