Neues Jahr

Anders als die Jahre zuvor, habe ich Silvester nicht bei meiner Familie verbracht. Ich war stattdessen bereits um 19 Uhr mit ihnen gemeinsam in unserem Garten und wir haben unser Feuerwerk in aller Ruhe abgewickelt. Meiner Tochter hat es überhaupt nicht gefallen. Sie hat vom herumknallen der Raketen Angst bekommen und ist in die Bude gerannt. Später schimpfte sie mit mir und erteilte auch ein Verbot: „Papa! Du darfst nie wieder sowas tun!“

Wir waren unschuldige Kinder

Als ich in ihrem Alter war, da wollte ich die Welt sprengen und durfte nicht. Meine Freunde und ich sind im Ghetto von Wilhelmsburg am Neujahrsmorgen mit unserer Gruppe losmarschiert um den Müll auf dem Boden zu durchforsten, nach Böllern und mehr, die nicht gezündet sind oder einfach fallen gelassen wurden. Unsere Eltern konnten uns das nicht verbieten. Wir waren – rein formal betrachtet – immer irgendwie arm, obwohl wir doch so reich an Kraft und Verstand waren.

Oder kennen sie andere 8-jährige Kids, die auf die Idee kommen würden, so viele Böller auseinanderzunehmen wie es nur geht, um dann mit dem gewonnenen Schwarzpulver funktionierende neue Böller herzustellen? In Wilhelsmburg war das vor 28 Jahren möglich. Es interessierte auch keine Sau und auch nicht die Polizei, was wir da eigentlich an Neujahr machten. Heute wäre das strafbar und es würde vermutlich – auch wegen unseres Backgrounds – die Idee aufkommen, wir würden eventuell eine staatsgefährdende Handlung planen.

So war Neujahr für uns immer auch der Beginn einer neuen Zeit. In dieser Zeit waren wir nicht unten, wir machten aus dem, was wir hatten, das Beste und wir böllerten – abgeschirmt von der S-Bahn, einem Bolzplatz und mehreren Bäumen – unser alternatives Silvester. Fern von Mullahs und Konsorten, die uns verbieten wollten zu feiern, wie es unsere nächsten Menschen taten. Die unseren Eltern eintrichterten, Böller kaufen sei haram und das Böllern an Silvester erst recht. Unsere Unschuld und Kindheit wurde uns mit dem Hadith „Wer einem Volk ähnelt, gehört zu ihm.“ genommen. Dabei sagte der Prophet (saw) immer „Macht es leicht und erschwert nicht, bringt frohe Kunde und schreckt nicht ab.“ [Bukhari, Ilm, 12]

Vielleicht liegt es auch weiterhin daran, dass ich heute gerne mir Böller und Raketen kaufe. Ich übertreibe nicht, aber ich gönne mir diesen Spaß, den ich auch schön finde und erfülle mir damit auch etwas, was ich in meiner Kindheit nicht haben durfte.

Veranstaltung in einer Jugendorganisation

Nach der Böllerei und RaketenindieLuftJagerei habe ich mich auf den Weg zu einem der bekannteren Moscheen in Hamburg gemacht. Ein Freund hatte mitgeteilt, dass er heute Abend vor Ort sein würde, ich wollte entsprechend auch dabei sein. Zu meinem Erstaunen waren jedoch im Jugendhaus mehrere Generationen von Muslimen anwesend, sogar die erste Gastarbeitergeneration. Die Moschee hatte die älteren Semester zur Veranstaltung der Jugendlichen mit eingeladen. Es war insgesamt ein großer Spaß und das erste Mal in meinen 36 Jahren auf dieser Welt, habe ich einen Wissenswettbewerb mit Jugendlichen gewonnen.

Die Zusammenkunft, die eher an ein Mehrgenerationenhaus mit ausschließlich männlichen Teilnehmern erinnerte, war einfach schön. Es hat Spaß gemacht – nach langer Abstinenz – einen solchen Abend mit lieben Menschen zu verbringen. Auch wenn die ewigen Diskussionen um meine Person nicht mehr aufhören. Ich glaube, ich hatte eine Menge Spaß und konnte davon auch einiges an meine Mitmenschen abgeben. Auch wenn wir weiterhin unterschiedlicher Meinungen sind und ich weiterhin vieles kritisiere, so hat es mich doch im Herzen gewärmt, so viele junge Menschen zu beobachten, die ihren Abend und ihre Nacht alternativ gestaltet haben.

Übrigens eine Tradition bei vielen Moscheegemeinden – mit türkischem Background – während diese Idee auch immer mehr im Mainstream ankommt. Es gibt mittlerweile gute Programme, mit Vorträgen, dem Angebot für ein gemeinsames Qiyam al Lail (Nachtgebet), vielen lustigen und spannenden Spielen und eben auch mit Wettbewerben und Verlosungen. Diese lebendige Vielfalt des muslimischen Lebens in Deutschland wird umso interessanter, je mehr die Zeit die Generationen verändert und auch Zusammenkünfte ermöglicht, die – nicht nur – auf ein spezielles Publikum ausgerichtet sind.

