Ich bin zwar ein Freund der Hauptstadt und besuche Berlin gerne, aber mit einer kleinen Familie ist es doch immer irgendwie kompliziert mal kurz in eine fremde Stadt zu gehen. Zeit meines Lebens habe ich immer damit verbracht Städte alleine zu erkunden und dabei keine Rücksicht zu nehmen. Meine Frau kennt das von mir und war froh, dass sie so einen Typen geheiratet hat. Wir haben so viele verschiedenste Städte in Europa bereits gemeinsam erkundet gehabt.

Doch die Dinge ändern sich. Seit der Geburt unserer Tochter vor vier Jahren und nun auch unseres Sohnes vor sieben Monaten, haben wir kaum eine gemeinsame Städtereise oder einfach nur einen Trip gemacht. Selbst Urlaub wurde eher getrennt – mit einigen Phasen zusammen – geplant. Wir hielten es für das Bessere, denn mit Kindern gemeinsam Reisen und eine Stadt erkunden kann kompliziert sein.

Langsam zum Ziel

Zu dem Trip am Wochenende in Berlin musste mich meine Frau quasi zwingen. Ich hab immer wieder Dinge vorgeschoben, teilweise sogar unbewusst, um den Trip doch abzusagen. Doch am Ende stimmte alles, selbst mein Arbeitgeber gab mir den notwendigen Freitag den 13. frei. Also sind wir gemeinsam, neben Frau, Tochter und Sohn sowie meiner jüngsten Schwägerin, nach Berlin gefahren.

Die Autofahrt alleine am Freitag dauerte fünf Stunden. Das war nicht dem ohnehin schlechten Zustand der Straßen und den vielen Reisenden zuzurechnen. Ich bin halt, wie es sich für einen fürsorglichen Vater gehört, nicht gerast. Habe ich solche Strecken früher mal locker in 2 – 3 Stunden, je nach Verkehrslage, absolviert, so fuhr ich diesmal nicht schneller als die ohnehin meistens erlaubten 120. Das sparte nicht nur den Verbrauch, wir sind chillig und stressfrei angekommen.

Spontan-Modell

Statt eines Programms hatte meine Frau eine blendende Idee. Sie hat sich für das Spontan-Modell entschieden. Wir haben quasi alles einfach nur spontan und auf Zuruf entschieden. Also besuchten wir spontan – bereits einen Tag vor dem eigentlich geplanten Termin – einen alten Jugendfreund und seine Frau bei unserer Ankunft. Die beiden waren erst kürzlich, das erste Mal Eltern geworden. Wir hatten Geschenke dabei und so lernten sich unsere kleinsten auch einmal kennen.

Kinder lernten sich beim Spielen kennen
Kinder lernten sich beim Spielen kennen

Danach ging es ins Hotel. Für den Abend war nichts mit der Familie geplant. Wir haben nur gemeinsam am Kotti, wo auch das Hotel gelegen ist, zu Abend gegessen. Danach habe ich mich mit zwei alten Kumpels aus meiner Jugend getroffen. Wir saßen in einer kleinen Bar und haben über Politik, alte Zeiten und sehr kontroverse Themen gesprochen. Was mir aufgefallen ist: Menschen können sich mit der Zeit sehr verändern. Was mir nicht gefallen hat: Meine Kumpel sind der Meinung, ich hätte mich gar nicht verändert.

Selbst- und Fremwahrnehmung

Interessant fand ich, dass man mir sagte, ich hätte vielleicht meine Toleranzgrenze für bestimmte Dinge verändert, aber sei eigentlich immer noch der Typ, der sich gerne sofort in eine Art Opposition begibt, um dann am Ende doch die gleiche Meinung mit anderen Argumenten zu vertreten. Ich fand das interessant. Denn zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung gibt es deutliche Unterschiede. Ich bin nämlich nicht der Meinung, dass sich meine Toleranzgrenze irgendwie verändert hätte.

