Sufismus – Eine Einführung in die islamische Mystik

Immer wieder trifft man auf kontroverse Fragen zum Thema Sufismus. Vor allem muslimische Jugendliche, die nicht genau verstanden haben was Sufismus eigentlich bedeutet und welche Strömungen es gibt, wenden sich fragend an ihre Bezugspersonen. Auch, weil offene Anfeindungen gegenüber Sufis heute weitaus stärker in der deutschsprachigen Öffentlichkeit anzutreffen sind als früher. Entsprechend lautet eine oft wiederkehrende Frage: „Sind Sufis eigentlich Muslime?“ Dabei ist die Frage nicht einmal böse gemeint. Die falschen Vorstellungen und vermeintlich „islamischen“ Meinungen zu Sufis sind dank Laienpredigern sehr prominent geworden. Dabei basieren die meisten Vorurteile gegenüber Sufis auf Hörensagen oder sind – noch schlimmer – politisch motiviert. Es fehlt eine Differenzierung – und vor allem an Hintergrundwissen.

Insofern braucht es einer wissenschaftlichen Herangehensweise, die alle Facetten dieser Thematik behandelt. Ein klärendes Gespräch mit den Fragenden und Jugendlichen kann dabei nur der Anfang für eine Auseinandersetzung mit dem Thema sein – es bleiben immer viele offene Fragen. Als ein guter und etwas vertiefender Einstieg zu diesem Thema hat sich in der Praxis das Buch „Sufismus: Eine Einführung in die islamische Mystik“ von Annemarie Schimmel erwiesen. Die 2003 in Bonn verstorbene und geachtete Islamwissenschaftlerin hat mit ihrer Einführung, die man populärwissenschaftlich nennen mag, eine Basis für eine ausgewogene Auseinandersetzung mit dem Thema Sufismus geschaffen.

Blick der Wissenschaftlerin, fasziniert vom Islam und der Mystik

Schimmel hat dabei einerseits den Blick der Wissenschaftlerin, aber andererseits auch den Blick der vom Sufismus faszinierten Autorin inne. Sie selbst war zeitlebens vom Islam und seinen Ausprägungen angetan. Sie versagte jedoch die Annahme des Islam als ihre eigene Religion. Entsprechend muss man auch ihr Werk würdigen. Es ist nicht aus der Perspektive einer bekennenden Muslimin geschrieben und erlaubt damit einen gänzlich anderen Blick auf das Thema. Den Blick der vom Islam faszinierten Brückenbauerin, die um Verständnis für ein gesellschaftliches Miteinander warb.

Zentrum und Grundlage des Lebens

Schimmel behandelt in ihrem Buch die Entstehungsgeschichte des Sufismus, das Verständnis von Gottesliebe als Kern der sufistischen Lehre, die Mystik und den Einfluss des Sufismus auf die Literatur. Sie geht ferner auf die geschichtlichen Hintergründe der Ordensbildungen ein und betrachtet wichtige Persönlichkeiten, Vertreter und Strömungen des Sufismus bis hin in unsere Zeit. Dabei zeigt sie aber auch die Kritik am Sufismus innerhalb des Islam auf und geht auch auf den, wie sie es nennt „volkstümlichen Sufismus“ ein.

„Für den Sufí ist, wie für jeden Muslim, das im Koran offenbarte Gotteswort Zentrum und Grundlage seines Lebens“, schreibt Schimmel zu Anfang des ersten Kapitels und fasst damit bereits die wichtigsten Punkte des Sufiseins zusammen. In weiteren Kapiteln werden Gedichte mit einer Wortgewalt dem Leser näher gebracht, ebenso wie wichtige Lehren des Sufismus in Bezug auf die Gottesliebe und Gottvertrauen.

„Die Endstation des Sufi-Weges ist die Gottesliebe oder Gotteserkenntnis. Jede mystische Strömung kennt diese beiden Ziele: Liebesekstase und Erkenntnis, Gnosis, und der Islam macht hier keine Ausnahme.“ (S. 27)

„So ist tawakkul jetzt das unerschütterliche Vertrauen darauf, daß Gott immer weiß, was dem Menschen am besten tut, und diese Haltung (die man auch als „Gutes von Gott denken“ definiert) hat das Leben der vom Sufismus beeinflußten Menschen zutiefst geprägt.“ (S.25)

Autorin wird schmerzlich vermisst

„Sufismus“ glänzt durch seinen kompakten Informationsgehalt. Schimmel bringt die wesentlichen und wichtigsten Punkte des Sufismus und seiner Ausprägungen auf den Punkt. Sie bleibt dabei nicht an der Oberfläche theoretischer Betrachtungen hängen, sondern geht in die (wissenschaftliche) Tiefe. Manchmal wirkt es sogar so, als fehle der Autorin die nötige Distanz zum Thema. Die Sprache lässt das Buch glänzen, weil sie nicht nur plump Texte übersetzt, sondern für den Leser verständlich und sinnvoll überträgt. Kleinere Fehler verzeiht man da gerne – auch weil sie eher die Meinung der Autorin darstellen, als wissenschaftliche Erkenntnisse.

Was allerdings erneut beim Lesen dieses Buches offenkundig wird, ist die Tatsache, dass es seit dem Ableben von Schimmel an Autoren mangelt, die das Vermittelnde zwischen den Kulturen und Religionen suchen. Schimmel berührt beispielsweise den Leser auf eine unbeschreibliche Art: Dafür reicht manchmal allein schon die Übersetzung einer Gedichtzeile aus dem Persischen oder Arabischen – weil sie kaum die Original-Intention verloren zu haben scheint.

„Ich kannte Heimweh nicht, da er bei mir war;
mein Herz war ruhlos nicht, wo wir auch waren …“ (Ibn al Farid, S. 49)

Auf solche Werke werden wir vermutlich weiterhin noch warten müssen. Die meisten Autoren unserer Zeit begnügen sich mit dem einfachen Zusammenfassen der Fakten und ein paar Analysen. Auch hat sich der Untersuchungsgegenstand verändert. Nicht mehr der Islam und seine faszinierende Welt stehen im Vordergrund, sondern eher Terror- und Sicherheitsthemen. Es sind leider nur noch leblose Bücher über den Islam, die da größtenteils (sieht man von Ausnahmen wie Navid Kermani weg) produziert werden. Da sind dann solch „alte“ Werke durchaus empfehlenswert, modern und vor allem erfrischend. Nicht umsonst wurde Schimmel 1995 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

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Veröffentlicht von Akif Sahin

Akif Sahin - Autor, Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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