Salafismus-Tagung der Schura Hamburg: Endlich ein innerislamischer Dialog?

Mit dem Versprechen einer „Auseinandersetzung aus islamischer Perspektive“ wurde von der Schura Hamburg am Samstag (29.11.2014) ein kleines Podium zum Thema Salafismus veranstaltet. Der Volljurist und Postdoc Çefli Ademi, der Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza und der bekannte Prediger Abdelhay Fadil gingen aus verschiedenen Perspektiven auf Probleme und Lösungen in Bezug auf die Salafiyya ein.

Fernab von inhaltlichen Details handelte es sich um einen ersten Versuch für einen innerislamischen Dialog und Diskurs. Anliegen der Schura war es, nach eigener Darstellung, über das Phänomen des Salafismus zu sprechen und dabei auch zuzuhören. So war die Aula des Gymnasiums Klosterschule im Berliner Tor gut besetzt, wenn auch nicht komplett voll. Und tatsächlich waren Vertreter verschiedener Gruppierungen und Ansichten vor Ort, was auch in den Diskussionen zu den Inhalten, die vorgetragen wurden, deutlich wurde.

Ademi: Absolutheitsanspruch ist unislamisch

Çefli Ademi versuchte als erster Vortragender das klassische Verständnis im Islam über die Scharia und den Umgang mit Gesetzen zu erläutern. Immer wieder machte Ademi auf die Meinungsvielfalt im Islam, insbesondere im Bereich der Jurisprudenz, aufmerksam. Es sei daher ein großer Fehler, dass bestimmte Bewegungen die eigenen Meinungen als absolut richtig darstellten und anderen ihre verschiedenen Auffassungen als Fehler und Sünde ankreideten. So brachte Ademi das Beispiel mit Imam Malik (ra), der sich dagegen aussprach seine Rechtsmeinung, die er in der Muwatta festgehalten hat, als allgemeingültig durch den Herrscher erklären zu lassen.

Ademi machte auch deutlich gerade angesichts der Diskussionen um die Terrororganisation IS, dass es falsch sei zu behaupten, dies habe nichts mit dem Islam zu tun. Er plädierte stattdessen dafür, dass klassische Verständnis vom Islam den Menschen näher zu bringen, um so deutlich machen zu können, warum sich Gruppierungen wie IS außerhalb des (Mehrheits-)Islam befänden. Seine Ausführungen zum klassischen Verständnis von Begriffen wie Scharia und Fiqh bildeten hierzu die Ausgangslage. Gerade im Islam positiv besetzte Grundbegriffe des Alltags müssten auch so vermittelt werden, erklärte Ademi.

Murtaza: Salafiyya-Bewegung befindet sich in einer Krise

Muhammed Sameer Murtaza ging hingegen mit einem historischen Blick auf die Bewegung der Salafiyya ein, die er als Reformationsbewegung – jedoch ausdrücklich nicht im negativen Sinne verstanden – bezeichnete. Anders als heute oft in der von Sicherheitsbetrachtungen geprägten Praxis gängig, unterschied Murtaza die Bewegungen nicht entsprechend ihrer Haltung zur Politik oder der Befürwortung von Gewalt, sondern entsprechend ihrer Entwicklungs- und Entstehungsgeschichte. Es war eine historisierende Betrachtung eines breiten Spektrums.

Laut Murtaza sieht sich die gegenwärtige Salafiyya-Bewegung – nicht nur wegen dem IS – einer Krise ausgesetzt. Es sei der Salafiyya nicht gelungen, trotz des Anspruches den Verfall in der muslimischen Welt zu stoppen, diese wieder intellektuell, technisch und politisch zu einem Vorbild zu machen. Er hält es für mehr als unwahrscheinlich, dass die eigentlich positiven Aspekte der Reformbewegungen je wieder zu einem positiven Beitrag für Islam und Muslime werden könnten. Er bezieht sich dabei auf den Philosophen Malik Bennabi, der vor allem in den derzeit vorherrschenden muslimischen Kulturen kein „verbindendes Element“ sieht. So seien die Muslime weiterhin der Stagnation – die sich auch in neuen Gesichtern zeige – verfallen.

