Der islamische Staat – Anatomie des Neuen Kalifats

Ein Geist geht in Deutschland um. Der „Islamische Staat“ (IS) zieht nicht nur ahnungslose Jugendliche in seinen Bann, er fasziniert und erschreckt gleichzeitig die Gesamtbevölkerung in Deutschland. Dies zeigt sich auch an der inflationär erscheinenden Masse an Literatur, die zum Thema erschienen ist und in hoher Auflagenzahl verkauft wird. Wo immer man einen Buchladen betritt kommt man nicht um das neue Hauptthema in den Köpfen der Menschen herum.

Es gibt zig verschiedene Autoren und zig verschiedene Bücher zum Thema „Islamischer Staat“ und die Zahl nimmt täglich weiter zu. Als empfehlenswert gelten mittlerweile die Bücher von Dr. Guido Steinberg („Kalifat des Schreckens: IS und die Bedrohung durch den islamistischen Terror“) und des Islamwissenschaftlers Behnam T. Said („Islamischer Staat: IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden“). Weniger bekannt hingegen scheint das Buch „Der Islamische Staat: Anatomie des Neuen Kalifats“ von den französischen Autoren Olivier Hanne und Thomas Flichy de La Neuville zu sein. Dabei lohnt sich ein genauerer Blick auf das vom Französischen ins Deutsche übersetzte Werk.

Anderer Blickwinkel auf den „Islamischen Staat“

Denn Hanne und Flichy sind durch ihre universitäre Arbeit (Geopolitik, Islamische Welt) durch einen anderen Blickwinkel gesegnet, der eine neue Betrachtungsebene beim Thema „Islamischer Staat“ schafft. So werden Analysen und Hintergründe, sowohl aus der Geschichte als auch ideologischer Natur geliefert. Wer weiß denn schon um der Theorien des islamischen Gelehrten Ibn Khaldun, der in seiner Muqaddima quasi eine Theorie des Zerfalls der muslimischen Welt beschrieben hat, die heute noch in den Köpfen der Araber herumschwirrt und maßgeblich zur Ideologie des IS beigetragen hat? Oder wie die genauen zarten Linien der Unterscheidung zwischen Al Qaida, Salafisten und IS-Anhängern verlaufen?

Hanne und Flichy geben sich nicht nur Mühe, sie haben sich in einer unaufgeregten und nüchternen Art den Themen einverleibt. So widmen sie sich Anfangs der Entstehungsgeschichte des IS und zeigen auf, dass die Gründung des „Protostaates“ keineswegs irgendwelchen Zufällen geschuldet war, sondern seit der ersten Stunde fällig und notwendig. Dabei werden Ursache und Wirkung nicht vertauscht und es gibt einen sehr kritischen Blick auf die Invasion des Irak durch US-Truppen im Jahr 2003. Diese gilt heute als verantwortlich für die instabile Lage im Irak als auch als Auslöser für die Gründung des „Islamischen Staates“.

Der „Islamische Staat“ ordnet die Region um

Ebenso gehen die Autoren auf die Spuren der Hintermänner des IS, die oftmals aus alten Saddam-Riegen bestehen und von einflussreichen sunnitischen Stammesangehörigen unterstützt werden. Dabei wird auch der ziemlich undurchsichtig erscheinende Werdegang des selbst-ernannten Kalifen Al-Baghdadi nachskizziert, als auch die oft nicht weiter beachtete Symbolik im Terror des IS offengelegt. In ihrer Analyse zeigen Hanne und Flichy warum der „Islamische Staat“ als solcher überhaupt bestehen konnte und in welche Richtung sich der „Islamische Staat“ entwickeln muss, um als echter „Staat“ überleben und dauerhaft sein zu können. Dies wirft aber auch einen Schatten auf die geopolitischen Entwicklungen und Interessen in der Region.

Denn der „Islamische Statt“ zeigt ganz offen wie verletzlich der Nahe-Osten eigentlich noch immer ist. Und der „Islamische Staat“ ordnet nach Ansicht der Autoren die komplette Region neu um. Die Autoren zeigen ebenso anhand ihres Fachwissens, welche Intentionen bei den Akteuren in der Region vorliegen, um den IS zu unterstützen oder zu bekämpfen. Gerade die Rolle der Türkei, Ägyptens und Saudi-Arabiens werden durchleuchtet. Und auch die Unterschiede zu Al Qaida – aus dem die IS hervorgegangen ist – werden in dem Buch sehr gut analysiert.

Fazit: Unbedingt lesen, wenn man mitreden möchte!

Zum Schluss geben die Autoren einen Ausblick auf verschiedene Szenarien in der Zukunft und ihren Bedeutungen für die Region. Dabei wird vor allem klar: Einen weiteren „War on Terror“ durch die Alliierten darf es nicht geben. Dieser hat erst dazu geführt, dass es heute den „Islamischen Staat“ gibt. Es wird der Frage nachgegangen, ob der „Islamische Staat“ überhaupt noch zu stoppen ist. Und insofern scheint eine Sache gewiss zu sein: Der Terror wird uns – auch in Europa – erhalten bleiben.

Beim Lesen war ich aufgrund der Fachkenntnisse der Autoren sehr angetan. Nach dem Durchlesen kann ich dieses Buch mit ruhigem Gewissen all denjenigen empfehlen, die beim Thema „Islamischer Staat“ mitreden möchten. Die Autoren haben Fachkenntnisse, die über den Tellerrand blicken, an dem die meisten Autoren bereits scheitern. Eine sinnvolle Ergänzung zu den bisherigen Arbeiten auf dem deutschen Büchermarkt, die zudem durch ihre Nüchternheit glänzt.

Titel: Der islamische Staat – Anatomie des Neuen Kalifats
Autoren: Thomas Flichy de la Neuville / Olivier Hanne
Verlag: Vergangenheitsverlag
Link: http://www.vergangenheitsverlag.de/index.php?mainm=7&id=7&buchid=92
Kosten: 9,90 € (inkls. Mehrwertsteuer)

Offenlegung: Der Autor dieses Beitrags hat ein Exemplar des Werkes kostenlos vom Vergangenheitsverlag zur Rezension erhalten.

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