Bekir Alboğa: Das große Islam-Missverständnis

Ich möchte auch meine 50Cent, also meine ausdrücklich persönliche Meinung, in der aktuellen Debatte um Bekir Alboğa und seine Kanditatur für einen Kandidatenplatz bei der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) in der Türkei loswerden. Auch, weil Seiten wie TurkishPress den Kritikern vorwerfen, sie seien neidisch auf Alboğa. Nein, ich bin nicht neidisch. Ich bin verbittert und auch irritiert, dass man Kritik als Neidertum abtun möchte. Und dieser Verbitterung möchte ich mit meiner persönlichen Ansicht ein bisschen Nachdruck verleihen. Alboğa wurde als das Gesicht der DITIB in Deutschland gefeiert und wird jetzt, ich finde auch zurecht, angefeindet. Allerdings aus den falschen Gründen.

Kritik an einer politischen Überzeugung ist meiner Meinung nach überholt. Wenn es in Deutschland Leute gibt, die sich für die AfD aufstellen lassen, oder Islam-Funktionäre gibt, die sich für die CDU aufstellen lassen, dann ist das legitim. Man darf sich aber genauso auch für die AKP in der Türkei aufstellen lassen. Die Kritik daran, nur weil es die AKP ist, wäre verlogen. Es geht den Leuten meist gar nicht um die Sache selbst, sondern um das Bashing aufgrund einer politischen Überzeugung. Das ist im Fall Alboğa jedoch nicht der Fall.

Mir ist es schnurzpiepegal ob sich Herr Alboğa bei der AKP, bei den nationalistischen und rechtsextremen Grauen Wölfen (MHP), bei der CHP oder der kurdischen HDP hat aufstellen lassen. Mir geht es um die Umstände der Offenbarung seiner Kandidatur. Bekir Alboğa hat sich vermutlich sehr sicher gefühlt. Er hat nur in seinem engsten Umfeld über seine Kandidatur kommuniziert. Es hätte ihm klar sein müssen, dass seine Bemühung um eine Kandidatur früher oder später publik wird. Doch das war Alboğa egal. Den Stein wirklich ins Rollen gebracht hat mal wieder Eren Güvercin. Dieser machte publik, was man im Umfeld von Alboğa bereits wusste und was von den Spatzen teilweise auch von den Dächern gesungen wurde.

Alboğa hat nur an sich gedacht: DITIB und Muslime sind ihm egal

Alboğa war es herzlich egal, was die Öffentlichkeit in Deutschland über seine mögliche Kandidatur bei der AKP denkt oder denken könnte. Ihm war es auch egal, ob er damit Schaden für das bereits stark beschädigte Ansehen der DITIB anrichtet. Und vor allem war es ihm egal, ob er nun als Gesicht des Islams in Deutschland gilt oder eben nicht. Seine Kandidatur ist meiner Meinung nach von eindeutiger Selbstüberschätzung und einem puren Egoismus geprägt. Wer sich auch nur einen Funken Sorgen um Muslime in Deutschland und eine der größten Organisationen in Deutschland macht, der handelt in keiner Weise so, wie es Herr Alboğa getan hat.

Das ist auch für Kenner von Herrn Alboğa kein Novum. Sein Handeln war schon immer von einer solchen Attitüde geprägt. Es war Herrn Alboğa, als er Generalsekretär der DITIB war, schlichtweg egal, was mit den anderen Verbänden ist oder passiert. Es war ihm auch egal, was seine Basis sagt, was seine Jugend sagt und tut. Herr Alboğa hat Krisen immer kleingeredet und versucht die Realität nach seiner Gedankenwelt umzuformen bzw. umzudeuten. Es ist ihm kein einziges Mal wirklich gelungen auch nur zu verstehen, wie Deutschland wirklich tickt. Die Kritik an Alboğa, sie ist jedoch immer wieder verstummt, auch weil es genügend Rückhalt für diesen Machtmenschen in der Politik und vonseiten des Staates gab.

