Angesichts des Blutbads in Paris ist man schockiert und fassungslos. Die Kommentarspalten in den Zeitungen füllen sich jetzt wie von selbst – auch mit Mahnungen, man dürfe nicht den Kopf verlieren. Und erste Parteien nutzen den Anschlag für eigene politische Ziele. So sehen schon AfD-Vertreter durch den Anschlag die islam- und fremdenfeindlichen Pegida-Aufmärsche bestätigt und eine Julia Klöckner von der CDU fordert ernsthaft, dass sich die muslimischen Verbände gefälligst von der Tat distanzieren sollen.

Soviel steht fest: Der Anschlag von Paris wird unsere Debatten in den nächsten Wochen beherrschen, weil er eben von diesen Kräften aufgesogen und instrumentalisiert werden wird. Doch fern von Debatten um Zuwanderung und Asyl sollten sich andere Fragen eher in den Vordergrund spielen, die es vermutlich dennoch nicht schaffen werden. Beispielsweise haben sich heute alle muslimischen Verbände von der Tat schockiert gezeigt und haben diese „auf das schärfste verurteilt.“ Glaubwürdig sind solche Verurteilungen jedoch für die Masse der Bevölkerung nicht. Denn es waren eben auch die gleichen Verbände, die damals bei den Mohammed-Karikaturen scharfe Kritik, auch am Wiederabdruck bei Charlie Hebdo, erhoben haben.

Insofern bleibt die Frage im Raum, ob man es sich nicht zu einfach macht, wenn man sich einerseits von Gewalt distanziert, andererseits aber immer wieder mit einem Fingerwink auf das heutige Opfer gezeigt hat. In dieser Gesellschaft wird häufig davon gesprochen, dass Satire eigentlich alles darf. Doch spielt man nicht der Gesellschaft etwas vor, wenn man die eigenen Gefühle verbirgt? So gibt es viele Muslime, die Charlie Hebdo durchaus kritisch gegenüber standen, auch in Deutschland. Satire darf eben nicht alles und sollte Rücksicht nehmen auf die Gefühle der Menschen, wurde da gefordert. Und Muslime haben es nicht geschafft sich und ihre eigene Meinung in der Sache verständlich und glaubwürdig rüberzubringen.

Muslime nehmen das Thema Radikalisierung nicht ernst genug

Zumindest jetzt scheint das Thema Thema vorerst nicht mehr von Belang zu sein. Auf der anderen Seite deutet sich bereits bei den Tätern an, dass diese sich anscheinend radikalisiert haben. Wie bereits bekannt, soll es sich bei zweien der Täter um Franzosen mit algerischen Wurzeln handeln, wobei über den dritten Täter noch nicht so viel bekannt ist, außer das er obdachlos gewesen sein soll. Die Frage, die uns aber beschäftigen sollte ist, wie es dazu kommen kann, dass Menschen sich auf den Islam berufend Terror ausüben können und den Muslimen anscheinend nichts anderes übrig bleibt als sich von den getanen Taten zu distanzieren. Macht man es sich nicht zu einfach, wenn man gebetsmühlenartig Verse zitiert oder gar verneint, dass es da einen „wirklichen Zusammenhang“ mit dem Islam gäbe. Vielleicht sollte man den Blick für die eigene Verantwortung dann doch schärfen.

Denn noch immer wird die Thematik der stattfindenden Radikalisierung nicht ernst genug genommen. Stattdessen wird sogar teilweise von Verbänden, die eigentlich mittendrin in der Arbeit sein müssten, immer noch distanziert behauptet, man hätte dieses Problem nicht. Dabei muss spätestens jetzt klar sein, dass Deradikalisierung und Prävention alle gesellschaftlichen Gruppierungen angehen und gerade die Muslime dabei mitmachen müssten. Das heißt nicht zu allem ja und Amen zu sagen, das von den Behörden einem vorgesetzt wird, es heißt aber verantwortungsvoll in der Debatte und vor allem bei den Umsetzungen mitzuarbeiten – auch um der eigenen Zukunft willen.

Es fehlt an Integration und Chancengerechtigkeit

Und nicht zuletzt muss aber auch die Frage gestellt werden, was die Gesellschaft eigentlich dafür tut, um Muslimen das Gefühl zu geben, dass sie auch wirklich ein Teil dieser Gesellschaft sind. Die letzten Anti-Pegida-Proteste waren begrüßenswert, aber Proteste ändern nichts an den Grundsätzen und Funktionsweisen in unserer Gesellschaft. Wer einen ausländisch klingenden Namen hat, wird automatisch ausgegrenzt. Dies ist der Grund- und Nährboden für solche Angriffe, wie heute in Paris. Wie soll ein Mensch, der ausgegrenzt und benachteiligt wird in der Lage sein wichtige Bestandteile unseres Alltags, wie Menschenrechte, Pressefreiheit und Meinungsfreiheit zu verstehen, wenn er davon sowieso ausgegrenzt wird und nie diese Werte schätzen gelernt hat?

Insofern muss uns dieser Anschlag zu denken geben. Denn ein Anschlag in dieser Form in Deutschland hätte verheerende Folgen für das bisherige Zusammenleben. Daher müssen wir weiter daran arbeiten den ewiggestrigen das Wasser abzugraben und die Menschen in unserer Mitte willkommen zu heißen, die dazugehören möchten. Wir müssen endlich wirklich integrieren – was auch die Öffnung der eigenen Gesellschaft bedeutet. Und wir müssen endlich für Chancengleichheit sorgen.

Doch wie bereits zu Anfang gesagt. Dies wird nicht unsere Schlagzeilen und Medientitel beherrschen. Es wird vielmehr so sein, dass wir nach einem oder mehreren Sündenböcken suchen werden. Und der Sündenbock kann hier vermutlich nur der Islam sein… Oder???

Veröffentlicht von Akif Sahin

Akif Sahin - Autor, Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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