Facebook News Feed: Nicht nur ein Algorithmus

Immer wieder wird fälschlicherweise angenommen, dass der Facebook News Feed (früher Timeline) völlig automatisch heraussucht, was für den aktuellen Benutzer eigentlich relevant sein könnte. Das ist allerdings nur teilweise richtig. Wer sich mit dem Facebook News Feed beschäftigt und sich auch mit Tests versucht den Zusammenhang zwischen angezeigten Informationen und eigenen Interessen zu erklären, wird schnell feststellen: Der Facebook News Feed kann vom einzelnen User sehr stark angepasst und beeinflusst werden. Facebook bestätigt diese Möglichkeit der Einflussnahme mit eigenen Beiträgen zum Thema. Jüngst haben auch Kommentare von Firmenchef Mark Zuckerberg weitere Details und Informationen diesbezüglich offengelegt.

Vollautomatisch anzuzeigen, was der User sehen möchte. Schön wär’s. Facebook braucht eine Menge an Daten und Informationen, um diesem Ziel näher zu kommen. Es muss genau beobachten wie der User funktioniert, was er anklickt, was er als „Gefällt Mir!“ markiert, wie er danach mit den geteilten Inhalten aus diesen Markierungen umgeht. Facebook kann nämlich nicht einfach nur über diese Klicks auf ein klares Interesse schließen.

Am Einfachsten macht es vermutlich folgendes Beispiel deutlich: Ein Freund bittet Sie, seine Seite zu liken. Das tun Sie, obwohl Sie sich nicht gerade für die Kunst des Kartoffelschälens interessieren. Sie besuchen die Seite vermutlich nie wieder. Und Beiträge aus dieser Seite werden im News Feed schnell übersprungen. Auf der anderen Seite können Sie mit weiteren Interaktionen, die auch aktuell gehalten werden, deutlich zu verstehen geben: Ich interessiere mich für dieses Thema.

Einflussnahme auf den Facebook News Feed ist groß

Gerade deshalb muss Facebook auch auf die Mitwirkung seiner User zurückgreifen. Dazu gehört, dass die User die Inhalte in ihrem Facebook News Feed selbst zurechtrücken. Das kann dadurch geschehen, dass sie gleich bestimmte Inhalte verbergen und angeben, sich nicht dafür zu interessieren. Das kann aber auch durch gezieltes Ausschalten von Abonnements geschehen. Beispielsweise ist man mit Freund X sehr gerne befreundet, aber seine auf Facebook geteilten Beiträge als Wutbürger interessieren nicht die Bohne.

Ein Zeichen auf Vorlieben können übrigens auch User sein. Es gibt im Internet und auch auf Facebook Personen und User, die man als „Influencer“ bezeichnet. Diese Personen sind Meinungsmacher oder einfach nur „Role-Models“ und haben immensen Einfluss auf ihre Follower. Entsprechend werden Beiträge zum Thema Islam beispielsweise von bestimmten Personen auf Facebook höher gewichtet als von Hans Wurst. Auch dieses Kriterium wird bei der Anzeige von Inhalten im News Feed mit Berücksichtigt. Influencer haben es immer leicht mit ihren Beiträgen angezeigt zu werden. Die Nutzer haben sich bewusst zum Folgen entschieden und teilen gerne die Inhalte.

Und dann gibt es noch eine weitere Funktion, die von Facebook regelmäßig eingesetzt wird. Die direkte Befragung der User nach vorherigen Beiträgen. Immer wieder gibt es diese intern als „Qualitative Umfragen“ bezeichneten Befragungen. Der einzelne User kann dabei, aus einer Auswahl an früher angezeigten Beiträgen, angeben was er als „relevant“ oder sogar als „spam/Werbung“ empfindet. Diese Umfragen präzisieren die eigenen Maßstäbe des Users für den Algorithmus. Und sie finden auch deshalb mehrfach und immer wieder statt.

Auswirkungen für Facebook-User und Seitenbetreiber?

