Deutsche Islam-Köpfe im Social-Web – Top Ten Influencer 2017

Immer wenn ich eine Liste anlege, gibt es auch schon Kritik. Warum hast du das jetzt so gemacht? Hast du das und jenes nicht vergessen? Findest du das so richtig? Meine Güte. Es ist meine Liste, meine persönliche Einschätzung und meine Meinung. Deshalb finde ich Listen richtig lustig. Man muss sie nicht toll finden, aber die Leute finden sie toll. Sie können dann nämlich herumkritisieren, sie können volllabern oder ihre Einwände hinzupacken.

Hier ist eine Liste, die ich in dieser Form 2013 das erste Mal aufgesetzt habe. Ich habe sie nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt. Sie ist subjektiv und stellt aus meiner Sicht nur eine Zusammenfassung der wichtigsten Personen auf sozialen Medien dar – die beim Thema Islam als „Influencer“ angesehen werden können. Und ja, wer hier fehlt, darf sich gerne auf den Schlips getreten fühlen. Vielleicht wollte ich euch einfach nicht aufführen, vielleicht seid ihr auch gar nicht so wichtig, wie ihr meint.

Zur Erstellung dieser Liste

Das einzige Kriterium für diese Liste aus meiner Sicht: Wahrnehmung. Wen habe ich im vergangenen Jahr am stärksten wahrgenommen? Das Ergebnis liest sich unten. Für das Jahr 2018 ist ein Punktesystem eingeplant. Das wird dann noch interessanter, weil ich dadurch auch in der Lage bin, einer klaren subjektiven Einschätzung auch mit Daten eine Legitimation geben zu können. So bleibt es erstmal wieder nur eine Spielerei – ich denke aber viele werden sie ernst nehmen.

Vorab: Ein Ausschlusskriterium ist deutliche und klare Islamfeindlichkeit. Wir müssen nicht auch noch Leute, die sich selbst und ihre Religion hassen, in den Vordergrund stellen. Dieser Eintrag soll auch als Zeichen dafür verstanden werden, wie unwichtig diese Vollpfosten, ihre Meinung und ihre Arbeit für die Community sind. Und falls ihr meint, ihr könnt es besser: Erstellt doch eure eigene Liste! Kommentiert oder verlinkt. Ich bin jedenfalls gespannt, auf andere Ergebnisse oder eure Zustimmung. Also bitte. Viel Spaß beim Lesen und Aufregen 😊

Platz 10 – Aiman Mazyek

Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime e.V. (ZMD) ist eine liebevolle Nervensäge, die auch noch bestens vernetzt ist. Meistens sind die öffentlichen Positionen von Aiman Mazyek durchaus kontrovers und genießen kaum Rückhalt innerhalb der muslimischen Community. Aber er schafft es immerhin im Gespräch zu bleiben, manchmal gibt es dann auch Interviews mit ihm in überregionalen Blätter und Medien. Und auch das ist eine Kunst, in einer Zeit, in der die Vorsitzenden von muslimischen Verbänden allesamt eher durch Abwesenheit glänzen.

Der ZMD positioniert sich wenigstens, zumindest etwas oder einigermaßen. Doch ohne Aiman Mazyek wäre es vermutlich mit dem Verband schnell vorbei. Es wird gemunkelt, der aktuelle Chef des kleinen Islam-Verbands denke wirklich und ernsthaft über einen Rückzug nach. Diesen hatte er auch mehrfach angedeutet, mithin angekündigt. Es bleibt abzuwarten, ob das wirklich so kommt. Solange darf man Mazyek auch gerne auf Twitter folgen. Dort versorgt er seine knapp 5.000 Follower mit Input. Meistens nervigem Input.

@aimanMazyek

Platz 9 – Mustafa Yeneroğlu

Was ihm während seiner Zeit als Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) verwehrt blieb, wurde 2017 Mustafa Yeneroğlu mehrfach ermöglicht. Auftritte in Talk-Shows zur Prime-Time. Manche Auftritte sogar gut, viele aber eher schlecht. Dennoch, der AKP-Politiker hat seine Möglichkeiten versucht zu nutzen und weitestgehend auch Einfluss auf die türkeistämmige und muslimische Community gehabt. Ob dieser Einfluss gut war? Man darf dran zweifeln. Dennoch tut sich Yeneroğlu immer wieder hervor in aktuellen Debatten um die „deutsch-türkische“ Freundschaft.

Was ihm hier noch einen Platz 9 einbringt, wird jedoch nächstes Jahr vermutlich nicht mehr gelingen. Die Zeichen stehen auf Abschied. Das deutete sich schon durch den Verlust des Vorsitzes der Menschenrechtskommission im türkischen Parlament an und glaubt man Insidern steht Yeneroğlu eher auf dem Abstellgleis. Das auch deshalb, weil man mit seiner Arbeit – und auch der von anderen – in Ankara insgesamt unzufrieden sein soll.

