Am Freitag (02.02.2017) fand im Kuppelraum der Islamischen Gemeinde Hamburg – Centrum Moschee e.V. der Themenabend des Netzwerks Muslimischer Akademiker (NMA) mit einem Vortrag von Dr. Mahmud Martin Kellner zum Thema „Medizinethik im Islam – Organtransplantation, Sterbehilfe etc. zwischen Text und Kontext“ statt. Mehr als 50 Personen sind den Ausführungen von Dr. Mahmud Kellner, der als Vertretungsprofessor für Koranexegese am Institut für Islamische Theologie (IIT) an der Universität Osnabrück lehrt, gefolgt und haben im Anschluss Fragen gestellt.

Dr. Kellner ging – ausgehend vom Fall der Geschichte vom Erlanger Baby – auf die Fragen der Medizin-Ethik ein. Während des Vortrags hat Herr Kellner einen Einblick in die Diskussionen, basierend auf den Geschehnissen im Fall des Erlanger Babys, in der Medizin-Ethik gegeben. Das Erlanger Baby behandelt den 1992 aufgetretenen Fall einer Frau, die nach einem Unfall einen Hirntod erlitten hat. Die Frau war jedoch schwanger und die Ärzte hielten die Frau nach einem richterlichen Urteil am Leben, um das Kind lebend zu gebären. Die Eltern der Frau hatten versucht, die lebenserhaltenden Maßnahmen einstellen zu lassen. Der Versuch der Rettung des Babys schlug letztlich fehl, aber der Fall ist exemplarisch für die Diskussionen in der Medizin-Ethik.

Ist jedes Leben schützens- und erhaltenswert? Was ist Recht auf Leben?

Dr. Kellner führte anhand dieser Geschichte die Fragen auf, die auch heute noch weitestgehend in der Medizin-Ethik behandelt werden. Beispielsweise, ob jedes Leben lebenswert ist, ob es Einschränkungen bei der Lebenserhaltung geben sollte und was überhaupt ein Recht auf Leben bedeute. Kellner ging auf die Frage ein, was ein Hirntod bedeutet, was ein Herztod bedeutet und welche historischen Diskussionen – auch mit dem Fortschritt der Medizin-Technik – geführt wurden. In einer weiteren Stufe behandelte Herr Kellner die Frage nach Abtreibung und dem Respekt vor den Toten. Ganz zum Schluss ging Kellner auf die Frage ein, was eigentlich aus islamischer Perspektive zu diesen hochaktuellen Debatten geboten wird.

Beispielsweise machte Dr. Kellner auch auf die weiterhin bestehenden innerislamischen Debatten um die Frage aufmerksam, ob man sich bei einer Krankheit behandeln lassen sollte, muss, darf oder eben nicht darf. Er lieferte für diese Debatte unter anderem Beispiele von Ibn Taymiyya (ra) und dem syrischen, bei einem Bombenanschlag getöteten Gelehrten, Said Ramadan Al Buti. Die Bandbreite der rechtlichen Urteile zu diesem Thema gehen, je nach Fall und Zustand, von erlaubt bis verboten. Ebenso interessant ist auch, dass es durchaus Gründe geben kann auch persönlich eine Behandlung abzulehnen, ohne sich damit vor dem Schöpfer dafür schuldig fühlen zu müssen.

Diskussionen aus islamischer Perspektive sind divers

Anhand der Debatte um das Thema Hirntod aus islamischer Perspektive zeigte Kellner, wie divers die Diskussionen geführt wurden und weiterhin geführt werden. Er legte vor allem das Beispiel von Said Ramadan Al Buti vor, der den Hirntod als Kriterium für die Feststellung des Todes eines Menschens abgelehnt hat. Die Begründung basiert auf mehreren Stufen, unter anderem auch durch den Aspekt, dass die Ärzteschaft weiterhin zu dieser Thematik einen Diskurs führen und keinen Konsens erreicht haben. Interessant war hier aber vor allem der Aspekt von sozialen Gründen, einen biologischen Tod vor dem Hirntod vorzuziehen.

Gerade in der Bevölkerung kann ein Mensch, der an eine Maschine angeschlossen ist, das Bild einer lebendigen, schlafenden Person bedeuten, obwohl der Hirntod längst festgestellt wurde. Besonders muslimische Familien tun sich mit diesem Zustand sehr schwer, weil alle biologischen Anzeichen für ein Leben weiterhin vorhanden sind. Der Hirntod nimmt hier eine Komponente ein, die zwar von fachkundigen Menschen verstanden wird, aber von normalen Menschen nur schwer verständlich ist. Ein sozialer Unterschied – gerade im Bildungsgrad – kann einen Hirntod auch daher als soziale Komponente problematisieren.

