Lust & Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten

„Warum hat er sich gerade dieses Thema ausgesucht?“, fragte mich unlängst ein Freund über WhatsApp. Er hatte sich gerade über den Titel des Buches von Ali Ghandour empört. Nicht, dass man als muslimischer Theologe nicht über Sex und Erotik schreiben dürfe – nur er hätte etwas Wissenschaftlicheres erwartet und kein „billiges Thema“ um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Ich musste schmunzeln und klärte ihn auf: „Ghandour schreibt nicht über Sex und Erotik sondern zeigt anhand dieses Themas die Tabuisierung von Themen und den Wegfall der Meinungsvielfalt in der muslimischen Geschichte.“

Dabei hatte ich noch gar nicht das Buch gelesen. Es lag mir fern, dem Autor etwas Schlechtes unterstellen zu wollen. Und in den Medien geisterten bereits erste Artikel und Interviews zum Buch herum. „Lust und Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten“ ist bereits im Jahr 2015 erschienen und steht seither zum Verkauf. Es ist das erste Werk von drei geplanten und anderen Werken, die einen gemeinsamen Nenner haben. Sie alle sollen einen Einblick in das Islamverständnis der Vormoderne (nach Ghandour in der Zeit vor dem 19. Jahrhundert) gewähren und einen Vergleich zum Islamverständnis unserer heutigen Zeit ermöglichen. Dabei soll vor allem der Kontrast von damals und heute deutlich werden.

Worum geht es in Lust & Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten

In drei Kapiteln geht Ali Ghandour entsprechend auf die Thematik ein und schafft Kontraste. Dabei bemängelt er vor allem die heute fehlende Gelassenheit bei Muslimen, wenn sie auf kontroverse und unterschiedliche Meinungen zu bestimmten Themen stoßen. Deutlich macht dies Ghandour anhand verschiedener Themen. Am deutlichsten wird dies jedoch beim Thema Analsex, dass tatsächlich auch bei einigen Gelehrten als „erlaubt“ angesehen wurde, selbst wenn die überragende Mehrheit dies als verboten ansieht. [1] Dennoch war ein Verweis auf solche Mindermeinungen damals – anders als heute – durch die Gelehrten mit der Verbotsmeinung usus.

Ghandour geht im Buch weiter auf die Themen Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten ein und liefert einen interessanten Einblick zu diesen Themen anhand einer Auflistung der Werke des bekannten Imam as-Suyuti. Abgerundet wird dieser Themenkomplex in drei Kapiteln schließlich mit Anhängen, die aus authentischen Übersetzungen von Inhalten aus Werken der Gelehrten bestehen und einen anderen Einblick in die Thematik liefern, als oft in der Mehrheitsgesellschaft und bei den meisten Muslimen angenommen wird.

Besonders empfehlenswert ist die Übersetzung eines Teils von Muhyid Din ibn al Arabis „Die Krone der Sendbriefe“. Dabei geht es um eine erotische Darstellung der Kaaba, die in ihrer Wortgewaltigkeit auch in der Übersetzung sehr berührend und schön ist. [2] Beim Lesen dieses Abschnittes erinnerte ich mich aus irgendeinem Grund an ein Ölgemälde von Ilyas Özdemir (Künstlername Phago) [3], der vor vielen Jahren (Anfang der 2000er) auf einer Ausstellung in Hamburg auch ein Bild der Kaaba mit tanzenden Derwischen ausgestellt hatte. Die Konturen der Derwische bildeten für das geübte Auge die Silhouette einer nackten Frau. Es fiel damals nur sehr wenigen Muslimen auf.

Werden und wurden Sex und Erotik bei Muslimen tabuisiert?

Allerdings kann man darüber streiten, ob es Ghandour mit seinem ersten Werk aus dieser Reihe auch wirklich gelingt die Kontraste im Islamverständnis damals und heute herauszustellen. Das liegt weniger am Stoff und Autor als am Vorwissen des Lesers. Denn die Prämissen die Ghandour für gegeben hält, sind nicht unbedingt so vorhanden. Ein Beispiel: Eine Prämisse, die Ghandour in seinem Buch voraussetzt, ist die (akzeptierte) Tatsache, das Sex und Erotik als Themen von Muslimen in unserer Zeit tabuisiert werden. Ghandour selbst führt dazu jedoch lediglich nur eine etwas aktuellere Geschichte aus Marokko über einen Gelehrten aus. Er bleibt uns schuldig, ob das wirklich so ist, oder ob das eher ein aufgeprägtes Bild ist, was uns alle heute in unserer Meinung über Islam und Muslime beherrscht.

