MiGAZIN: Fördert Grimme Online Preisträger Glücksspielsucht?

MiGAZIN: Fördert Grimme Online Preisträger Glücksspielsucht?

Das MiGAZIN ist in der migrantischen Community eine beliebte Plattform. Hier findet man oft, abseits des Mainstreams, tolle und interessante Beiträge zum Thema Migration in Deutschland. 2012 wurde die Website für ihre Arbeit mit dem Grimme Online Award (GOA) ausgezeichnet. Damals hieß es noch in der Laudatio: „Weniger Sarrazin, mehr MiGAZIN“. Heute muss man allerdings festhalten, dass die Website-Betreiber es anscheinend mit journalistischen Standards und der Moral nicht so genau nehmen.

In Kürze: Das MiGAZIN platziert anscheinend, ohne Hinweis und Kennzeichnung, sog. Sponsored Links und Sponsored Content auf der Website – unter anderem auch mit Links zu Glücksspielanbietern in Beiträgen, die sich eigentlich dem Thema Sucht-Prävention widmen.

Doch der Reihe nach: Aufmerksam bin ich heute darauf geworden, als ich in einem, mittlerweile gelöschten, Tweet des MiGAZIN Accounts den Hashtag #pcontent neben einem Link zu einem neuen Artikel auf der Website gesehen habe. Das kam mir spanisch vor, denn den Hashtag kenne ich. Vor einigen Jahren hat sich eine Kommunikations- und Werbeagentur, mit Sitz im europäischen Ausland, bei mir gemeldet, die unter einem solchen Tag in Beiträgen von mir Links von Kunden unterbringen wollte. Ich habe diesem Anbieter abgesagt, weil es sich um Content für Glücksspiel-Angebote und glücksspielähnliche Online-Spiele handelte.

Screenshot vom mittlerweile gelöschten Tweet auf Twitter.
Screenshot vom mittlerweile gelöschten Tweet des MiGAZIN-Accounts auf Twitter.

Blogger verdienen viel Geld mit Sponsored Content und Sponsored Links

Blogger können über solche Agenturen viel Geld verdienen. In diesem Geschäftsmodell bekommt man vorgeschriebene Artikel zugesendet, inkl. Bildern aus freien Netzwerken, wie Pixabay oder Flickr, und muss nur gewährleisten, dass 3-4 Links zu externen Quellen aufgeführt werden. Man wird quasi für die Links im Beitrag (Backlinks) bezahlt. Dabei wirkt es so, als hätten die Links mit dem Thema des Artikels (Sponsored Post) zu tun, es handelt sich aber um gezielte Werbung. Bloggern wird dafür mittlerweile – je nach Reichweite und Bekanntheit – in der Regel zwischen 100 – 1.000 € für drei Links und einen Beitrag geboten. Die Artikel müssen dabei oft für mindestens ein Jahr online bleiben. Es lohnt sich also durchaus finanziell. Ob das MiGAZIN, wegen einer finanziellen Klemme, einmalig oder als dauerhaftes Finanzierungsmodell auf diesen Zug aufgesprungen ist?

Denn der Blick auf den Artikel „Fußball WM 2018: Welche Teams haben die meisten Anhänger in Deutschland?“ [1] zeigt: Der Text ist professionell geschrieben und für Suchmaschinen optimiert. Das sage ich mit meiner professionellen Meinung als Marketing- und PR-Experte und jemand, der selbst Sponsored Posts immer wieder wirksam platziert. Es gibt sogar einen Link für die interne MiGAZIN-Seite und drei Links für externe Seiten, was durchaus professionell und SEO-mäßig perfekt gedacht ist. Aber nur eines dieser Links ist jedoch tatsächlich relevant. Es ist ein Link zum Wettanbieter „LVBet“. Wer den Link in dem Beitrag anklickt, kommt auf eine Seite in dem ihm ein 100 € Bonus versprochen wird. Das MiGAZIN kann diesen Link nicht einfach nur so gesetzt haben – jedenfalls wäre es ein sehr großer Zufall. Es wurde vermutlich dafür bezahlt.