Manchmal reicht es einfach zu sagen: Ich bin Muslim.

Bei meiner Hinfahrt zur Veranstaltung, saßen im Bus und anschließend auch in der S-Bahn ein paar Jugendliche mit einem türkischen Migrationshintergrund. Die Haare waren gegeelt und geleckt, die Anzüge sehr steif und das Verhalten mehr als einfach nur lächerlich. Doch was mich sehr betrübt hat, war die Tatsache, dass diese Jugendliche für den Abend nur noch im Sinn hatten, wen oder wie viele Frauen sie an diesem Abend abschleppen wollten. Ich tue solches Gerede sowieso meist nur als Gehabe ab.

Doch das Schlimme war, ich kannte diese jungen Menschen von ihren Besuchen in der nächstgelegenen Gemeinde an den Freitagsgebeten. Manchmal wünschte ich mir, ich sei einfach in der Lage meine Ohren auszuschalten und müsste diese Schizophrenie nicht miterleben. Stattdessen räusperte ich mich ein paar Mal und durfte erleben, wie die Hemden und Anzüge ordentlich zugeknöpft und die Gespräche endlich auf ein menschlich harmloses Niveau abdrifteten. Es ist oft Getue mit dem wir es zu tun haben, es ist oft aber auch das Gegenteil.

Auf meinem Rückweg, Nachts um 1 Uhr in der S-Bahn knurrte dann mein Magen doch noch. Ich hatte schon den ganzen Abend Kopfschmerzen und wirklich zu Abend gegessen hatte ich auch noch nicht. Also gönnte ich mir noch schnell einen Abstecher in einen McDonalds. Das übliche Filet-O-Fish Menü für späte Nachtstunden sollte es sein. Ich packte mir mein Tablett und setzte mich an einen eher ruhigeren Bereich des Ladens und schlang schnell das Essen runter, weil in zehn Minuten der Bus nach Hause kommen sollte.

Als ich so voller Eile meine Pommes aß, und im Ketchup rumstocherte, stand eine sichtlich sehr bemühte, aufreizend gekleidete junge Dame an meinen Tisch. „Entschuldigung. Darf ich mich kurz zu Ihnen setzen?“, fragte sie. Ich nickte kurz und sagte: „Klar. Bitte.“ Sie musterte mich sehr ausgiebig und fragte dann schließlich: „Hören Sie, es ist Neujahr und Sie wirken so, als seien Sie einsam und alleine. Sie müssen aber nicht alleine sein.“

Ich musste schmunzeln. Eigentlich stand auf meiner Stirn und auch auf meinem Bart – der seit einer Woche nochmal extrem gewachsen ist – komm mir nicht zu Nahe. „Ich bin nicht alleine. Ich warte auf den Bus“, antwortete ich deshalb. Sie schien von meiner Antwort nicht überzeugt und erklärte mir: „Wir feiern heute Neujahr. Wenn Sie möchten, kommen Sie doch zu uns und feiern Sie mit. Wir könnten viel Spaß haben. Oder feiern Sie kein Neujahr?“ Erneut musste ich schmunzeln. Die einzige und passende Antwort, die aus mir schließlich herausrutschte war: „Ich bin Muslim.“

Es stellte sich heraus, dass die junge Dame zwar selbst gläubige Christin war, jedoch mit muslimischen Verwandten. Sie wünschte mir – ob meiner Antwort – entsprechend nur noch ein frohes neues Jahr, auch wenn ich nicht feiere und ließ mich schließlich in Ruhe mein Essen zu Ende essen. Ich ging danach zur Busstation, stieg in den Bus ein und fuhr nach Hause. Und unterwegs fragte ich mich doch: Welches Verhalten war jetzt ehrbar, welches Verhalten eigentlich eine Schande?

Junge Muslime, die auf dicke Hose machen und darüber reden, wen sie als nächstes knallen sollen? Die auf den Kiez gehen, an Silvester, um Frauen abzuschleppen, aber im echten Leben von Mama von früh bis spät betütelt werden? Oder eine Prostituierte, die sich – auch wenn sie daran Geld verdient – an Männer ranmacht, die einsam zu sein scheinen, und dabei auf den Ton und auch die Befindlichkeiten der Mitmenschen achtet und respektvoll mit diesen umgeht?

Manchmal frage ich mich, warum wir Menschen uns gegenüber uns selbst so sehr versündigen. Und dann erinnere ich mich daran, dass wir alle Menschen sind. Leider sind Menschen eben voller Fehler.

In diesem Sinne – ein frohes Neues.

Veröffentlicht von Akif Sahin

Akif Sahin - Autor, Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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