Die Neuauflage der Deutschen Islam Konferenz (Islamkonferenz) wird meiner Meinung nach keinen wirklichen Fortschritt für die Muslime in Deutschland bringen. Dafür sind wir einfach in den vergangenen 12 Jahren mit zu viel Erwartungen und vor allem leeren Versprechungen bei jedem neuen Anlauf abgespeist worden. Es macht keinen Sinn, sich diesmal andere Hoffnungen zu machen. Allerdings ist etwas an dieser Konferenz anders: Neben den bekannten Islamhassern, die sich immer wieder lautstark zu Wort melden, gibt es auch alternative Konstrukte, wie den Liberal-Islamischen Bund oder die neue Alhambra Gesellschaft.

Diese immer noch jungen und vor allem unverbrauchten Organisationen bringen frischen Wind in die Islamkonferenz. Das wirkt sich nicht nur thematisch aus, es ist auch eine neue Form von Agendasetting. Die jungen Wilden bringen vor allem inhaltliche Inputs und bestechen nicht durch eine lautstarke Präsenz, sondern durch Stärke in den Inhalten. Das zeigt sich beispielsweise in den Diskussionen im Plenum, genauso wie in den Inputbeiträgen. Aydın Süer, stellvertretender Vorsitzender der Alhambra Gesellschaft, zeigte mit seinem Inputvortrag „Muslime in Deutschland – Deutsche Muslime“ eine neue Form des Intellekts bei einer solchen Veranstaltung.

Verlierer der Deutschen Islam Konferenz (Islamkonferenz) ist der Islamrat bzw. die IGMG

Die Wahrnehmung von kleinen und immer noch stark unbekannten Organisationen und Einzelpersonen nimmt zu. Das liegt aber nur zum Teil an der Medienberichterstattung über diese Gruppierungen und Persönlichkeiten. Es liegt auch an einer neuen Welt, in der es nicht mehr auf die Größe ankommt, sondern um die Inhalte und Positionen. Hier haben die kleinen Akteure ihre Hausaufgaben gemacht, während größere Akteure schon bei den Vorbereitungen zur Islamkonferenz eher mit gedanklichen und personellen Absurditäten auf sich aufmerksam gemacht haben.

Ein großer Verlierer der neuen Islamkonferenz lässt sich jedoch schnell ausfindig machen. Der Islamrat für die Bundesrepublik, respektive sein größter Verband, die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG). Dessen Generalsekretär bzw. stellvertretender Generalsekretär Murat Gümüs ätzt auf Twitter darüber rum, dass es bei der Islamkonferenz an keiner Stelle um Islamfeindlichkeit gehe. Dabei hatte der Islamrat durchaus die Möglichkeit ein solches Thema auf die Agenda zu setzen, indem es sich beispielsweise hätte konstruktiv in den Vorbereitungen einbringen können. Stattdessen wird jetzt gejammert und gemeckert. 

Keine Vertreter des Islamrats auf den Podien, keine Inhalte

Das liegt vermutlich auch daran, dass kein Akteur und Vertreter des Islamrates bei einem der stattfindenden Podien überhaupt vertreten war. Der Islamrat hat faktisch auf der Islamkonferenz keine Rolle gespielt. Auch der Vorsitzende des Islamrats, Burhan Kesici, hat sich bei der Konferenz nicht blicken lassen. Stattdessen wurde eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der weiterhin – wie im bekannten Diktus von Ali Kizilkaya – gegen einen „deutschen Islam“ Position genommen wird. Wahrgenommen, geschweige denn wirklich über die PM mit dem Titel „Wir werden reden müssen“ berichtet wurde jedoch so gut wie gar nicht. Anscheinend gibt es auch nichts mehr mit dem Islamrat zu bereden. Die Akteure sind in ihrer Wahrnehmung bedeutungslos geworden, so wie es auch Andrea Dernbach in ihrer Analyse zur DIK im Tagesspiegel darstellt. Und wenn man sie in öffentlichen Debatten erwähnt, dann eher wegen populistischer Tweets von Funktionären.

Das liegt auch an der Positionierung selbst und einem fehlenden Konzept für die Zukunft des Islamrates bzw. der IGMG. Dass das Problem demnächst noch größer wird, dürfte sich erschließen, wenn man nach Niedersachsen schaut. Dort ist der frühere Vorsitzende der SCHURA, Avni Altiner, gerade dabei einen neuen Verband zu gründen, der als Alternative zur DITIB und zur SCHURA dastehen soll. Wie es aus Insider-Kreisen heißt, soll der Verband vor allem unzufriedene SCHURA-Mitglieder abwerben. Und auch hier hat der Islamrat bzw. die IGMG eine Rolle. Der amtierende SCHURA-Vorsitzende ist aus den Reihen der IGMG und scheint seine eigenen Mitgliedsverbände nicht mehr zu verstehen.

Das Ende der SCHURA-Konstrukte droht

Sollte das Konstrukt SCHURA Niedersachsen am Ende scheitern, könnte es auch einen Dammbruch bedeuten. Denn auch in Hamburg, wo die SCHURA immer wieder für negative Schlagzeilen gesorgt hat, gibt es schon seit Jahren Bemühungen um eine separate Platzierung eines neuen Verbands – zuvorderst auch vom Zentralrat der Muslime, der sich immer wieder als Ansprechpartner für die Politik positioniert. Das könnte mit einem Ende der SCHURA in Niedersachsen auch den Zerfall und die Bedeutung dieser Konstruktionen im gesamten Bundesgebiet bedeuten. Vor allem aber einen weiteren Macht- und Bedeutungsverlust für den Islamrat.

So scheint die Islamkonferenz nur ein Vorbote für die Zukunft zu sein. Große Islamverbände verlieren weiter an Bedeutung, während junge Organisationen wachsen und inhaltliche Akzente setzen können.

Veröffentlicht von Akif Sahin

Akif Sahin - Autor, Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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