Nachruf: Sefer Ahmedoğlu

Was soll man über einen geliebten Menschen schreiben, wenn er von uns gegangen ist? Sefer Ahmedoğlu war für mich mehr als ein Hodscha, ein Imam, ein Vorbild und Freund. Er war eine Quelle der Inspiration, des Wissens und der Weisheit, der gerechten Leitung und des Engagements für die gesamte Ummah. Er hatte ein bewegtes Leben und nicht jede Zeit dieser Erlebnisse war positiv geprägt. Doch wann immer Sefer Hodscha mich und andere in den Arm nahm, wann immer er sehr fest uns die Hand drückte, das es weh tat, zauberte er mir und allen anderen Kindern und Jugendlichen ein Lächeln ins Gesicht. Er war unser geschätzter Imam, unser großartiger Vorstand und unsere stabile Säule in schweren Zeiten.

Leben und Einfluss innerhalb der Milli Görüş Bewegung

Sefer Ahmedoğlu wurde 1944 in Çankırı geboren und ließ sich mit 17 Jahren in Istanbul nieder. Er besuchte vor Ort Koran-Kurse, lernte Arabisch und nahm später an einem Prediger-Kurs des türkischen Religionsministeriums Diyanet teil. Seine erste Predigt hielt er, wie der Imam immer wieder erzählte, in der Yeni Cami – mit gerade einmal 17 Jahren. Er war Vorsitzender der an die Diyanet angebundenen Föderation der Religionsbeauftragten und studierte an der Istanbul Universität Arabisch-Persische Philologie und Turkologie. Er kam 1977 nach Deutschland, genauer gesagt nach Hamburg, und wurde kurze Zeit später Vorsitzender des Regionalverbands der damaligen Milli Görüş-Bewegung.

Sefer Ahmedoğlu gehörte quasi zur Gründergeneration der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş. Er war im Vorstand der Hamburger Centrum-Moschee und einigte die Gemeinschaft angesichts zahlreicher Krisen und der Fitna. Er schützte die muslimische Community um die Moschee herum vor einem kompletten Zusammenbruch, auch zum Preis des Verlustes an Ansehen. Selbstlos führte er die Gemeinschaft nach harten Krisen wieder zusammen und konzentrierte sich anschließend lange Zeit ausschließlich auf die Aufgabe als Imam und Lehrer. Als Kinder wurden wir von ihm unterrichtet. Er war hart im Unterricht, trotz seines sanften und lieben Äußeren. Er forderte von uns eine Hingabe an die Themen und Inhalte. Anders als viele Lehrer gehörte er zu einer alten Garde, die Wissen und Weisheit vereinbarten. Seine Erfahrungen und seine Ansichten verhalfen später zu den ersten ordentlichen Lehrplänen und Curricula für junge Muslime in Koranschulen der Milli Görüş Bewegung.

Sefer Ahmedoğlu prägte uns alle

Aus seiner Arbeit folgte zwangsläufig, dass die besten Schüler zu Imamen und Religionsbeauftragten ausgebildet wurden. Ihm verdanken viele Muslime in Hamburg ihr Wissen um den Islam. Einige wurden erst durch seine Anleitung und seinen Drang zu echten Imamen ausgebildet. Seine Adaption von „Was ist Islam?“ wurde mehrere Tausend Male an Schüler und Lehrer und andere Besucher der Centrum-Moschee gratis verteilt. Meinem Vater sagte Ahmedoğlu einmal, nach einer harten Krise, er solle mich nicht wie einen Sohn behandeln, sondern wie einen Freund. Heute habe ich in meinem Vater den besten Freund, und ein gänzlich anderes Verhältnis, als mein Vater zu meinem älteren Bruder hat. Sefer Hodscha prägte eine ganze Generation von Muslimen, als Lehrer und Vorbild.