@myeneroglu

Platz 8 – Murat Kayman

„Intellektuell ist er, manchmal hat er aber auch einen Dachschaden“, lautete eine Definition für Murat Kayman. Ja, ich mochte Murat Kayman überhaupt nicht, wir haben uns auch – und werden dies auch vermutlich weiterhin – in die Haare gekriegt. Ich kannte ihn damals aber auch nur aus Erzählungen und blickte mit dem Blick eines treuergebenen Dackels auf das Hassobjekt des Herrchens. Jetzt, Jahre später muss man neidlos anerkennen: Er ist spitze. Der ehemalige Syndikus der DITIB hat schwere Zeiten hinter sich und vermutlich kommen die schwersten sogar noch. (Dabei jetzt schon viel Kraft und Geduld.)

Dennoch bleibt Kayman standhaft und schreibt seine Texte so, wie er es für richtig hält. Und seine Texte sprechen eine andere Sprache über diesen Mann. Sie offenbaren eine interessante Seele, ein gläubiges, tieftrauriges Herz und zugleich eine Haltung für faktische Entscheidungshilfen. Man sollte mehr auf Murat Kayman hören und sich auch nochmal seinen gesamten Blog zu Gemüt führen. Am Ende könnte man viel lernen.

@KaymanMurat

Platz 7 – Merve Kayikci

Noch nie gehört? Vielleicht doch, nämlich unter dem Namen „Mervy Kay“ oder „PrimaMuslima“. Merve Kayikci ist in diesem Jahr vor allem aufgrund eines Vorfalls am Anfang des Jahres in den Fokus gerückt. Das wurde zu einem Thema in vielen wichtigen Tageszeitungen und später auch zu einem Thema im DER SPIEGEL. Es fing alles an mit einem Tweet, der ging ein bisschen viral. Die gesamte Story liest man lieber auf ihrem Blog nach. http://primamuslima.de/ein-tweet-und-seine-geschichte/

Insgesamt ist Kayikci aber auch Influencerin. Denn die Bloggerin macht viel zum Thema Feminismus, erarbeitet ihre Sicht der Dinge zu den Themen Islam und Muslime und hin und wieder liest man auch etwas von ihr aufbereitetes auf Buzzfeed und anderswo.

@PrimaMuslima

Platz 6 – Eren Güvercin

Jaja. Er ist Autor, er ist Publizist. Das hört man andauernd. Und auch Eren Güvercin kann eine Nervensäge sein. Doch eine interessante Nervensäge. Der Autor und Publizist ist auch immer wieder ein Spiegel für die muslimische Community. Er stellt Missstände klar und legt den Finger auf die Wunde. Er nimmt meist auch kein Blatt vor den Mund. Man sollte ihn besser nicht verärgern. Trotz dieser Seite muss man auch festhalten: Eren Güvercin hat auch die Seite eines Intellektuellen. Er differenziert, er analysiert und vor allem regt er zum Nachdenken über gegenwärtige Probleme unserer Gesellschaft im Hier und Jetzt an.

@erenguevercin

Platz 5 – Aydan Özoğuz

In diesem Jahr blühte Aydan Özoğuz (SPD) erst so richtig auf. Medien beschrieben ihre Wortwahl als merkwürdig verändert. Die Integrationsministerin ging auch verbal mittlerweile auf Konfrontationskurs und kritisierte dort, wo es bitter nötig war. Özoğuz machte sich so auch zur Zielscheibe von geschmacklosen Angriffen von Seiten extremer Rechter und ihrer Großväterchen. Doch auch diese Attacken wehrte die Politikerin aus Hamburg gekonnt und mit einem grandiosen Standing ab.

Ihre wahre Stärke bewies Özoğuz jedoch, als sie sich entschied nicht mehr als Partei-Vizin für die SPD zu kandidieren, nachdem andere Frauen sich um diesen Posten rangen wollten. Und heute setzt die weiterhin im Amt stehende Integrationsministerin Akzente für eine gerechtere Politik im Bund. Wir dürfen noch viel von ihr erwarten und sind gespannt. Denn die Arbeit ist noch längst nicht getan und eine Aydan Özoğuz – mit ihren Ecken und Kanten – wird weiterhin gebraucht.

@oezoguz

Platz 4 – Younes Al-Amayra

Was denn, was denn? Ihr wisst nicht, wer Younes ist? Also bitte. Der Homie ist der Datteltäter schlechthin. Sein Humor prägt das Programm und auch im Real Life ist er eigentlich ganz nett, nicht wirklich lustig, aber für Satire reicht das allemal. Das Projekt wurde in diesem Jahr nicht umsonst mit dem Engagement Preis ausgezeichnet. Ich bin jedenfalls ein großer Fan von Younes und wünsche ihm und dem Projekt Datteltäter noch viele weitere Jahre Erfolg.

