Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin, hat sich in ihrer aktuellen Kolumne bei T-Online gegen Gebetsräume und muslimische Gebete an Universitäten ausgesprochen. Kaddor fordert quasi von Musliminnen und Muslimen, ihre Religion abzulegen, wenn sie sich zur Universität begeben und sich vom Gebet fernzuhalten. Das mag sich für die Mehrheit der Gesellschaft, vermutlich sogar die Mehrheit der Musliminnen und Muslime in diesem Land, richtig anhören, ist aber im Grunde nur die Aushöhlung des säkularen gesellschaftlilchen Raumes für Toleranz. Die Einlassungen zeigen aus meiner Sicht sehr deutlich, dass es Frau Kaddor an einer Empathie gegenüber Musliminnen und Muslimen fehlt. Dabei können gerade selbstverwaltete Gebetsräume sinnvoll sein, wenn sie an oder in der Nähe der Universitäten verankert werden.

Wie alle Menschen in Deutschland, sind auch Musliminnen und Muslime Individuen und entsprechend auch individuell unterschiedlich ausgeprägt. Manche nehmen ihren Glauben ernst, andere hingegen sind nur „Kultur-Muslime“, die nicht einmal richtig an Gott glauben. Wenn jemand seinen Glauben jedoch ernst nimmt und sich verpflichtet fühlt, seine Gebete fünf Mal mal am Tag zu verrichten, dann ist das eine persönliche Entscheidung, die großen Respekt verdient. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit ist uns in diesem Land garantiert, auch wenn diverse Akteure immer wieder versuchen, diese verfassungsmäßigen Grundsätze in Frage zu stellen.

Man kann seinen Glauben oder seine Gesinnung nicht einfach ablegen

Man kann als Muslim, genauso wenig wie als Christ oder Jude, seinen Glauben nicht einfach ablegen, wenn man die Pforte zur Universität betritt. Ebenso wenig kann man seine weltanschauliche Meinung nicht einfach zur Seite stellen. Dies ist Wunschdenken und man muss die Individuen entsprechend fördern und sie nicht stigmatisieren. Doch genau diese Fehler werden im Umgang mit Menschen – auch durch die Kolumne von Kaddor – begünstigt und befürwortet. Dabei ist das genau der erste Schritt, der uns in eine neue Dimension treibt: Stigmatisierung.

Wer sein Gebet verrichten möchte, wird hier ausgegrenzt. Die Toleranz, die wir in diesem Lande hochhalten, scheint aufgebraucht, wenn man plötzlich anfängt Minderheiten vorschreiben zu wollen, was sie dürfen sollen und was nicht. Was kommt als Nächstes? Verbot von Kopftüchern oder Kippas an Universitäten? Ebenso bleibt auch die Frage nach der Toleranzschwelle: Wie muslimisch darf man eigentlich sein, damit man auf die Uni darf? Wie weit rechts? Wie weit links? Wie säkular oder atheistisch? Ich hoffe es ist klar geworden, in welchen Gesinnungsterrorismus solche Ideen von Verboten führen können.

Gebetsräume an Universitäten machen Sinn

Ich selbst habe bereits 1998 den Bedarf an einem Gebetsraum an der Universität Hamburg gesehen. Damals wurde von der Universität für die Zeit des Freitagsgebets freundlicherweise ein Gebetsraum zur Verfügung gestellt. Dies war aber kein Anrecht, sondern eine Geste des freundschaftlichen Willens. Der Raum wurde für das Freitagsgebet hergerichtet und nach dem Gebet wieder abgebaut. In allen anderen Phasen haben sich Musliminnen und Muslime immer wieder alternative Plätze gesucht.

Viele Musliminnen und Muslime verrichteten das Gebet beispielsweise in den letzten Stufen des Treppenhauses im WiWi-Bunker oder in der Staatsbibliothek. Manche Freitagsgebete fanden in dunklen Kellern von verschiedenen Gebäuden unter Geheimhaltung statt. Diese Handlungen wurden von der Verwaltung der Universität geduldet, bis es schließlich zu einem Raum der Stille kam, der eben auch als Rückzugsort für das muslimische Gebet genutzt werden durfte und darf. Das ist allerdings keine Selbstverständlichkeit und aktuelle Diskussionen an anderen Universitäten zeigen auch, dass das Thema durchaus kontrovers ist.

Es fehlt an Ideen und Visionen bei muslimischen Selbstorganisationen

Ich persönlich halte nicht mehr viel von der Idee eines Raumes der Stille. Solche Räume, die vor allem der interreligiösen Idee geschuldet sind, haben sich selbst überlebt. Tatsächlich sehe ich eher ein Defizit in der muslimischen Selbstorganisation an Universitäten. Wir haben beispielsweise Dachverbände wie RAMSA oder übergeordnete Gruppen für Verbandsmuslime, wie der vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachteten IGMG-Students, die allesamt vorgeben, die Interessen von muslimischen Studentinnen und Studenten zu vertreten.

