Gerade mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen und Ausschreitungen im Iran sind Bücher mit einem tiefer gehenden Verständnis für die Geschichte, Gesellschaft und Religion im Iran weiterhin Mangelware. Gerhard Schweizer hat sich dem Thema angenommen und entstanden ist ein Werk, das einen tiefen Einblick in die Probleme des iranischen Staats- und Gesellschaftssystems gewährt. Aktuell und wichtig für unser Verständnis.

Gerhard Schweizer gehört zu den Autoren, die ich sehr schätze und gerne lese. Er versteht es, wie kein anderer, Dinge aus dem „Morgenland“ fachgerecht und verständlich auf den Punkt zu bringen. Dabei glänzt er in seinen Büchern mit ausgesprochen fachlicher Expertise. Er bringt religionswissenschaftliche und populärwissenschaftliche Aspekte zusammen und verknüpft diese gekonnt zu Texten, die man gerne liest. Schweizer verleiht seinen Büchern mit exklusiven Einblicken und Ansichten von vor Ort einen besonderen Touch. Alleine seine Reiseberichte sind besonders empfehlenswert.

Im Buch „Iran verstehen – Geschichte, Gesellschaft, Religion“ widmet sich Gerhard Schweizer dem heutigen Mullah-Regime im Iran. Die Reise führt uns durch die verschiedenen Epochen in der Geschichte Persiens und auch die verhängnisvollen Momente, die das heutige Iran haben entstehen lassen. Die Reise beginnt bei Zarathrustra, führt uns über die Begegnung mit dem Islam, der islamischen Revolution bis zum heutigen Iran und lässt auch leicht in die Zukunft blicken. Das alles geschieht oft mit einer bildlichen Erzählung, die Geschichte vor dem Augen der Leserin oder des Lesers lebendig werden lässt.

Mit dem Blick eines Religionswissenschaftlers: Manchmal blasphemisch

Schweizer macht gleich zu Beginn auf die Wirkung des Religionsstifters Zarathrusta auf die Weltreligionen aufmerksam. Dabei räumt er gnadenlos mit falschen Vorstellungen und Klischees auf. Der Autor zögert nicht, unbequeme Hinweise auf die mögliche Verfälschung der „reinen Lehren“ von Judentum, Christentum und Islam zu geben. An diesen Stellen wirken Schweizers Erklärungen, gerade mit dem Blick eines gläubigen Menschen, sehr krass und teilweise auch blasphemisch. Es ist aus der Sicht des Religionswissenschaftlers durchaus interessant, was er da schreibt, es bleibt aber religiös betrachtet problematisch.

So verweist beispielsweise Schweizer auf die Einflüsse von Zarathrusta in die Ideenwelt eines Kampfes von Gut und Böse, er listet zahlreiche Details auf, warum die schiitische Lehre von falschen Annahmen bei ihrem Märtyrerkult ausgeht und macht auch auf Verfälschungen, die politisch motiviert waren, bei der Auswahl von Pilgerstätten schiitischer Geistlicher aufmerksam. Besonders interessant sind seine Einlassungen zu verfälschten bis hin zu erfundenen Überlieferungen, die heute einen Kernpunkt der schiitischen Glaubenslehre ausmachen. Anders als etwa in „Islam verstehen“ geht Schweizer durchaus unsensibel und gut an die Sache heran.

Unterschiede und Einfluss – Perser und Europa

Sehr gekonnt macht Schweizer auf die Unterschiede zwischen sunnitischem und schiitischem Glauben aufmerksam. So bleibt es nicht nur bei einer oberflächlichen Auflistung der Spaltung, sondern einer detaillierten Wiedergabe von historischen Momenten und Auseinandersetzungen in Bezug auf die Deutung der „wahren“ Lehre. Beispielsweise geht Schweizer auch auf das kritische Thema der Betrachtung des Qur’an al Karim ein. Er macht aufmerksam auf den Disput über die Erschaffenheit des Koran und gibt die verschiedenen Ansichten diesbezüglich gekonnt wieder.

Interessant bleibt aber auch der Einfluss muslimischer Geistlicher wie Wissenschaftler auf unser heutiges Europa und unser „europäisches“ Denken. So räumt Schweizer auf mit der Vorstellung, Avicenna oder Ibn Rushd seien Araber gewesen. Es handelte sich vielmehr um Perser, die – fern von europäischer Rückständigkeit – von interessanten Büchern und Ideen im Perserreich profitieren konnten und diese weiter verbessert haben. Gleichzeitig zeigt Schweizer anhand dieser Beispiele aber auch das Symptom des Zerfalls in der „islamischen“ Welt.

Da, wo Toleranz nicht nur Gebot sondern eine Maxime der Behandlung der eigenen Bevölkerung war, dort blühte das Land jeweils auf. Besonders lesenswert ist in diesem Zusammenhang das Kapitel über „Die iranische Drehscheibe der Kulturen“ in dem sich Schweizer des Weiteren Al-Chwarizmi, Firdausi, Omar Chayyam und Rumi widmet. Es folgen zudem Ansichten über Hafis und Saadi, die wirklich überzeugen und gut darlegen, welchen Stellenwert diese Menschen insgesamt in ihrer Epoche, aber auch für unsere heutige Zeit gehabt haben und weiterhin haben werden.