Alboğa wurde von allen Seiten in Deutschland hofiert, insbesondere der Politik

Alboğa war immer schon eine Art Steigbügelhalter für die deutsche Politik. Viele Dinge, die hinter den Kulissen liefen und oft andere muslimische Organisationen fast zur Verzweiflung trieben, haben auch mit seiner Haltung zu tun, die meiner Meinung nach immer von Opportunismus geprägt war. Alboğa ging es nie um die Interessen von Muslimen, wenn dann eher um die Interessen von sich selbst und dann erst von seinem Verband. Dafür wurde der Machtmensch Alboğa auch immer wieder bestens belohnt: Mit Einladungen zu Veranstaltungen, ins Fernsehen, in die höchsten Ecken der Politik, mit einem deutschen Pass (obwohl er den türkischen besaß) und er wurde zu einem Lehrbeauftragten am Zentrum für Islamische Theologie berufen. Hauptsache Alboğa war bereit sich anders zu verhalten, als die anderen Verbände.

Was jedoch nicht passieren wird, ist, dass Alboğa als Kandidat für die AKP antreten darf. Das wäre fatal und die AKP-Oberen wissen sehr wohl, wer gute Politik machen kann und wer nicht. Was Alboğa mit seiner Kandidatur um die Kandidatur bezwecken wollte? Keine Ahnung. Es ist das Missverständnis, das schon immer Alboğa geprägt hat. Jeder glaubt, der Mann habe einen Plan. Alboğa hat aber keinen Plan. Er macht einfach und schaut, ob es klappt. Er ist aktuell auf Sinnsuche, weil seine Wiederwahl zum Generalsekretär der DITIB gescheitert ist. Aktuell lässt er seine Position als „Dialogbeauftragter“ der DITIB offiziell Ruhen. Man muss aufpassen, dass Alboğa nicht auf den Gedanken kommt, nachdem ihn die AKP abserviert hat, wieder zurück zur DITIB kommen zu wollen.

Alboğa darf nicht zurück zur DITIB kommen – alles andere wäre ein fatales Signal

Es muss einen Schnitt geben. Mustafa Yeneroğlu ist diesen Schritt bei der IGMG gegangen und hat einen Cut gemacht. Es hat ihm keiner Vorgeworfen, er sei ein Opportunist oder habe seinen Verband verraten. Es muss halt alles richtig ablaufen. Alboğa wollte diesen Cut nicht machen und auf Nummer sicher gehen. Das ist ihm jetzt nicht geglückt und es muss klar sein: Es darf nicht sein, dass Jemand, der sein angebliches Engagement über Jahrzehnte für die Integration von Muslimen verrät, weiterhin von allen Seiten hofiert wird. Es gleicht einem Offenbarungseid, dass sich Alboğa der Partei dienstbar machen möchte, die er strikt als Generalsekretär der DITIB abgelehnt hat.

Um es klar zu sagen: Die Ära Alboğa, dieses unsägliche Kapitel eines Islam-Missverständnisses muss endlich, so oder so, beendet werden. Bleibt zu hoffen, dass die DITIB-Oberen das auch endlich verstanden haben und entsprechend Konsequenzen ziehen. Bei all den Entlassungen in der vergangenen Zeit fällt eine weitere Personalie auch nicht mehr weiter auf. Es wäre jedenfalls der ideale Zeitpunkt und es würde viel Schaden von dieser stark gebeutelten Organisation abwenden.

Gleichzeitig sollte dieser Punkt auch für andere – mit ähnlichen Ambitionen – eine Warnung sein. Wer in die Politik gehen möchte, sollte das offen kommunizieren und nicht versuchen, etwas zu verheimlichen. Es ist ein Ratschlag für alle Interessierten in den Reihen der Islam-Verbände. Anderenfalls verliert man das Wichtigste, was einen guten Politiker ausmacht. Glaubwürdigkeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.