Leider fehlt es der Selbstorganisation aber an Ideen für eine räumliche Etablierung an Universitäten. Dabei hätte sich die muslimische Selbstorganisation in Deutschland längst dieser Thematik widmen können. Denn Gebetsräume für Musliminnen und Muslime gehören an jede Universität. Sie müssen in Selbstverwaltung sein und nicht eine „freundliche“ Geste, sondern selbst gestaltete und auch angemietete Räumlichkeiten darstellen. Denn nur so kann man den Gedanken eines muslimischen Gebetsraumes auch weiterdenken und unabhängig agieren.

Raum für Begegnungen, Kunst und Kultur wäre möglich

Wenn man beispielsweise in Universitäts-Nähe eine Räumlichkeit anmietet, die genug Raum für eine Leseecke und Bibliothek, für einen Gebetsraum, für Waschmöglichkeiten und ein kleines Bistro bietet, dann wären wir längst unabhängig von Interessen einer wechselnden Universitäts-Führung und falsch verstandener Toleranz entfernt. Begegnungsstätten, wie es sie bereits bei der Evangelischen Hochschulgemeinde oder der Katholischen Hochschulgemeinde gibt, sind auch ein Trend, den die Musliminnen und Muslime leider mehrheitlich verpasst haben. Dabei gab es durchaus solche Ideen und auch erste Gehversuche.

In Hamburg hatte beispielsweise die Islamische Hochschulgemeinde Anfang der 2000er Jahre direkt in Campus-Nähe eine solche Räumlichkeit angemietet. Die Räumlichkeiten beherbergten einen Konferenzraum, ein Büro, einen Gebetsraum und Waschmöglichkeiten, sowie eine kleine Küche. Es gab ein buntes Wochenprogramm, und die Verwaltung der Räumlichkeiten lag vollkommen in der Hand von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Neben Wissensvermittlung, Beratungs- und Seelsorgeangeboten, gab es eben für alle einen Raum für Rückzug und Gebete. Der Ort war aber auch ein Raum für Begegnungen, Kunst und Kultur. Leider musste das Objekt aufgegeben werden und die Idee wurde nie wieder aufgenommen und verfolgt.

Wer an Universitäten heute einen „Raum der Stille“ fordert, oder einen Gebetsraum, verbaut sich damit die Option auf eine Alternative. Denn muslimische Studentinnen und Studenten suchen gerade an Universitäten soziale Zentren, die sie so akzeptieren, wie sie sind. Das scheinen aber weiterhin viele in der muslimischen Selbstorganisationen nicht verstanden zu haben. Sie fordern Räumlichkeiten, statt selbst welche zu schaffen. Oft werden dann auch Kosten als Hindernis dargestellt. Dabei hätte man genügend Ressourcen für solche Ideen und Umsetzungen, wenn denn nur der Wille da wäre.

Diskussion von Eliten aus ihren Elfenbeintürmen heraus

Auf der anderen Seite gibt es dann Kolumnisten, wie Lamya Kaddor, die eben das muslimische Subjekt vereinfachen und ihm erklären wollen, was es alles nicht darf. Es fehlt auf beiden Seiten an Visionen. Außerdem ist die Empathie nicht vorhanden, dass es durchaus Musliminnen und Muslime gibt, die in einen Gewissenskonflikt geraten, wenn sie das Gebet nicht zeitig und an der Universität verrichten können. Das zeigt, dass die Diskussionen um Gebetsräume an Universitäten von Eliten geführt wird, die mit einfachen Muslimen, die sich als religiös empfinden und ihren Glauben auch praktisch im Alltag leben möchten, nichts anfangen können.

Ich kann ja verstehen, wenn Universitätsleitungen mit solchen Dingen überfordert sind, wenn es aber Eliten sind, die sich selbst als muslimisch und Experten hervortun, dreht sich bei mir aber der Magen. Es mag mehrheitlich gut ankommen, wenn man abgehoben fordert, das Gebet von der Universität zu verbannen. Es ist aber schlichtweg eine Kampfansage gegen die Vielfalt in unserem Land. Das ist schade, denn die Minderheiten in diesem Land, die eben auch im Berufsleben und auch an der Universität ein kurzes Gebet und damit eine spirituelle Pause einlegen, sind eine Bereicherung. Eine Stigmatisierung von Menschen, die einfach nur beten möchten, zeigt die Entrückung und das Fremdsein.

Wer von seinem Elfenbeinturm aus, die Belange und Bedürfnisse von einfachen Muslimen kleinredet, dies mit religiöser Meinung versucht zu unterfüttern und dafür auch die Gefahr des Islamismus beschwört, hat kein ehrbares Anliegen. Statt den Menschen ins Zentrum der Überlegungen zu stellen, wird das eigene Ego und das eigene selbst ins Zentrum gelegt. Ohne Rücksicht auf die (psychischen wie physischen) Konsequenzen für eine Minderheit in einer Minderheit. Solche Menschen diskreditieren sich für ernsthafte Auseinandersetzungen zu wichtigen Themen, die alle Musliminnen und Muslime in diesem Land betreffen.

Published by Akif Sahin

Akif Sahin - Autor, Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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