Heute schreibe ich über ein einschneidendes Erlebnis in meiner Vita, das mich einerseits zurückgeworfen, andererseits aber sehr gestärkt hat. Es ist der Tag, an dem ich begann, Deutsch zu denken.

Während aktuell Debatten darüber geführt werden, was genuin Deutsch sein heißt oder was typisch Deutsch ist, habe ich eine grobe Vorstellung davon. Es ist ein Moment in meiner persönlichen Vita, der mich nie losgelassen hat und der mich bis heute begleitet. Als Arbeiterkind, noch dazu als ein Kind eines sog. Gastarbeiters, ist man von vornherein in vielen Bereichen des eigenen Lebens in Deutschland gehandicapt. Dennoch hat diese Abstammung ihre besonderen und guten Seiten.

Als Arbeiterkind haben sie nämlich nie die Bodenständigkeit verloren und bauen auf eine soziale Ordnung, die sie als Familie empfinden. Freundschaft – außerhalb von akademischen Rängen – ist eben doch inspirierender und motivierender als der nächste pseudo-intellektuelle Austausch über Weber, Wittgenstein oder Hegel. Gemessen an ihrer sozialen Abstammung können Arbeiterkinder jedoch aus sich hinauswachsen, was vielen Kindern von Akademikern nicht unbedingt gelingen kann. Meistens müssen die Kinder in den Schatten der Eltern treten. Wir haben in unserer Familie dieses Problem nicht gehabt.

Mein Vater kam, kurz nach seinem Militärdienst und seiner Heirat, nach Deutschland. Er wünschte sich für seine Familie und seine Kinder ein besseres Leben. Und sein Wunsch war es auch, dass seine Kinder vielleicht einmal studieren. Aus unserer Familie, so sagte er später immer, habe er immer jemanden gewünscht, der studiert. Das ist ein stärkeres Erbe, als ein Kind von Akademikern tragen könnte. Der Weg ist meistens vorgezeichnet. Meiner war es nicht. Deshalb war er auch intensiver und vor allem: Ich durfte Fehler machen. Ein großer Segen.

Ich fühlte mich nie Deutsch – ich war schon immer Türke

Aufgewachsen in Wilhelmsburg, habe ich mich nie als Deutsch bzw. Deutscher empfunden. Ich habe es auch nie gut gefunden Deutsch zu sein. Ich wurde immer als Türke behandelt. Das hat mich geprägt. Selbst als ich anfing meine Träume in deutscher Sprache zu träumen, war ich immer noch Türke. Eine Belastung, weil Türke sein auch oft bedeutete systematischem Rassismus in allen Ebenen im Alltag zu begegnen. Gleichzeitig wuchs man mit einem Minderwertigkeitskomplex auf, weil man als „Mitbürger“ immer Mensch zweiter Klasse war. Das zeigte sich auch in der Schule. Meine Lehrerin Frau Pfleghart riet nach der vierten Klasse davon ab, mich aufs Gymnasium zu schicken. Das Gleiche wiederholte sich mit Frau Rüschen in der sechsten Klasse. Bei einem wohlgemerkten Notenschnitt von 2,1 und einer Durchschnittsnote von 2,0 in den Hauptfächern. Die Empfehlung blieb bei „Hauptschule“.

Ich verdanke es einem jüdischen Lehrer, der zufällig im letzten Jahr auf der Grund- und Haupt-Schule meinen älteren Bruder als Klassenlehrer betreute und mich in einer Vertretungsstunde kennengelernt hatte, dass ich am Ende doch aufs Gymnasium durfte. Mein Vater war taub, für mein betteln. Nicht aber für die Ansage von Herrn Puschke. Dieser hatte gehört, dass man mich auf der Hauptschule behalten wolle. Er machte eine klare Ansage: „Wenn Sie den Jungen nicht aufs Gymnasium schicken, dann vergeuden Sie sein Talent und Ihre Zeit.“ Puschke sagte mir einmal, auf diese Geschichte bezogen: „Auch ich weiß, was Ausgrenzung und Hass auf einen wegen seiner Abstammung bedeutet.“

Ich habe das damals nicht verstanden, weil ich weder etwas über die Schoah gehört hatte, noch über die jüdische Kultur und den Untergang im Dritten Reich gewusst habe. Heute verstehe ich das umso mehr. Und umso mehr habe ich mich in der nächsten Zeit als Türke definiert. Das hat sich bis heute nicht geändert. Denn gefühlt und auch von außen aufoktroyiert wurde mir mein Dasein als Türke. Entsprechend wurden wir auch als Türken behandelt. Vielleicht rührt auch von daher mein großer Sinn für Gerechtigkeit. Ich kann Ungerechtigkeiten bis auf den Tod nicht leiden, weil ich selbst so oft Opfer davon geworden bin.