Tatsächlich hat mich diese Annahme beim Lesen sehr gestört. Glaubt Ghandour wirklich, dass Sex und Erotik dermaßen tabuisiert werden – von allen Muslimen? Von der Mehrheit der Muslime? Das muss man stark bezweifeln – auch weil der Großteil der Muslime in Deutschland z.B. keine Moscheen besucht und sich sehr wenige mit dem eigenen Glauben befasst. Ein Blick in die eigene Biographie (an der ich übrigens derzeit schreibe) lässt ebenfalls andere Schlüsse zu. Beispielsweise haben wir in den 90er Jahren in der Moschee gelernt, dass das (gute) Vorspiel beim Sex zu den Rechten der Frau am Ehemann gehört. Uns wurde auf jede peinliche Frage – sei es die Frage nach Analsex, den Huris, Selbstbefriedigung oder nach vorzeitiger Ejakulation – durch unsere Imame ausführlich geantwortet. Den Schülern wurde immer nur nahegelegt beim Stellen von Fragen auf die Sprache zu achten: Jede Frage muss in einem Rahmen des Anstands gestellt werden. Ein Punkt, den auch Ghandour in seinem Buch herausstellt – über die früheren Muslime.

Moderne bedeutet andere Zugänge zu den Themen zu haben

Daneben hatten wir auch noch das „Vergnügen“ in der Schule den Sexualkundeunterricht zu besuchen, die „Bravo“ zu lesen und wenn wir echt viel Glück hatten, auch unsere eigenen Väter zu fragen. Hinzu kam auch eine Fülle an Literatur (nein nicht die Praline und auch nicht den Playboy), die uns immer wieder mit dem Thema konfrontierte. In deutscher Sprache gab es zwar kaum etwas (abgesehen von kleinen Büchlein: „Wunder des Lebens“ und „Die Ehe im Islam“ aus der Schriftenreihe des Islamischen Zentrums München) doch ein Blick auf die türkische Literatur bringt Werke zu Tage, die bis heute Bestseller sind.

Allein die ersten beiden Bände des Buches „Das Sexualleben nach dem Islam“ von Ali Riza Demircan hatten bereits im Jahr 2004 ihre 43. Auflage erreicht. Die erste Auflage wurde 1984 veröffentlicht. Die erfolgreichen Bände liegen als Sammelband heute in Übersetzungen für Uigurisch, Azerbaidschanisch, Russisch und Englisch vor. [4] Sie werden ständig verbessert und ergänzt – auch mit Fragen zu aktuelleren Themen (zuletzt 2011). Und sie schließen keine Fragen aus und tabuisieren nicht. Ähnliche Bücher – ja sogar Romane in denen es richtig zur Sache geht, zwischen den Liebenden und Anderen – gehören heute zum Repertoire der modernen „green society“, wie ein Freund bestimmte muslimische Kreise nennt. Ratgeber für Muslime um richtig zu flirten und Magazine für die „muslimische Frau“ gehören ebenso zu dieser neuen Realität.

Schneller Zugang zu Sex und viel Verrohung

Gerade im Zeitalter der Digitalisierung stellen wir aber auch immer wieder fest, dass Abhandlungen, Fatwas und andere Texte schnell und einfach in die Smartphones kommen, junge Muslime mit ganz anderen Bildern aufwachsen und die Tabuisierung heute eher auf die Art und Weise bezogen ist, als auf die Inhalte. So lesen wir immer wieder verschiedene Übersetzungen aus dem arabischen, die Sex und Erotik als Themen beinhalten und ohne Tabus Antworten liefern. Auch das steht dem herrschenden Islam-Bild in den Köpfen konträr gegenüber.