Grundstein für den heutigen Iran

Ebenso interessant ist das Kapitel über den Islam und die Perser. So werden Anknüpfungspunkte zur persischen Antike und zum (schiitischen) Islam dargestellt, mit dem der heutige Iran eine symbiotische Beziehung bildet. Die besondere Rolle des Derwischenstaates von Ardebil, dass eine Art Proto-Staat wurde, wird von Schweizer hervorgehoben. Hier wurde der Grundstein für den heutigen Iran gelegt. Damit wurde zugleich der Beginn der Ära des schiitischen Glaubens als Staatsreligion im Iran festgelegt. Im weiteren Verlauf schreibt Schweizer über den Aufstieg und Fall des Schah Ismail und seiner Dynastie. Ebenso über den kolonialistischen Einfluss der westlichen Mächte auf das Schah-Regime und auch, warum die Shah-Dynastie mit ihrer Art nur scheitern konnte.

Besonderes Augenmerk legt natürlich auch dieser Autor dem Thema der islamischen Revolution im Iran unter Ayatollah Khomeini. Doch anders als viele Autoren widmet sich Schweizer stärker auch der ideologischen Komponente bei der Revolution und stellt Geistliche wie Intellektuelle vor, die maßgeblichen Anteil an diesem Aufbegehren gegen die Schah-Dynastie hatten. Allen voran die Zuordnung von Ali Schariati, in dieser Form, ist nur wenigen westlichen Autoren überhaupt gelungen. Schweizer ordnet das aber nicht nur richtig, sondern sehr sehr gut ein. Nicht mit dem primär eurozentrischen Blick wird die Thematik der Revolution analysiert und dargeboten, es bleibt vielmehr die lebendige Erzählung von einer breiten Basis übrig. Und es räumt auf, mit falschen Vorstellungen über eine eigentlich sozio-ökonomisch verankerte Revolution.

Das Erbe der islamischen Revolution im Iran

Das diese Revolution jedoch von Anfang an krankte und keine schnellen Lösungen für die weiterhin bestehenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme bot, daran arbeitet sich Schweizer weiter ab. Des Weiteren geht Schweizer natürlich auf die jüngeren Entwicklungen im Iran ein. Dafür betrachtet er vor allem die Entwicklungen im Bereich der Kunst- und Kultur im Land. Ausgesprochen interessant sind die Kapitel über Film und Kino-Geschichte im Iran. Ebenso widmet sich der Autor natürlich der Zensur und wie widersprüchlich diese letztlich geführt wird. Schweizer geht auch auf die jüngsten Wahlen zurück, so auch zum Thema Ahmedinedschad aber eben auch Ruhani. Er liefert unbequeme Antworten darauf, wieso die Menschen im Iran so gewählt haben, wie sie gewählt haben und warum sich Reformer tatsächlich so schwer tun im Land.

Besonders macht dieses Buch der Einblick in das theokratische System des Iran. So werden verschiedene wichtige Geistliche unserer Zeit in den Vordergrund gestellt, ebenso wie schwer es das System macht, überhaupt eine Reform anstoßen zu können. Ein besonderes Augenmerk richtete Schweizer auch auf Abdolkarim Soroush, den ich bei einer Veranstaltung des Graduiertenkollegs Islamische Theologie in Hamburg kennenlernen durfte, und beschreibt dessen modernen Ansatz für eine grundlegend andere Theologie und ein anderes Staatswesen im Iran. Pikant und detailliert geht Schweizer auf die verschiedenen Ansätze für Reformen ein, ebenso beschreibt er die Entmachtung und Entmündigung einer Bildungselite, einer liberalen Vordenkerschaft und auch die Schikanen, mit denen diese Menschen leben müssen. Wer den Iran als monolithischen Block mit gleich denkenden Menschen versteht, hat vieles falsch verstanden – das wird spätestens nach der Lektüre dieses Buches klar.

In den Debatten um den Iran mitreden wollen und können

Natürlich fehlt ein Ausblick auf die Zukunft des Iran nicht. Betrachtet man das Buch, entwickelt man ein tiefer gehendes Verständnis für die jüngsten Ausschreitungen und sieht diese nicht nur als Symptom einer niedergehenden Diktatur, sondern als Fortsetzung eines Prozesses nach dringenden und nötigen (internen) Reformen im Land. Gerade der Aspekt des sozio-ökonomischen Leids wird immer deutlicher. Interessant ist dabei auch der Blick auf Persönlichkeiten, den Schweizer gewährt. So werden auch radikale Kleriker wie Ayatollah Mesbah Yazbi und Ayatollah Raisi, die anscheinend auch eine gewisse Rolle bei den jüngsten Protesten spielen, als auch für die nächste Zukunft, kurz vorgestellt. Gleichzeitig geht Schweizer tiefer auf die Gründe für die „Grüne Revolution“ ein und lässt kurz in die weitere Zukunft des Iran blicken.

Wer in aktuellen Debatten um den Iran mitreden möchte, wer überhaupt verstehen möchte, wie das Land insgesamt funktioniert und was da gerade passiert, sollte sich dieses 720 Seiten starke Werk unbedingt kaufen und durchlesen. Schweizer war mit diesem Buch seiner Zeit mal wieder voraus und es hat weiterhin nicht an Aktualität verloren.

Offenlegung: Der Klett-Cotta Verlag hat mir freundlicherweise ein kostenloses Rezensionsexemplar per Post zugesendet. Dafür danke ich dem Verlag.

Iran verstehen - Klett-Cotta Verlag - BuchCover

Iran verstehen – Geschichte, Gesellschaft, Religion
Autor: Gerhard Schweizer
Verlag: Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-98101-8
Link: https://www.klett-cotta.de/buch/Gesellschaft_/_Politik/Iran_verstehen/84709

Veröffentlicht von Akif Sahin

Akif Sahin - Autor, Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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