Romeo und Julia – eine Liebesgeschichte

Es war mein Jahr in der 10. Klasse, dass mir die Augen für das Deutsch denken öffneten. Bis dahin habe ich wenig gelesen, mich wenig mit Literatur, geschweige denn Texten auseinandergesetzt. Doch dann kam Frau Warncke. Sie war eine liebevolle und vor allem mit Herz an der Sache engagierte Lehrerin. Frau Warncke war unsere Deutschlehrerin. Sie hielt sich zwar an den Lehrplan, doch sie unterstrich mit ihren feinen Nuancen die wichtigen Elemente, die weit über den normalen Unterricht hinausgingen. Ich glaube, ich habe Niemanden liebevoller und schöner zu den Themen „Minnesang“, „Romantik“ und „Gotik“ berichten gehört. Zeit meines Lebens prägte mich die Art und Weise von Frau Warncke.

Vermutlich auch ihre Liebe zu Rafik Schami, brachte mich zu diesem begnadeten Autor. Ich glaube eine bessere mündliche Zusammenfassung von „Erzähler der Nacht“ hat es nicht wieder gegeben wie im Unterricht von Frau Warncke. Sie war eine begeisternde Lehrerin, aber sie war auch ziemlich hart in der Benotung. Ich habe bei ihr nur ein einziges Mal eine drei als Note gekriegt. Es war meine letzte Klausur bei ihr. Sie bemängelte nicht nur meine Rechtschreibung (sic! immer noch grässlich), sie hatte auch vieles an meinem Stil aber auch meiner Herangehensweise an die Texte auszusetzen. Inhaltlich waren wir nie auf dem gleichen Nenner. Das änderte sich jedoch mit der Abschlussarbeit zu „Romeo und Julia“.

Ich habe über die sechs Wochen hinweg intensiv das Werk von Shakespeare gelesen. Dazu legte ich mir weitere Hinweise zurecht, in dem ich die Erläuterungen und Dokumente zum Werk ebenfalls durchging. Ich merkte mir nicht nur einzelne Passagen: Ich war in der Lage das Buch in und auswendig aufzusprechen. Es war, als wäre ich am Theater und würde eine Darbietung halten. Das machte sich auch in den Lesungen in der Klasse bemerkbar. Ich blühte auf und auch Frau Warncke fiel das auf. Sie war sich sicher, ich würde endlich mal eine ordentliche Klausur schreiben. Es kam jedoch anders. Auf dem Zettel unter meinem Aufsatz standen zwei Punkte. Eine Fünf. Versetzung gefährdet.

Deutsch denken – Türke bleiben

Die Ausgangsfrage für meinen Aufsatz war ziemlich einfach: „Kann es ein solches Drama, wie das von Romeo und Julia auch heutzutage geben?“ Als ich die Frage damals in der Klausur gelesen habe, habe ich gestrahlt. „Das wird einfach“, habe ich gedacht. Doch so einfach war es nicht. Ich hatte aus Sicht von Frau Warncke zwar die Frage verstanden, aber das Thema verfehlt. Ich bin – ausgehend von meiner eigenen Vita – davon ausgegangen, dass sie etwas darüber lesen wollte, wie es in der Türkei bei Blutsfehden zugeht. Frau Warncke sagte mir als Feedback zu meiner Klausur: „Solchen Mist habe ich noch nie zuvor so gelesen.“

Ich hatte eindrucksvoll beschrieben, wie in der Türkei Blutsfehden aufgrund von unerfüllten Liebesgeschichten zwischen Familien entstehen. Ich verknüpfte dies mit der Geschichte der Capulets und Montagues. Ich hatte eine ressentimentgeladene Streitschrift geschrieben. Sie war aber aus Sicht von Frau Warncke falsch und vor allem, das sagte sie mir dann auch, rassistisch. Vermutlich wäre ich mit dem Aufsatz in bestimmten Boulevardblättern zu einem „Türkei-Experten“ geworden. Doch für die Note befriedigend reichte das nicht. Es war eine herbe Niederlage.