Kreuzberg Merkezi - Am Kotti in Berlin
Kreuzberg Merkezi – Am Kotti in Berlin

Ich glaube eher, dass ich in diesem Bereich eher radikaler geworden bin. Wenn mir etwas nicht passt, dann bin ich konsequenter im Umgang und zappele eigentlich nicht mehr lange. Auch gibt es eine Werteverschiebung: Ich bin immer noch konservativ, aber ich bin auch deutlich liberaler, als noch vor zehn Jahren. Das wird mir auch immer wieder deutlich, wenn ich alte Blogtexte von mir selbst zufällig lese.

Akzeptanz statt Toleranz

Es war ein fabelhafter Abend. Letztlich habe ich erkannt, dass ich diese paar Menschen, die heute nicht mehr ein Teil meines normalen sozialen Umfelds sind, sehr stark vermisst habe. Mir fehlen tatsächlich die Gespräche, die Lästereien aber auch der Austausch. Und für mich ist noch eines sehr deutlich: Um Toleranz geht es mir schon länger nicht mehr. Ich arbeite daran, jeden Menschen so zu akzeptieren, wie er ist. Das gleiche wünsche ich mir aber auch für mich selbst, von Anderen.

Am Samstagmorgen ging es erneut zu den Freunden vom Vortag, diesmal allerdings zum Frühstück. Ich habe mir den Prenzlauer Berg und den Park dazu ein bisschen genauer angeschaut. Das letzte Mal, als ich da gewesen bin, gab es am Sonntag auf dem Parkgelände auch einen Flohmarkt. Der findet anscheinend jeden Sonntag statt, weshalb mir die Ecke auch so bekannt vorkam, obwohl es am Samstag ziemlich leer ausschaute.

Berliner Zoo

Nach dem Frühstück machten wir uns auf zum Berliner Zoo. Wir haben den Tiergarten erkundet und uns auch die Panda-Bären angeschaut. Es war vermutlich das erste Mal in meinem Leben, dass ich bestimmte Tierarten überhaupt gesehen habe. Es war nicht meine Idee in den Zoo zu gehen. Das Konzept eines Zoos bleibt einfach falsch. Aber ich muss sagen, ich war schon etwas angetan, echte Zebras, Flamingos, Elefanten, Wölfe, Affenarten, Eisbären, Nashörner und Giraffen lebendig, und doch mit etwas Abstand, gesehen zu haben.

Auf diesem Bild versteckt sich ein kleines Reh - Berliner Zoo
Auf diesem Bild versteckt sich ein kleines Reh – Berliner Zoo
Giraffen im Berliner Zoo
Giraffen im Berliner Zoo
Zebras im Berliner Zoo
Zebras im Berliner Zoo

Meiner Tochter gefiel der Trip ebenfalls. Sie wollte, weil ihr die Pandas so sehr gefallen hatten (sie war gleich zwei Mal drin), auch einen Plüschpanda als Kuscheltier. Ich habe ihr den Wunsch natürlich erfüllt. Für mich selber sprang dabei auch etwas raus. Ich habe eine hölzerne Box gekauft, in der sich Samen für einen Riesenbambus befinden. Ich werde versuchen diese Pflanze mal selbst aufzuziehen. Vielleicht klappt es ja diesmal mit dem Grünen Daumen 🙂

Neue Bekanntschaften

Nach dem Zoo ging es schließlich noch zum Eis Essen nach Neukölln zu einem bekannten Eisverkäufer. Wir waren ziemlich platt, aber nach dem Abendessen wollte meine Schwägerin unbedingt noch ihre Freunde besuchen. Ich versprach ihr, sie abzuholen. Doch es kam gar nicht dazu. Stattdessen wurden wir von ihren Freunden gleich miteingeladen, weshalb wir mit ein bisschen Verspätung nach ihr eintrafen und mehrere tolle, erfolgreiche und interessante Personen kennenlernen durften.