Und auch ein anderes (laut Aussagen vieler Gelehrter verbotenes) Element erlebt in dieser Zeit immer mehr Aufmerksamkeit. Der Bereich der Pornoindustrie hat muslimische Klienten als Zielgruppe ausgemacht. Live-Cams mit Frauen mit Kopftuch sind da nur eine Facette der neuen Onlinewelt, die sich den vermeintlichen Bedürfnissen junger muslimischer Männer auf der ganzen Welt widmet. Darstellerinnen wie die 23jährige Libanesin und Christin Mia Khalifa [5] haben – ohne wirklich muslimisch zu sein – einen neuen Kult rund um „Hijab Porn“ und „Muslim Porn“ geprägt, der sexuelle Darstellungen in Büchern weit hinter sich lässt.

Das macht junge Muslime aber auch anfällig für Verrohung und den Verlust für die Realität. Sexsucht und Sexting gehören heute auch in Malaysia, Indonesien, der Türkei und anderen mehrheitlich muslimischen Staaten zu ernsthaften Problemen der Jugend. Während in einigen Ländern auch die Emanzipationsbewegung der Frauen an Fahrt aufnimmt – und damit auch Forderungen für mehr sexuelle Befriedigung bei Musliminnen -, entstehen immer mehr neue Möglichkeiten für Experten und Imame ihr Wissen an die Bevölkerung weiter zu geben. So sind sexuelle Ratgeber im Fernsehen heute keine Seltenheit mehr – erst recht kein Tabu.

Sollte man dann dieses Buch lesen?

Die Leistung dieses Buches besteht daher – aus meiner Sicht – nicht darin für Muslime, die sich stark mit ihrem Glauben und ihren Vorstellungen reflektiert auseinandersetzen, geschrieben worden zu sein, sondern für Muslime und Nichtmuslime geschrieben worden zu sein, die sich im Besitz eines großen Wissens über den Islam wähnen. Der Einblick, den Ali Ghandour hier liefert, ist authentisch, er ist überzeugend und zeichnet ein ganz anderes und differenzierteres Bild, als das was wir täglich und immer wieder von Medien und vermeintlichen „Islam-Experten“ vorgesetzt bekommen.

Gerade all jenen, die ständig versuchen etwas zu tabuisieren und die Meinung anderer kaputt zu machen, sollte man dieses Buch als Pflichtlektüre auferlegen. Denn Ghandours Werk stärkt die Meinungs-Vielfalt und -Kultur und kann bei entsprechend nicht vorhandener Vorbildung durchaus schockierend und sogar errötend sein. Das Buch ist sehr flüssig geschrieben, die Themen gut unterteilt und die Beispiele sehr anschaulich und prägnant ausgewählt. Es klärt auf und nimmt dabei auch keine Rücksicht auf unnötiges Schamgefühl.

Mit diesem Werk beginnt Ali Ghandour eine Reise für die Leser hin zu einem besseren Verständnis einer Meinungsvielfalt unter den Muslimen und „im Islam“. Man kann nur hoffen, dass die geschilderten Beispiele den Lesern in anderen Diskursen im Kopf bleiben. Vermutlich wird sich der Autor aber mit dem Text auch ein paar Feinde machen, die eben nicht diese Offenheit, wie sie bei den Muslimen vor der „Moderne“ vorhanden war, leben wollen und leben.

Dennoch bleibt es ein mutiger Schritt, sich einem solchen Thema auf diese Art zu nähern. Man kann Ghandour nur wünschen, dass sein Buch weiter Verbreitung findet und viel gelesen wird.

Buch: Lust & Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten
Verlag: Editio Gryphus, Hamburg
Erscheinungsjahr: 2015
Autor: Ali Ghandour
Preis: 9€
ISBN: 978-3-9817551-0-7
Bestellung: http://editiogryphus.de/index.php/lust-und-gunst/

Offenlegung: Der Autor dieses Beitrags kennt Ali Ghandour persönlich und schätzt diesen als geistreichen Wissenschaftler und Autor. Das Buch „Lust und Gunst“ wurde ihm über den Verlag zur Rezension zur Verfügung gestellt. Der Autor hat sich beim Schreiben alle Mühe gegeben die nötige Distanz zu wahren.

Fußnoten
[1] Siehe S. 22
[2] Siehe S. 66
[3] Website von Ilyas Özdemir, http://www.phago.net/
[4] Sexual Life According To Islam von Ali Riza Demircan steht als Download Gratis zur Verfügung
[5] Eintrag zu Mia Khalifa in der deutschsprachigen Wikipedia

Veröffentlicht von Akif Sahin

Akif Sahin - Autor, Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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