Frau Warncke öffnete mir aber endgültig die Augen. Sie erklärte mir anhand eines einfachen Beispiels, wie man hätte eine bessere Brücke bauen können, statt auf Liebesgeschichten in Dörfern in der Türkei zu verweisen. Sie machte auf bi-nationale Ehen aufmerksam. Noch heute seien Partnerschaften zwischen verschiedenen Nationalitäten in Deutschland aber auch anderswo ungern gesehen. Damit einher gingen auch viele Probleme. Eine Liebe wie von Romeo und Julia sei nur dann vorstellbar, wenn sich Menschen über ihre Grenzen hinweg und zum Trotz ihrer Abstammung und ihrer Familien weiterhin lieben und sehen. Dieser Aspekt der Geschichte war mir entfallen und ich hatte ihn nicht weiter berücksichtigt.

Ein Leben voller Deutscher Gedanken

Ich habe nach dieser Klausur meinen Blickwinkel komplett geändert. Ich entwickelte ein Faible für das deutsche Verständnis. Ich konnte nun nicht mehr nur in meiner Welt als „Türke“ verharren. Ich war bereit mich dem Gedanken des „Deutschen“ zu öffnen. Heute lese ich viel zu dieser Thematik. Ich setze mich auch mit der Geschichte auseinander. Ich schaue mir an, was eigentlich diese „Deutsche“ Kultur ist, von der alle sprechen. Ich suche nach einem Ansatz. Deutsch sein bedeutet auch Deutsch denken. Und ich habe gelernt, dass dies auch bedeutet, in vielen Bereichen verengt und bürokratisch zu denken.

Ich war nun bereit meine Gedanken dem Publikum anzupassen. Ich habe das genuin Deutsche gefunden und immer weiter herausgestellt. Deutsch denken bedeutete auch immer sich hineinfühlen. Mehr wie Goethe die Dinge zu beschreiben, als wie Hafis drum herum zu reden. Mehr Geschichten lang und quälend zu erzählen wie Thomas Mann, statt verständliche Gleichnisse aufzuzeigen wie Rumi. Die Faszination für den Orient aufrechterhalten und dennoch alles aus dem Orient für fremd und fatal halten. Für mich änderte sich eigentlich in meiner Wahrnehmung nicht viel. Ich habe verstanden, wie man sein Publikum erreicht. Ich blendete mein Wissen über fremde Kulturen aus. Stattdessen blickte ich auf eine nicht vorhandene deutsche Kultur.

Frau Warncke hatte meine Story, die auf durchaus tatsächlichen Begebenheiten basierte, abgekanzelt. Sie tat das mit ihrer charmanten Art. Für mich ging aber eine Welt unter. Vielfalt, Storytelling und überhaupt Expertise aus anderen Kulturkreisen sind allesamt unerwünscht. Es geht um eine Prämisse, die gesetzt wird. Es geht um eine Ansicht, die als Einzige akzeptabel und als wahr betrachtet wird. Wenn man das versteht, dann ist man in der Lage, wie es Tucholsky so schön ausdrückte, auch in einer „Sprache der Menschen“ zu sprechen, die sie verstehen. In der nächsten Klausur bekam ich eine drei. Und es war die letzte drei, die ich im Fach deutsch bekam. Es ging danach nur noch bergauf.

Was bleibt, sind heute noch viel Argwohn aber auch Dankbarkeit. Es heißt nicht umsonst in einem Ausspruch, das Imam Ali (ra) zugesprochen wird: „Der Mensch fürchtet sich vor dem, was er nicht kennt.“ Wir finden dies auch bei Goethe: „Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt, Und wer sie meidet wird sie bald verkennen.“ Mir war das Deutsch sein fremd und ich habe es immer mehr kennengelernt und zu schätzen gelernt. Und ich sehe voller Wohlwollen, dass wir immer noch die Zeit haben für Debatten, für Kritik, für Gedanken und für Kultur über das „Deutsch“ sein. Das lässt hoffen, auf Flexibilität, auf Anpassung und Öffnung. Es wäre jedenfalls fatal reaktionären Gedanken zu folgen, die genau das verhindern wollen.

Es ist das Deutsche, dass uns hier zusammenbringt, aber auch trennt. Deshalb sehe ich mich weiterhin als Türke, immer schon als Hamburger, aber eben nicht als Deutscher. Daran wird auch ein Pass, den ich vielleicht irgendwann bekomme, nichts ändern.

Veröffentlicht von Akif Sahin

Akif Sahin - Autor, Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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