Die Ergebnisse dieser Befragungen haben allerdings einen Einfluss auf alle User und die anzeigten Informationen im News Feed. Denn die gesammelten Ergebnisse ergeben einen riesigen Topf mit Informationen über das Empfinden von Usern auf Facebook. So kann man sogar die Einschätzungen der User in Regionen, Länder und Städte unterteilen. Auch eine Unterteilung nach „religiösen und weltanschaulichen Vorstellungen“ wäre möglich. So werden Hamburger beispielsweise Beiträge auf Facebook generell anders bewerten, als Personen aus München. Es gibt einen sozialen Unterschied, der sich auch in der Mentalität der Bürger einnistet.

Facebook hat nun anhand dieser „BIG DATA“ begonnen seinen Newsfeed für alle User anzupassen. Dabei steht im Vordergrund Beiträge, die man höchstwahrscheinlich mögen würde und Beiträge mit denen man höchstwahrscheinlich interagieren würde, im persönlichen Newsfeed anhand der Auswertung von solchen Informationen früher und höher anzuzeigen. Das hat auch Auswirkungen auf die Betreiber von Seiten auf Facebook. Sie können nicht mehr nur einfach als „Klickhuren“ auftreten. Sie müssen sich um relevanten Content für ihre Audience bemühen.

Das Ergebnis ist daher auch, dass es verschiedene Seiten gibt, die in den persönlichen News Feed der User gar nicht mehr auftauchen, während andere stärker und präsenter als bisher bei den Usern angezeigt werden. Facebook selbst rät seinen Seitenbetreibern dazu, Inhalte für die Audience zu gestalten und zu teilen. Alles andere mag zwar für einen Moment funktionieren, wird aber langfristig scheitern – so die Voraussage. Unberührt davon bleiben aber solche Dinge wie Aktualität und Frequenz beim Teilen von Inhalten auf den Seiten. [1]

Ist Facebook dadurch eine Filter-Bubble?

Nach Angaben von Mark Zuckerberg, bei seinem Berlin-Besuch vergangene Woche, ist eine Filter-Bubble sowieso nur ein Mythos. [2] Und bei seinem Besuch gab Zuckerberg auch den Hinweis darauf, dass im News Feed angeblich nur 30% an Inhalten angezeigt werden sollen, die dem eigenen Weltbild entsprechen. Tatsächlich zeigt die obige Darstellung allerdings, dass der User sehr wohl eine Filter-Bubble basteln kann. Sie wird nicht nur seinem Weltbild entsprechen. Wenn er es extrem macht, kann er sogar den kompletten Newsfeed nur noch mit Dingen füllen, die ihm gefallen. Alles andere verschwindet im Daten-Nirvana.

Das Zuckerberg Studien zum Thema Filter-Bubble anscheinend nicht mal kennt, ist die andere Seite der Medaille. Der Multi-Milliardär muss aber auch darauf bedacht sein, sein Angebot nicht kaputt zu reden. Die Gestaltung des News Feeds aber ist schon seit längerem ein Dorn im Auge der Nutzer. Auch wenn andere Projekte wie Twitter mittlerweile auf den gleichen Zug springen, so birgt diese Filter-Bubble nicht nur aus datenschutzrechtlichen Gründen eine Gefahr. Und auch darauf ging Zuckerberg nicht ein. Er behauptete einfach, die User hätten volle Kontrolle über ihre Daten. Das dem nicht so ist, zeigt allein die Gestaltung des News Feeds.

Er ist halb-automatisch und fest ausgerichtet nach den Vorlieben – nicht nach Erkenntnis und Informationsgewinnung. Entsprechend wird die Attraktivität des sozialen Netzwerkes in der Zukunft – trotz des Bequemlichkeitsfaktors – deutlich leiden. Man will schließlich auch mal was Neues lernen und erleben.

Fußnoten

[1] „News Feed FYI: Using Qualitative Feedback to Show Relevant Stories“ auf Facebook Newsroom. 01. Februar 2016

[2] Patrick Beuth: „Mark Zuckerberg – Unter Weltveränderung macht er’s nicht“ in Zeit Online. 26. Februar 2016

Veröffentlicht von Akif Sahin

Akif Sahin - Autor, Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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