Social Comparison Bias (bei Muslimen)

Social Comparison Bias (bei Muslimen)

Vor längerer Zeit wurde ich gebeten, eine Aushilfe für ein anstehendes Projekt bei meinem damaligen Arbeitgeber zu finden. Ich habe rund 30 verschiedene Bewerbungen auf die vakante Stelle erhalten und musste mich für einen Kandidaten oder eine Kandidatin entscheiden. Mir war es wichtig, für die Position eine fachlich geeignete Person auszusuchen, die auch viele Kompetenzen und Verantwortungsbewusstsein mitbringt. Die Wahl fiel auf eine junge Frau. Sie hatte bereits zwei Bachelor-Abschlüsse mit Bestnoten, mehrere Jahre im Ausland gelebt, machte ihren Master-Abschluss an der Uni Hamburg, suchte einen Studentenjob und war ideal für die Position geeignet. Das einzige Manko, das gegen sie sprach: Sie war in fast allen Bereichen besser als ihr zukünftiger Vorgesetzter.

Für mich war gerade das ein Grund dafür, sie erst recht als Mitarbeiterin bei uns haben zu wollen. Das ist jedoch ungewöhnlich. Normalerweise tendieren gerade Vorgesetzte dazu, Menschen einzustellen oder in ihrem Team zu haben, die eben nicht besser sind, als sie selbst. Das ist ein Resultat des Social Comparison Bias. Man möchte nicht Jemanden dabeihaben, der einem die eigene Position streitig machen könnte. Also stellt man Personen ein, von denen man glaubt, dass sie weniger qualifiziert sind als man selbst. Das Problem hierbei ist jedoch, die Qualität der Arbeit leidet darunter. Und sie wird weiter leiden, wenn beispielsweise unqualifizierte Personen erneut Jemanden einstellen oder ins Team holen, der oder die sogar noch unqualifizierter sind.

Wenn man erlebt, wie inkompetente Leute befördert werden, entfremdet das einen und man identifiziert sich nicht mehr mit der Sache

Teams in denen Vorgesetzte und Mitarbeiter immer wieder von Neuem Leute einsetzen, die schlechter sind als man selbst, werden am Ende dermaßen mit Versagern aufgebläht, dass es gar nicht mehr gut gehen kann. Man sprach früher von Beförderungen bis zur Inkompetenz. Heute ist es Teambuilding mit Loosern, die schlechter sein müssen, als die Vorgesetzten oder andere Teile des Teams. Eine solche Herangehensweise habe ich mir glücklicherweise nie antrainiert. Ich kann es nur nicht leiden, wenn Jemand vom Charakter und von seiner Art her verdorben ist. Ich habe deshalb auch voller Lob über unsere neue Mitarbeiterin gesprochen, weil sie perfekt auf die Position und gleichzeitig zur Firmenkultur gepasst hat.

Doch wie kommt es, dass ich dem einfachen Reflex bzw. der einfachen Handhabe des Themas ausgewichen bin? Wie kann man solche Fehler vermeiden? Die Kurzversion lautet: Es hat mit meiner Vergangenheit in der muslimischen Community, besser gesagt in mehreren muslimischen Verbänden zu tun. Ich habe viel zu oft selbst miterlebt, wie inkompetente Personen an Positionen gebracht wurden, wo sie nicht hingehörten. Und wie andere sich an ihre Stühle klammerten und alle abschossen, die ihnen gefährlich werden konnten. Auf der Strecke blieben all diejenigen, die sich eigentlich engagieren wollten, die aber ausgegrenzt wurden.

Social Comparison Bias in muslimischen Verbänden

Ich bin in eine Organisation hineingeboren, die immer wieder gute Leitsätze hatte, die aber nicht gehalten wurden. Ein Beispiel war immer „Übergebt eine Aufgabe immer dem Experten bzw. Fähigen.“  Es war eine prophetische Richtschnur. Denn auch Muhammad (saw) hat Aufgaben nach Fähigkeiten und Kompetenzen verteilt. Im Vergleich zum prophetischen Vorbild konnte man in vielen Verbänden und Organisationen immer wieder das menschliche Versagen beobachten und viel davon lernen. Aufgaben wurden so gut wie nie den Personen aufgetragen, die eigentlich Kapazitäten frei hatten oder überhaupt zur Lösung des Problems fähig waren. Stattdessen handelten alle nach dem Social Comparison Bias.