Es läuft derzeit und der Einfluss auf ein junges dynamisches Publikum ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. Und mal so aus dem Nähkästchen geplaudert: Ich weiß nicht, ob Younes weiterhin Single ist. Vielleicht ein kleiner Tipp für alle, die ihn mindestens so sympathisch finden, wie ich, ihn einfach mal drauf anzusprechen. Auch auf der Straße. Er liebt das… 😉

@Datteltäter

Platz 3 – Sawsan Chebli

Wäre mir Sawsan Chebli mal bei irgendeiner Gelegenheit über den Weg gelaufen, hätte ich mir vermutlich auch nicht verkneifen können, zu sagen: „Sie sind aber hübsch.“ Gut, dass das nicht passiert ist. Stattdessen hat diesen Blödsinn ein anderer zu ihr gesagt und so entbrannte eine der aktuellsten Diskussionen um Sexismus in Deutschland. Und nicht erst seit ihrem Auftritt bei Jan Böhmermann weiß man auch, dass sie Spaß versteht. Die Muslimin ist mit ihrer Bio auch ein Vorbild für viele junge Menschen. Sie vertritt quasi Berlin vor dem Bund und ist Staatssekretärin. Eines der höchsten politischen Ämter, die es in der Berliner Politik geben kann. Und das hat sie sich hart erarbeitet – in der Innenbehörde von Berlin und später beim Auswärtigen Amt.

Wenn ich Vorträge halte und zehn inspirierende weibliche Persönlichkeiten vorstelle, dann gehört Sawsan Chebli seit etwa zwei Jahren immer dazu. Aus gutem Grund: Sie hat nicht nur das Projekt JUMA (Jung, Muslimisch, Aktiv) gegründet, sie hat sich auch aus einer prekären Herkunft heraus hinaufgearbeitet bis an die Spitze einer Ländervertretung in Deutschland. Sie steht mit ihrer Bio für einen einfachen Leitsatz: Solange du an dich glaubst, solange du hart arbeitest, solange du dich von Anfeindungen nicht kleinkriegen lässt, kannst du es schaffen. Ich wünsche Chebli weiterhin viel Erfolg, damit ich auch weiterhin ihre beeindruckende Story erzählen kann.

@SawsanChebli

Platz 2 – Volker Beck

Nein, Volker Beck ist nicht konfitürt und ihr habt da auch nichts verpasst. Beck ist kein Muslim. Doch kein anderer Politiker hat im vergangenen Jahr seinen Einfluss beim Thema Islam so stark zur Geltung gebracht. Beck hat sich bereits Anfang des Jahres mit einem imposanten Auftritt bei der SCHURA Hamburg (ich hatte von seiner Einladung überhaupt abgeraten) Gehör verschafft. Seine Kritik an der DITIB, an antisemitischen Einstellungen bei Muslimen und sein Engagement für die Schwul-Lesbische Community machen ihn zu einem unglaublich vielseitigen Kritiker. Und trotz seiner Kritik: Beck bleibt immer noch irgendwie fair und man kann mit ihm auch diskutieren.

Doch seine Kritik hat auch Konsequenzen. Es ist nicht wie bei Henryk M. Broder. Wenn Broder was in seiner Kolumne in der WELT textet, passiert danach meistens nichts und es interessiert kaum Jemanden. Wenn Beck sich jedoch eine Organisation zur Kritik aussucht, dann sollte man sich warm anziehen. Das hat die SCHURA und auch die DITIB in Hamburg zu spüren bekommen. Das ist Einfluss und das ist auch eine Macht, die vor allem eines verlangt: verantwortungsvollen Umgang. Ich bin mit ihm meistens nicht einer Meinung, ich würdige aber eine Person, die sich für ihre eigene Wahrheit so eindrucksvoll und engagiert einsetzt. Respekt.

@Volker_Beck

Platz 1 – Kübra Gümüşay

Sie schreibt nicht mehr viel. Sie tritt kaum noch auf und doch: Das Jahr 2017 gehörte voll und ganz der – machen wir es uns einfach – Frau Kübra Gümüşay. Sie bleibt aus meiner Sicht – auch nach dem Glanzjahr 2016 mit einem KeySpeak auf der re:publica – ein Stern am Social Media Himmel. Ich wiederhole mich gerne, aber die Themen die Kübra Gümüşay anpackt liegen ihr am Herzen und sie geht die Dinge mit viel Liebe und Leidenschaft an. Es war ein stilles und doch sehr produktives Jahr, mit einer Art Kolumne beim NDR, mit mehreren Interviews und vielen Projekten in den Bereichen Feminismus und Diskriminierung. Weiterhin viel Erfolg! Und ja, selbst so ein ruhiges Jahr bedeutet viel Arbeit.

Übrigens: Dieses aktuelle Interview im Deutschlandfunk sei ans Herz gelegt.

@kuebra

Offenlegung: Der Autor hat gute freundschaftliche oder bekanntenmäßige Beziehungen zu den meisten der aufgeführten Personen, ebenso hat er mit einigen auch berufliche und projektbezogene Arbeiten gehabt. Die Liste ist aber unabhängig von diesen Beziehungen entstanden.

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