Screenshot von einem Text auf MIGAZIN - Link zu LVBet
Screenshot von einem Text auf MiGAZIN – Link zu LVBet ist rot markiert

MiGAZIN profitiert von Glücksspielsucht – zweifach

Es ist bekannt, dass gerade in migrantischen Milieus die Glücksspielsucht ein ernstes Problem darstellt. Und auch das MiGAZIN hat über diese Problematik mehrfach geschrieben und berichtet. Die Artikel wurden auch von der Community kommentiert und auch geteilt. Das Thema Glücksspielsucht bewegt halt Menschen, gerade Migranten und Personen mit Migrationshintergrund. Deshalb ist das Verhalten von MiGAZIN in dem Fall mehr als suspekt und unverständlich. Schlimmer wird es jedoch, wenn man nach der Kategorie „pcontent“ auf dem MiGAZIN sucht. Dann stellt man plötzlich fest, dass anscheinend en Masse bereits solche Sponsored Links und Sponsored Posts ohne Kennzeichnung auf der Website veröffentlicht wurden. Doch was macht das Ganze so perfide oder schlimm?

Das MiGAZIN hat auch Beiträge veröffentlicht, die vorgeben, sich mit dem Thema „Prävention von Glücksspiel“ zu beschäftigen. [2] In diesen Beiträgen finden sich jedoch Links zu Slot-Angeboten, Glücksspielanbietern und anderen Formen von Glücksspielen und glücksspielähnlichen Angeboten. Angesichts der Tatsache, dass es eigentlich in den Beiträgen um Sucht-Prävention geht, es aber beispielsweise Links zu Spielotheken gibt, die in aller Regel auch keine Glücksspiellizenz für Deutschland besitzen, macht das Ganze einfach nur noch unglaublich. Es bleibt nicht nur ein übler Nachgeschmack, man wird wütend. Hier wird anscheinend nach Leuten gefischt, die diese Links anklicken.

MiGAZIN hat moralisch abgebaut und agiert sehr perfide

Doch vor allem moralisch scheint man beim MiGAZIN sehr stark abgebaut zu haben. War das MiGAZIN durchaus mal kompetent und auch seriös, so ist in diesem Fall festzustellen, dass man nicht nur gegen journalistische Standards verstößt (Werbung sollte und muss eigentlich bei solchen Angeboten immer gekennzeichnet werden) sondern auch gegen moralischen Anstand.

Wer Beiträge zum Thema Prävention von Glücksspielsucht einstellt, der verlinkt nicht Angebote von Firmen, die genau von solchen Süchten profitieren. Es ist völlig in Ordnung, wenn man mit Sponsored Links und Sponsored Posts Geld verdienen möchte, um das eigene Projekt zu stützen. Man sollte aber nicht den Weg gehen und eine Gruppe von Menschen, die sowieso als anfällig für Glücksspielsucht gelten, genau in diese Falle tappen lassen.

Das MiGAZIN fördert aus meiner Sicht, mit dieser Art der Berichterstattung und der fehlenden Kennzeichnung, das Abrutschen von Personen in die Glücksspielsucht, obwohl es vorgibt, genau darüber aufzuklären. Das ist nicht nur scheinheilig und heuchlerisch. Es ist besonders perfide.

Quellenhinweise:

[1] http://www.migazin.de/2018/06/25/fussball-wm2018-welche-teams-anhaenger/

[2] Hier einige solcher Beiträge mit Links zu weiteren Glücksspielanbietern bzw. glücksspielähnlichen Angeboten, die ich gefunden und heute (25.06.2018) persönlich eingesehen habe. Screenshots und Sicherungen der gesamten Seiten liegen entsprechend vor:

FUSSBALLWETTEN: Heimische Ligen locken mit Gewinnaussichten, http://www.migazin.de/2018/05/30/fussballwetten-heimische-ligen-locken-mit-gewinnaussichten/

SUCHTPRÄVENTION: Aktien von Online Casinos steigen, die Spielsucht auch, http://www.migazin.de/2017/09/02/aktien-online-casinos-kapitalanlage/

GLÜCKSSPIELE: Migranten häufiger von Spielsucht betroffen als Deutsche, http://www.migazin.de/2017/09/13/gluecksspiele-migranten-haeufiger-von-spielsucht-betroffen-als-deutsche/

GRÜNDE UND MOTIVE: Vom kleinen Glück zum großen Verlust: Glückspielsucht unter Migranten, http://www.migazin.de/2017/08/10/vom-glueck-verlust-glueckspielsucht-migranten/

 

Hinweis in eigener Sache: Ich habe früher – als Islamexperte – auf dem MiGAZIN geschrieben, ich kenne den Chefredakteur persönlich, ich verdanke ihm viel (gerade im journalistischen Bereich) und wir hatten – vermutlich bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags – ein normales Verhältnis. Als Jemand, der selbst mit dem Thema Glücksspielsucht viel zu tun hat und hatte, bin ich in diesem Fall durchaus persönlich betroffen, maßlos enttäuscht und sehe es als meine Pflicht an, über diesen ungeheuren Vorgang aufzuklären.

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