Medienkritik: Türkei-Wahl 2018 und die aktuelle Berichterstattung

Ich bin über die aktuelle Berichterstattung zur Türkei-Wahl, in deutschsprachigen Medien, mal wieder unglaublich erstaunt. Man lehnt sich in diversen Artikeln, Beiträgen und Magazin-Covern ziemlich weit aus dem Fenster. Dabei wird Wunschdenken mit Fakten vertauscht. Teilweise hat die Anti-Erdoğan-Stimmung in Deutschland jetzt sogar die objektive Medienlandschaft erreicht. Man wirft mit Prognosen und Vermutungen einfach wild um sich, und verbreitet das Märchen, die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen würden mit einem großen Fiasko für den amtierenden Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und der AKP enden.

Umfragen zeigen: Erdoğan und AKP werden die Wahlen erneut gewinnen

Dabei sagen die aktuellen Fakten genau das Gegenteil voraus. Umfragen verschiedener Institute, die man ernst nehmen muss, sagen zwar ein knappes Rennen voraus, aber sehen Erdoğan mit knapp 50 – 52% der Stimmen bereits im ersten Durchgang wiedergewählt. Auch das Wahlbündnis von Erdoğan sieht als sicherer Sieger aus, mit einer AKP die zwischen 40 – 46 % der Stimmen erhalten wird. Selbst Institute, die einen zweiten Wahlgang bei der Präsidentschaftswahl voraussagen, weil Erdoğan knapp die 50% verpasst, sehen in der zweiten Wahlrunde deutlich den amtierenden Präsidenten vorne.

Zwar kann mit Überraschungen gerechnet werden, was die Institute ja auch bejahen, aber das scheint eher unwahrscheinlich. Hintergrund ist, dass in Zeiten von wirtschaftlichen Krisen, die Leute eher Stabilität wollen. Sollte die Wahl des Präsidenten im ersten Wahlgang scheitern und sich dies auch sehr stark an den Börsen zeigen, so droht eher eine stärkere Unterstützung für Erdoğan als für seinen möglichen Gegenkandidaten. In einem solchen Umfeld hat die Opposition auch weiterhin keine reelle Chance auf einen Wahlsieg oder eine Überraschung.

Wichtig ist auch das Verhalten der Unentschlossenen. Diese tendieren ebenfalls in Zeiten von Unsicherheit eher pragmatisch zu wählen. Die Umfragen haben allesamt eine Fehlertoleranz von bis zu 3,5%.  Angesichts der Tatsache, dass auch viele Menschen einfach nicht wählen gehen werden, was sich aktuell abzeichnet, sind die voreiligen Schlüsse in verschiedensten Berichten einfach zu kritisieren. Sie bilden jedenfalls kein Gesamtbild der aktuellen Situation ab. Vielmehr wird die Stimmung von einzelnen Gruppen auf die Stimmung der gesamten Wählerschaft übertragen.

Wunschdenken und tendenziöse Berichterstattung hat auch früher nicht funktioniert

Das ist jedoch fatal, weil Medien so auch ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. Der Weg zu FakeNews ist nicht mehr weit, auch weil oft Quellen nicht richtig geprüft und Behauptungen einfach als Tatsachen dargestellt werden. Die Art und Weise wie die Berichterstattung vollzogen wird, ist einfach nicht korrekt. Es ist ein konzentriertes Anti-AKP- und Erdoğan-Bild sichtbar, dass sich wie ein roter Faden, durch alle Medien zieht. Das Problem damit ist: Die anderen Parteien und Kandidaten sind auch nicht unbedingt besser, teilweise im Vergleich sogar nationalistischer und gefährlicher. In den Sachfragen gibt es gewaltige Unterschiede und eine einfache „die sind gut, die anderen nicht“ Dichotomie funktioniert bei näherer Betrachtung auch nicht.

Wunschdenken darf die journalistische Integrität jedenfalls nicht beschädigen. Und schon bei vergangenen Wahlen und Abstimmungen konnten wir immer wieder beobachten wie Politik und Medien bei der Türkei diesbezüglich falsche Hoffnungen geweckt haben. Es müssen jedoch ordentliche und vor allem stichhaltige Analysen erfolgen. Dies wird in der aktuellen Berichterstattung schmerzlich vermisst, auch weil Auslandskorrespondenten kaum Muttersprachler sind und kaum außerhalb einer politischen Gruppe genügend Kontakte für ein umfassendes Bild zusammenkriegen. Wer sich aber immer auf die gleichen Quellen beruft, wird irgendwann blind für das Gesamtbild.

Aufwachen folgt spätestens nach dem 24. Juni

Mit dem aktuellen Blödsinn, der sich durch alle Zeitungen und Magazine zieht, kann man nicht viel anfangen. Es ist tendenziös und teilweise sogar ideologisch verblendet. Mit seriösem und objektivem Journalismus hat das oft so gut wie gar nichts mehr zu tun. Eher mit Wunschdenken und politischer Propaganda für die Opposition. So darf aber Journalismus nicht sein. Wer Kampagnen-Journalismus betreibt, sollte keinen Platz im Wichtigsten demokratischen Korrektiv finden. Spätestens nach dem 24. Juni gibt es ein erstes Aufwachen für alle Verblendeten und die Enttäuschung überall dürfte umso größer werden.

Man darf jedenfalls auch darauf gespannt sein, wie man das Ganze Fiasko nach der Wahl dann erklären möchte, wo man sich jetzt so weit aus dem Fenster gelehnt hat. Vermutlich wird man, wie bei den letzten Wahlen und Abstimmungen auch, einfach eine große Mauer des Schweigens aufbauen und darauf hoffen, dass das Erinnerungsvermögen der Leserschaft nicht so lange anhält. Aufgearbeitet werden solche Fehleinschätzungen jedoch nicht.

Dabei macht es durchaus Sinn, mal genauer nachzuvollziehen, wo die Reporter und Journalisten eigentlich versagt haben. Denn nur so kann man tatsächlich verstehen, wo man selbst anders auftreten und anders kommunizieren muss. Der Konjunktiv war immer der Freund des Journalisten. Aktuell wird er, wie in BILD-Manier, durch einfache Floskeln und Meinungsmache ersetzt. Die Redaktionen und Ressortchefs machen, mangels Alternativen, auch noch mit.

Es fehlt an guten Analysen und Experten über die Türkei

Das erklärt auch, warum bis heute keine ordentlichen Analysen zur Türkei geliefert werden können. Man hält an „bewährten“ Fehlern fest. Wer sich wirklich interessiert, sollte daher aus meiner Sicht sehr genau hinschauen und nicht einfach jeden Mist glauben, der in Sonderausgaben und Blättern aktuell verbreitet wird. Man muss kritisch bleiben. Statt dem aktuellen tendenziösen Mist, empfehle ich hier gerade für eine bessere Übersicht die wirtschaftlichen Analysen von @ozmuhabir oder die politischen Einschätzungen der @SWPBerlin. Ein Beispiel:

In diesem Sinne kann man nur hoffen, dass die Medien demnächst endlich die Kurve kriegen und ihre Auslandsberichterstattung wieder optimieren. Sonst sehe ich schwarz für einen glaubwürdigen Journalismus.

Übrigens: Ich werde am Wahltag, wie auch bei den letzten Malen auch, erneut in einem Liveblog und auf Twitter über aktuelle Entwicklungen aus der Türkei berichten. Ihr dürft mir gerne folgen. #staytuned

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