Er war es, der beispielsweise die Opfertierkampagnen, die heute weltweit durch verschiedene Organisationen durchgeführt werden, entworfen und realisiert hat. Er war einer der ersten, die sich um bessere Fatawas für in der Diaspora lebende Muslime einsetze und auch verschiedenen Kommitees mitbegründete, in denen heute essentielle Bestandteile des muslimischen Daseins in Europa und der Welt besprochen werden. Dabei blieb er sich treu, was ihm den Vorwurf eines Traditionalisten einbrachte. Darauf angesprochen erwiderte er einmal: „Es ist besser einen Islam mit Tradition zu haben, als einen Islam ohne Grenzen.“

Liebe und Poesie – das war seine Message

Er war ein Freund der Jugend. Wir fuhren ein Mal gemeinsam mit verschiedenen Jugendlichen zur Umra und Sefer Hodscha zeigte mir da seine persönliche und väterliche Seite in allen Belangen. Nicht nur, dass er mich bis zur letzten Minute des Abflugs am Flughafen unwissend vor einem IGMG-Stand herumstehen ließ, er ließ mich während der Umra keine Sekunde unbeaufsichtigt und schenkte mir immer wieder ein Lächeln. Er führte uns nicht nur durch unsere religiösen Pflichten, er zeigte uns die Städte Medina und Mekka aus der Sicht eines Kenners. Abendliche Einladungen von Sheikhs und Feierlichkeiten schlug er in dieser Zeit nicht aus. Er ließ uns sogar in der Wüste Quad fahren, ohne auch nur einen Groll zu hegen. Er genoss das Leben, ließ uns unsere Freiheiten und gab uns immer die richtigen Hinweise und Ratschläge für unseren Alltag. Immer wenn wir uns zufällig begegneten holte er das Bild aus der gemeinsamen Umra aus seiner Brieftasche und sagte: „Ich trage es immer bei mir. Vergesst nicht eure Hadsch zu machen!“

Einmal sagte er mir, als er den Glanz in meinen Augen sah: „Wenn du heiraten willst: Dein Vater hat mir die Erlaubnis erteilt. Ich halte um die Hand an und ich kann auch eure Ehe schließen.“ Solche Worte sprudelten einfach so aus ihm heraus. Ihm war es wichtig, dass Muslime früh heiraten, damit sie auch viel von der Liebe in der Ehe haben. Er war Redner auf meiner Hochzeit, wo seine Stimme schon damals sehr leise geworden war. Aus Respekt hörten die Leute auf zu reden, nur um zu hören, was der Imam da eigentlich sagte. Er erklärte den Koranvers „Ebenso zu Seinen Zeichen zählt, dass ER für euch von eurem Wesen Partner erschuf, damit ihr bei ihnen Geborgenheit findet. Und ER setzte zwischen euch Liebe und Barmherzigkeit. Gewiss, darin sind doch Zeichen für Leute, die nachdenken.“ (Sure 30; Vers 21) Und dieser Vers begleitet mich jetzt seit über einem Jahrzehnt bewusst durch alle Tage.

Ein Stern des Islam in Deutschland ist von uns gegangen

Sefer Ahmedoğlu schrieb verschiedenste Bücher und brachte sein Wissen in verschiedene Grundlagenliteratur für muslimische Koranschüler mit ein. Sein besonderes Hobby aber waren Gedichte und Poesie. Viele seiner Gedichte fanden Einzug in die Populärkultur der Muslime. Einige türkische Nasheed-Sänger aus Hamburg verwendeten die Texte des Imams und feierten damit auch internationale Erfolge. Ahmedoğlu war ein stets geschätztes Mitglied der muslimischen Community, ein liebender Vater und Ehemann und eine Autorität innerhalb der muslimischen Gemeinschaft der Milli Görüş Bewegung.

Sefer Ahmedoğlu ist in der Nacht zu Donnerstag (22.12.2016) nach längerer Krankheit im Kreise seiner Familie verstorben. Das Totengebet wurde am gleichen Tag in der Kölner Fatih Moschee verrichtet. Der Leichnam wird in die Heimat überführt. Möge Allah (swt) mit seiner Seele gnädig sein. Wir sind mit ihm zufrieden, möge Allah (swt) mit ihm auch zufrieden sein und ihn in sein Paradies eintreten lassen.

Inna lillahi wa inna ilayhi radschiuun.
Wir kommen vom Geliebten und zu IHM ist unsere Heimkehr.

Veröffentlicht von Akif Sahin

Akif Sahin - Autor, Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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