Abdelhay Fadil: Wir bauen zu viel Druck auf die Kinder auf

Der Prediger Abdelhay Fadil vermied es eine bestimmte Gruppe für die Probleme in der muslimischen Gesellschaft verantwortlich zu machen. Er machte in seinem Vortrag vielmehr selbstkritisch auf die Hintergründe von Radikalisierung aufmerksam, auch wenn er dies nicht direkt so benennen wollte. Dabei zeigte Fadil sehr anschaulich mit welchen Methoden junge Menschen von bestimmten Kreisen geködert würden, um in den Kampf nach Syrien oder anderswo geschickt zu werden. Methoden und Ansatzpunkte wurden prägnant von ihm vorgestellt.

Auf der anderen Seite ging Fadil auf ein oft vernachlässigtes Thema ein, in dem er auf familiäre und gesellschaftliche Strukturen hinwies, die körperliche oder psychische Gewalt auf Kinder ausübten. Gerade „unsere Kinder“ seien sowohl Zuhause, als auch in der Schule sowie bei der Arbeit immer einem besonders erhöhten Druck ausgesetzt. Die Konsequenz daraus sei zwangsläufig, dass man ab einem bestimmten Alter rebelliere und sich versuche Freiheiten aufzubauen. Es fehle oft auch ein Vertrauensverhältnis zu den eigenen Eltern, um über persönliche Probleme zu sprechen.

Gerade dies wurde von Fadil als ein Hauptgrund für mögliche Radikalisierung von Jugendlichen benannt, weil Organisationen wie IS hier ansetzten und den Jugendlichen alles versprechen würden, was sie hören wollten. Entsprechend seien die Videos und anderes Propagandamaterial auch aufbereitet.

Ein erster Schritt, dem weitere Folgen müssen

Insgesamt war es eine interessante Veranstaltung mit einer ungewöhnlich guten Diskussionskultur. Obwohl man in vielen Punkten mit den Vortragenden nicht übereinstimmte, wurde die Kritik vom Publikum sachlich und nüchtern vorgetragen. Es war beeindruckend in dieser relativ kleinen Runde verschiedene Ansichten und auch Positionen zu hören, die allesamt mit Respekt und Achtung vorgetragen wurden.

Ein echter Dialog zwischen Basis und Schura konnte so noch nicht wirklich entstehen, weil das Publikum sich nur mit den Thesen der Vortragenden auseinandersetzen konnte. Doch die Schura Hamburg will den Dialog führen und plant weitere solcher Veranstaltungen. Insgesamt kann man die erste Tagung dieser Art als einen Erfolg bezeichnen: Weil eine Tür geöffnet wurde, um das Gespräch zu suchen – ohne Ausgrenzung. Es wird jetzt nur die Frage sein, ob diese Tür weiter geöffnet wird und man auch unabhängig von solchen Veranstaltungen ins Gespräch kommen wird.

Mustafa Yoldaş, Vorsitzender der Schura Hamburg, hatte in seinem Grußwort bereits angekündigt, dass man diesen Weg gehen wolle. Auch weil er daran glaubt, dass dieses Problem intern – unter den Muslimen – besprochen und gelöst werden muss. Und obwohl der Schritt der Schura relativ spät kommt, kann sie sich damit rühmen, dass sie tatsächlich einen bisher einmaligen und institutionalisierten innerislamischen Dialog mit der Basis aufbaut. Man kann nur hoffen, dass diesem ersten Schritt viele weitere Schritte folgen und es nicht nur beim Thema „Salafismus“ bleibt.

Veröffentlicht von Akif Sahin

Akif Sahin - Autor, Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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