Lebenserhaltende Maßnahmen oft für Organentnahme

Dass es dennoch eine große Basis für die Anerkennung des Hirntods gibt, der auch von den Rechtsschulen und Experten befürwortet wird, wird auch von Kellner angesprochen. Letztlich bleibt die Akzeptanz einer wissenschaftlichen Erkenntnis immer noch dem Verstand und dem Herzen der Menschen überlassen. Kellner machte hier auch darauf aufmerksam, dass Maschinen, die zur Lebenserhaltung dienen, letztlich den echten Zustand eines Patienten und Menschen verschleiern. Ebenso machte er auf das Prinzip der wahrscheinlichsten Annahme aufmerksam, weshalb ein Abschalten von Geräten durchaus annehmbar ist und nicht den Mord an einem Patienten bedeutet.

Interessant an dieser Debatte ist vor allem, dass heute in den meisten Fällen lebenserhaltende Maßnahmen und Maschinen benutzt werden, um Organtransplantationen zu ermöglichen. Gerade hier zeigte sich erneut die breite Meinungsvielfalt zum Thema. Kellner räumte auch mit einer oft vorgetragenen Erzählung aus der Prophetenbiografie auf. So wird von Aischa (ra) berichtet, dass der Prophet Muhammad (saw) gesagt habe: „Das Brechen der Knochen eines Verstorbenen ist wie das Brechen der Knochen eines Lebenden.“ (Abu Dawud, 3207 im arabischen Original) Dieser Hadith wird in diversen Kreisen, auch unter Anhängern solcher Strömungen wie der Hizb ut Tahrir, als Beweis angeführt, dass Organtransplantationen verboten sind.

Keine Klare Haltung, dafür viel Stoff in wenig Zeit

Fakt ist aber, und darauf hat Kellner auch deutlich gemacht, dass die Umstände dieser Überlieferung einen ganz anderen Hintergrund hatten. So soll der Prophet (saw) diesen Ausspruch getätigt haben, als er eine Person erblickte, die pietätlos die Knochen von Verstorbenen zerbrach. Kellner machte entsprechend darauf aufmerksam, dass der Hadith eigentlich nicht Organtransplantationen verbietet, sondern auf den Respekt vor den Toten abzielt. Ein oft getätigter Irrtum, auch hierzulande in diversen Debatten.

Insgesamt legte sich Kellner bei seinem Vortrag auf keine klare Haltung fest. Es war vielmehr so, dass er in seinen Ausführungen einen breiten Überblick in kürzester Zeit zu aktuellen und längeren Debatten der Medizin-Ethik lieferte. Es blieb letztlich auch deshalb gefühlt ziemlich oberflächlich, obwohl es das gar nicht war. Der Vortrag war aus meiner Sicht nicht schlecht, aber verglichen mit anderen Referenten, wie Dr. Ilhan Ilkilic, der seit 2012 im Deutschen Ethik-Rat sitzt und 2016 wiederberufen wurde, war es dann doch ungewohnt einfach. Kellner hat sich mit der Thematik beschäftigt und bringt Erkenntnisse aus dem islamrechtlichen Bereich mit. Bei Ilkilic, den ich während eines Vortrags beim Graduiertenkolleg Islamische Theologie kennenlernen durfte, kommen hingegen auch die Facetten der unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen und der Debatten in den einzelnen Ländern deutlich besser zur Geltung.

Keine Schwäche – Ein Zeichen von Stärke

Das ist jedoch keine Schwäche des Vortrags oder des Vortragenden. Die Zeit war einfach für diesen sehr komplexen Themenbereich viel zu kurz. Dr. Kellner hat sich in seinem Vortrag sehr gut geschlagen, es war jedoch eher eine Einführung mit Blick auf islamrechtliche Fragen, keine vertiefende philosophische Diskussion und Anregung zur Medizin-Ethik. Was man ihm aber sehr hoch anrechnen muss, und ich glaube, da ist er einer von ganz wenigen unter den bekannteren Muslimen in Deutschland, dass er auch in seinem Vortrag und auch auf Fragen aus dem Publikum immer wieder mit „Ich weiß es nicht.“ geantwortet hat. Das ist die Tugend von Imam Malik (ra), der auf viele ihm gestellten Fragen als Experte immer sagte: „La Edri.“ (Arabisch: Ich weiß es nicht.)

Insgesamt war der Abend dennoch gelungen. Zwar hinterließ Kellner durchaus auch viele Personen mit offenen Fragen in den Abend, aber letztlich ist der bessere Lehrer nicht derjenige, der zu allem eine Meinung hat und alles vordiktiert, sondern zum eigenständigen Nachdenken und Erkenntnisgewinn aufruft. Das ist auch an diesem Abend geschehen. Es bleibt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern überlassen über die heutigen Ausführungen für sich selbst zu reflektieren.

Veröffentlicht von Akif Sahin

Akif Sahin - Autor, Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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