So gut wie kein Muslim in den vielen Verbandsorganisation war bereit, seinen Posten zu räumen, wenn es Personen gab, die besser waren als man selbst. Das ist auch einer der Gründe, warum in Verbänden seit mindestens zehn Jahren immer das gleiche Gesicht oder das gleiche Personal anzutreffen ist. Oder haben Sie schon mal davon gehört, dass ein muslimischer Verbandsfunktionär freiwillig seinen Posten geräumt hat, weil die jüngere Generation das alles besser kann? Oder, dass ein Verbandsfunktionär seinen Posten einer Frau überlassen hat? Ein Resultat war eben, dass man am eigenen Stuhl festgeklebt und sich lieber mit Ja-Sagern und Leuten, die faktisch keine Probleme machen, umgeben hat. Heute sind fast alle großen Verbände diesem Problem aufgesessen. Die klugen Köpfe sind schon längst weiter gezogen und arbeiten an erfolgreichen Projekten, die die Verbände gerne machen würden. Ihnen fehlt aber schlicht fähiges und kompetentes Personal.

Social Comparison Bias bei möglicher Konkurrenz

Wenn man heute einen Plan für eine muslimische Gemeinschaft machen möchte, dann sollte man sich das Ziel setzen, in vier Jahren oder spätestens in acht Jahren mindestens einen Nachfolger präsentieren zu können. Sonst ist alles für die Katz und man hat nicht nachhaltig gearbeitet. Wie schnell der intellektuelle und strukturelle Zerfall folgen kann, sehen wir gerade aktuell an zahlreichen Beispielen aus der muslimischen Community und solche Probleme werden weiter zunehmen. Die Funktionäre machen ihre Verbände letztlich kaputt. Die Lösung kann nur sein, dass man langfristig und auch nur in kurzen Phasen arbeitet. Und man muss bessere Köpfe finden, als man selbst und diese zum Engagement motivieren – ohne Rücksicht darauf, ob man die eigene Position verlieren könnte.

Doch der Social Comparison Bias trifft uns auch auf anderen Ebenen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie scharf die Kritik an meiner Person war, als ich zwischenzeitlich als Journalist am Aufbau eines Online-Magazins tätig war. Einige Menschen haben das zum Anlass genommen, hinter meinem Rücken her Kritik zu äußern aber auch Rufmord zu betreiben. Ich habe mich aber um meine Arbeit gekümmert, war fair in der Berichterstattung und vor allem habe ich vielen mit meiner Arbeit aufgezeigt, wie man bestimmte Dinge – gerade im Bereich des Journalismus mit Bezug zu Muslimen – verbessern kann. Doch statt über meine noch besseren Kollegen in anderen journalistischen Blättern herzuziehen, habe ich auch immer wieder auf ihre besonderen Arbeiten aufmerksam gemacht. Denn das gehörte dazu: Es gibt eben wenig muslimisch geprägten Journalismus. Wir müssen uns alle unterstützen und auch zusammenhalten.

Es fehlt an Vielfalt und auch einem Umdenken – Zurück zu den Wurzeln

Das ist das Problem, was wir bis heute haben. Wir wertschätzen die mögliche Vielfalt nicht und auch mir kommt es manchmal wie ein schlechter Scherz vor. Es gibt auch bei mir Momente, in denen ich zögere z. B. meine Unterstützung für eine gelungene Reportage oder ein Interview zu zeigen. Doch genau diese Unkultur verhindert, dass wir alle wachsen und uns weiterentwickeln. Wir müssen – gerade als Muslime und gerade als Angehörige einer religiösen Minderheit in diesem Land – eben doch nach dem prophetischen Grundsatz leben: „Was du für dich selbst wünscht, das musst du auch für deine Glaubensgeschwister wünschen!“

Solange wir das nicht schaffen und immer noch voller Neid auf unsere Geschwister blicken, die Erfolg haben, weil sie hart an sich und an ihren Projekten arbeiten, sind wir – streng betrachtet – keine guten Muslime.  Es braucht mehr als nur ein halbherziges Gönnertum. Es braucht bedingungslose Unterstützung. Und vielleicht überlegt man sich dann, bei der nächsten Interview-Anfrage, ob man nicht stattdessen lieber die eine Schwester empfiehlt, die letztens einen tollen Essay in ihrem Blog geschrieben hat oder doch den Bruder, der als Journalist einen tollen Kommentar auf S. 3 einer überregionalen Zeitung gehabt hat. Es braucht jedenfalls einen Wandel in unserem Denken und in unserem Handeln. Wir müssen die empfehlen und fördern, die besser sind als wir selbst. Anderenfalls werden wir das tun, was Organisationen und Gemeinschaften langfristig in die Bedeutungslosigkeit befördert:

Wir werden allen Anderen und uns selbst im Weg stehen.

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