Spektakulär war dabei auch die Einladung: „Schwagerchen, du und meine Schwester sollen auch kommen. Sie wollen euch kennenlernen. Und ich soll dir sagen: Hier ist immer eine offene Tür für Leute, die ‚Teşkilat‘ verlassen haben.“ Es war eine der „nettesten“ Einladungen in letzter Zeit. Ich konnte nicht widerstehen und hab es auch nicht bereut. Ich hoffe die Gastgeber auch nicht. Es war aus meiner Sicht ein sehr lustiger Abend, mit vielen „Anekdoten“ und Fragen. Da war die obligatorische Einladung nach Hamburg mehr als nur eine Floskel, sondern eine ernst gemeinte und von tiefem Herzen kommende Geste. Ich glaube, wir haben mindestens eine neue Bekanntschaft.

Tempelhofer Feld und Şehitlik Moschee

Heute ging es hingegen erst einmal zum Frühstücken nach Neukölln. Danach sind wir zum Tempelhofer Feld gefahren und haben dort den in der Nähe liegenden Park besucht. Natürlich durfte ein Abstecher zur Şehitlik Moschee  nicht fehlen. Und während alle noch ihren Tee im Vorhof schlürften, bin ich kurz zum Friedhof auf der anderen Seite. Auch wenn man es nicht glauben mag, ja, auch ich habe dort mittlerweile Freunde begraben liegen. Ein Bittgebet und ein bisschen Wasser für ihre Gräber, das Mindeste was man tun kann.

Şehitlik Moschee in Berlin - Hauptgebäude von Außen
Şehitlik Moschee in Berlin – Hauptgebäude von Außen
Şehitlik Moschee in Berlin - Hauptgebäude von Innen
Şehitlik Moschee in Berlin – Hauptgebäude von Innen
Şehitlik Moschee in Berlin - Hauptgebäude von Innen
Şehitlik Moschee in Berlin – Hauptgebäude von Innen
Şehitlik Moschee in Berlin - Kuppel von Innen
Şehitlik Moschee in Berlin – Kuppel von Innen

Wirklich über die Şehitlik Moschee gefreut hat sich meine Tochter. In Hamburg gibt es keine repräsentativen Bauten, die nach dem osmanischen Stil gehalten aufgestellt worden sind. Gerade der Innenraum der Şehitlik lud sie quasi dazu ein, herumzurennen. Es ist schön, wenn sich Kinder in einer Moschee gleich von Anfang an wohlfühlen können und keine Berührungsängste kennen. Diese Kultur muss man erhalten und pflegen.

Mehr möglich machen!

Im Anschluss daran verabschiedeten wir uns noch von unseren Freunden und sind dann den Heimweg zurück nach Hamburg angetreten. Ich bin froh, dass meine Frau mich quasi zu diesem Trip gezwungen hat. Es tut mir auch nicht leid, um die Kosten, die entstanden sind. Auch hat mir das wieder gezeigt: Als Eltern machen wir uns viel zu viele Sorgen und setzen uns unnötigerweise Grenzen. Wir sollten lieber über das Möglichmachen sprechen, als über Hindernisse und Probleme.

Es war aber auch einfach mal wieder notwendig aus der eigenen Stadt und den eigenen vier Wänden heraus zu kommen. Man lernt durch Reisen, seien sie auch nur so klein, so vieles Neues. Und auch ein solcher Kurzurlaub lässt einen gestärkt wieder in die neue Woche blicken. Alhamdulillah.

P.S. Bei diesem Trip hat es von mir ein paar längere Bewertungen als Google Local Guide für folgende Einrichtungen gegeben: Konyalı, İzmir Köfteci, Mas y Mas, A&O Hostels, La Femme, Şehitlik Moschee,  Smyrna Kuruyemiş, Aldemir Eis, Berliner Zoo. Ihre könnt meine Kurz-Rezensionen über diesen Link hier nachlesen.

Veröffentlicht von Akif Sahin

Akif Sahin - Autor, Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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